InselSommerRoman

Am Hafen stand Tante Klärchen. Ein InselSommerRoman.

Am Hafen stand Tante Klärchen
Ein Inselsommerroman in Fortsetzungen…
früher gab es Fortsetzungsromane, in der Zeit vor dem Serienbingen: Fortsetzung folgt, hoffen wir das Beste, lieber Leser.
Hier auf KreativeAchtsamkeit gibt es das jetzt wieder: den Fortsetzungsroman, zeitgemäß im blog, im Geiste aber retro. Jeden Freitag erscheint ein neues Kapitel, und wenn Sie reinschauen, erwartet Sie die Fortsetzung der Abenteuer von:
Tante Klärchen, auch genannt Clara Dorothea Mehmel:
Villenbesitzerin, ehemalige Leiterin der „Kinderpension am Südstrand“, leidenschaftliche Köchin, Frau mit internationaler Vergangenheit, vielen Interessen, präsentem Scharfsinn und internationaler Zukunft. Ist Anfang 80, kuckt netflix und lernt dabei Englisch. Wohnt in der Straße, die ihren Namen trägt.
Helene von Ubbeloh, auch genannt Lenchen:
War Psychologin im Klinik-Konzern, kann gut beobachten und einsortieren, was sie wahrnimmt. Ist Anfang 40 und hat Träume. Kommt im Burn-out auf die Insel, entdeckt ihre Jugend wieder und wird zur Detektivin ohne Plan.  Verliebt sich außerdem, auch ohne Plan.  Nichte von Tante Klärchen.
Mathilde Nora Luise Sörensen, genannt Matti:
Jugendfreundin von Helene, Frau für Verwaltung, IT und alles andere im Heimatmuseum, Insel-Ureinwohnerin mit uralter Familiengeschichte, verwandt mit allen und jedem, kennt alle und jeden, weiß viel über die Insel, und sieht vielleicht genau deshalb manches einfach nicht.
Siegesmund Optenberg, genannt der Optimizer:
bester Freund von Tante Klärchen, Lehrer im Ruhestand, eifriger Helfer, Christ und Coach,  kriegt immer die Kurve.
Ketel Ketelsen, genannt KK:
Inselmaler, Inseldichter, Insel-Ureinwohner, Anbau von Kräutern zum Rauchen, Besitzer des Ladens Dicht & Kunst im letzten Inseldorf. Liebt seine Insel.
Elena Ketelsen, geb. Söna:
kommt aus Lettland, ist mit KK verheiratet, keine Kinder, Alien auf der Insel.
Roswitha Kämmerer, Inselärztin, genannt Rossi:
redet mehr mit den PatientInnen, als ihrer Bilanz guttut. Hat Intuitionen und folgt ihnen auch.
Cara, zauberhafte Katze, kluge Begleiterin, manchmal magisch. 

Caveat; cum grano salis; zur Werkgeschichte

Der InselSommerRoman ist ein Werk meiner Phantasie, ein Roman eben, und Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Es wäre einen kleinen Artikel wert, wie Romanfiguren und Romanhandlungen im Geist der Schreiberin zustande kommen. Ich hab mich mehr als einmal gewundert, was meine Phantasie mir da eingegeben hat… angefangen hat es übrigens in meinem Sabbatjahr, im Mittsommer. Ich saß auf der Terrasse und war am Nichtstun, und plötzlich war ein Satzanfang in meinem Kopf: ‚Am Hafen stand Tante Klärchen…‘ das war alles. Unnötig zu sagen, dass ich keine Tante Klärchen habe und auch keine Tante Klärchen kenne. Aber weil ich ein bisschen was übers Schreiben und über Kreativität weiß, bin ich reingegangen, hab den Laptop geholt und mich damit wieder hin gesetzt und dann eine Datei angefangen mit den Worten: „Am Hafen stand Tante Klärchen“ . Der Rest steht hier, cum grano salis, jeden Freitag frisch. Ich plane übrigens einen podcast. Übers Schreiben, über Tante Klärchen, und natürlich lese ich dann auch den Roman vor… Aber jetzt geht’s hier erstmal los, absobloodylutely:


1 Absobloodylutely

Am Hafen stand Tante Klärchen, um mich abzuholen. Ich sah sie schon, als ich noch auf dem Zwischendeck der Fähre  stand. Meine alte Tante stand zwischen den Urlaubern, die darauf warteten,  auf die Nachbarinsel zurückzukehren, nachdem sie einen Tagesausflug  gemacht hatten.

Es war später Nachmittag, und die Sonne stand noch hoch. Mittsommerzeit, die beste Zeit. Die Luft warm, das Meer still, kein Wind, und ich hatte die Fährfahrt angenehm im Schatten verbracht, neben der Tür zur Kapitänsbrücke, mit Blick auf die Halligen am Horizont. Auf der ganzen Zugfahrt von München hierher hatte ich mich gefragt, was ich hier tue, warum ich jetzt ausgerechnet bis kurz vors Ende der Welt fahre, um Tante Klärchen auf ihrer Nordseeinsel zu besuchen.
Oder ging es hier um etwas anderes?
Eine Rührung flog mich an, ich konnte mich noch gut erinnern, wie wir als Kinder hierher kamen, mein Vater nannte es die Kinderinselverschickung, jedes Jahr sechs Wochen in den Sommerferien, damit meine Eltern allein Kunsturlaub machen konnten. Wir lebten dann bei Tante Klärchen am Südstrand, wo Vater schon als Kind in ihrer Kinderpension geparkt worden war, von seinen Eltern, die ebenfalls fanden, dass sie das Recht hätten, mindestens einmal im Jahr von den Kindern befreit ihrem Leben als Erwachsene zu frönen.
Das ist heute nicht mehr modern, dachte ich, deswegen war es auch höchste Zeit, dass Tante Klärchen vor einigen Jahren mit fast achtzig in den Ruhestand gegangen war. Nun lebte sie ganz allein in ihrer  großen Villa am Südstrand.

Da stand sie und strahlte, wie sie all die Jahre gestrahlt hatte: klein, rundlich, grüne Augen und immer noch dunkle braune Haare mit roten Reflexen, in Wasserwellen gelegt um den Kopf, wie das früher Mode gewesen war. Sie trug ein sommerliches Schneiderkostüm aus hellem Leinen, Taille, Schößchen, wadenlanger Rock,  mit einem seidenen hellgrünen Blüschen mit Schluppe drunter. Braune Budapester mit kleinen Absätzen, Lochmuster und Riemchen als Konzession an den Sommer. Auch wie früher. Es stand ihr, wie es ihr immer gestanden hatte. Tante Klärchen wusste, was gut für sie war, und daran hielt sie fest.

Anders als ich, offensichtlich.

Ich ging von Bord, mit tausend anderen, und steuerte zwischen Koffern, Hunden und Kindern hindurch in Richtung Tante, die strategisch links stand.  Ich fand sie und wurde gedrückt als ging‘s um liebe Leben.
Sie ist einsam, schoss es mir durch den Kopf, und ich roch ihr Parfum, bisschen blumig, bisschen alt, ziemlich teuer. Wie hieß es noch? Irgendwas wie Chatelaine,  Givenchy… .  Sie war immer sehr stolz darauf gewesen, dass es ihr nie im Leben so schlecht gegangen war, dass sie sich das Duftwässerchen nicht mehr hätte leisten können. Ich war gerührt, spürte Tränen aufwallen.

Mein Gott, du wirst hier doch nicht heulen, am Hafen und am Busen von Tante Klärchen!

Ich riss  ich am Riemen, küsste die welke leicht gepuderte Wange, auch dies  mit Rührung, und versuchte, sie durch die wogenden Massen zu steuern, weg von der Mole, nach links hin zum Parkplatz, wo ich ihr Auto vermutete.

„Wir müssen zum Bus“, sagte sie, „oder Taxi oder laufen! Ich hab mein Auto stillgelegt, Emmeline gibt’s nicht mehr!“.
 „Unfasslich“, sagte ich, „Emmeline Pankhurst ist  unsterblich!“
„Ist sie auch“,  sagte Tante Klärchen, “aber in ihrer Inkarnation als Auto haben die Motten und der Rost sie gefressen. Hier auf der Insel rostet alles viel schneller, wie du an deiner Tante siehst.“ 
Ich liebe sie, dachte ich, und sagte: “Sollen wir morgen mal zu Auto Jensen gehen und schauen, was sie auf dem Hof stehen haben?“
„Can do“, meinte Tante Klärchen und ich glaubte, so etwas wie Erleichterung bei ihr zu spüren.
„Deinen Führerschein haste wohl noch?“, fragte ich, legte den Arm um ihre Taille und drückte sie an mich.
„You bet!“,  sagte sie lachend.
Tante Klärchen schaut die ganze Zeit Filme auf Englisch bei netflix, seit der Insel-Computerladen-Inhaber  ihr das auf dem laptop eingerichtet hat. Alles, was sie für cool hält, übernimmt sie in ihren Sprachgebrauch. Ich warte darauf, sie ‚absobloodylutely‘  sagen zu hören, wie Helen Mirren in ÄlterHärterBesser 2.

Wir gingen zum Taxistand, und der Taxifahrer kannte sie natürlich, grüßte auch mich freundlich, ich wurde vorgestellt, wie sich das auf der Insel gehört, auf der jeder den Anspruch und das Recht hat, alles von allen zu wissen. Er fuhr uns, nachdem er seinerseits von Tante Klärchen vorgestellt worden war („Sein Sohn ist bei den Gebirgsjägern in Isny!“) in die Straße, die nach Tante Klärchens Schwiegervater benannt worden ist, der dort  am Südstrand der Insel vor hundert Jahren das Lungensanatorium aufgebaut hatte.  In seinem Privathaus, der „Villa am Südstrand“, lebt Tante Klärchen schon seit mindestens sechzig Jahren, abgesehen von den Reisen, die sie mit ihrem Mann, einem Archäologen, durch die Welt gemacht hat. Wie Agatha Christie mit Max Mallowan, einem – weitaus berühmteren  – Kollegen von  Onkel Wilhelm, Tante Klärchens erstem Mann.  

Im Haus war es kühl, frisch, gelüftet, zauberhaft. Wie ich es in Erinnerung hatte.

Die Fensterläden, eine Seltenheit auf einer Nordseeinsel, die an die Unzerbrechlichkeit von Glas glaubt,  waren geschlossen bis auf einen Spalt, wie man es im Süden im Sommer macht.  Alle alten Möbel standen an ihrem Platz, nichts hatte sich verändert.
Tante Klärchen hatte Ingwerwasser vorbereitet. Mit Limettensaft und Agavensirup gewürzt und lauwarm stand es in der Karaffe auf dem Tisch, abgedeckt und mit zwei Gläsern daneben. Ich trank durstig, kaum hatte sie mir ein Glas gereicht. Das einzig Wahre.

„Ich hab dir das Gartenzimmer eingerichtet“, sagte sie, „bleib, so lange du willst.“
Praktisch und unsentimental, die Tante, an der Oberfläche wenigstens, wie immer.
„Pack aus, mach dich frisch, gibt Abendbrot.“
„Ich nehm mein Glas mit“, sagte ich, bückte mich, ergriff die Reisetasche und zog ab, ins Gartenzimmer, einem früheren Wintergarten, nach hinten raus und damit ruhig, geschützt, von uralten Rhododendronbüschen eingewachsen bis fast unters Dach. Ich liebe das Gartenzimmer.
Nachts ging ich als Kind einfach raus, in den riesigen hinteren Garten, und setzte mich in den alten Strandkorb. Ich drehte mich um: „Gibt’s Newton noch?“, fragte ich. Newton war die alte Gingerkatze, ein roter wilder Kater, der Tante Klärchen das Leben schwer gemacht hatte, seit sie ihn gefunden und gerettet hatte, vor – keine Ahnung, wie vielen Jahren.
„Nein, Süße“, sagte sie, „Newton hat seinen Körper zurückgelassen, aber vielleicht siehst du Cara, ich glaube, sie ist eins seiner vielen Kinder oder Kindeskinder. Eine Glückskatze!“ Lächelnd drehte sie sich um und ging Richtung Küche. „30 Minuten!“ rief sie über die Schulter, um mir zu sagen, wann sie mich am Esstisch erwartete. Tante Klärchen führt ein strenges und pünktliches Regiment in ihrem Haus.
Ich betrat das Gartenzimmer, ließ die Tasche fallen, riss mir die Reisekleider vom Leib, eine Wohltat,  und schwang mich unter die Dusche im Badezimmer, das nebenan lag  und nur fürs Gartenzimmer en suite vor Ewigkeiten, zweifellos ohne Baugenehmigung, angebaut worden war. Alles war von Tante Klärchen für mich eingerichtet worden, wie immer, es gab Handtücher en masse und Toilettenartikel, die sie offensichtlich frisch für mich gekauft hatte. Typisch.  Tante Klärchen glaubt nicht an Gepäck, aber an anthroposophische Körperpflege.

Ab in frische Kleider, und schnell an den riesigen Esstisch im vorderen Wintergarten, der – leer war. „Wo sind wir?“ rief ich in den Raum, und Tante Klärchen antwortete aus der Küche: „Hier, du Schäfchen!“

„Ich schlepp doch nicht das Futter durchs halbe Haus für dich, das tu ich schon lange nicht mehr!“, sagte sie, als ich die riesige Küche betrat,  und mir fiel auf, in einem Moment tiefen Erschreckens, dass sie irgendwie ein bisschen hinkte oder humpelte, dass irgendwie ihre Hüfte leicht abgeknickt war, dass Tante Klärchen – alt geworden war.
„Absobloodylutely“, sagte ich mit Überzeugung, und sie lachte.

Wie geht es weiter mit Helene und Tante Klärchen? Was hat es mit dem Silberpfeil auf sich und wie schicksalhaft ist die Begegnung auf dem Edeka-Parkplatz?
Fortsetzung folgt am nächsten Freitag!

2 Der Silberpfeil

Am nächsten Morgen, nach einer wühligen Nacht in einem knallharten Bett unter meiner alten,  schon etwas mehligen Seidendecke, tappte ich in die Küche, um dort Tante Klärchen zu finden, die bereits beim Frühstück saß, eine dreifarbige kleine Katze auf dem Schoss. „Morgen, sweetie“, sagte sie, „das ist Cara, und da steht Dein Hommus!“.  
Ich küsste sie auf die hingehaltene Wange, schenkte mir Kaffee ein und betrachtete mein Frühstück.  
Tante Klärchen ist weit rumgekommen in der Welt, und so kocht sie auch. Sie ist Vegetarierin der ersten Stunde, wie sie sich selber nennt, Tochter eines vegetarischen Vaters, der seine Frau, die mit schlesischen Fleischkiechel  aufgewachsen war, umerzog sein ganzes Leben lang.

Ihr Hommus kannte ich schon, sie variierte es in immer neuen Fassungen. Dieses hier war ein gelblicher Brei in einer flachen Schale, übergossen mit glänzendem Olivenöl, in dem – vermutlich – rotes Paprikapulver in irgendwie grünlichen trüben Pfützen schwamm.
Suspekt.
„Diesmal mit Ingwer und Curry und Rohrzucker, und drüber Olivenöl, Paprika und Limettensaft!“, sagte Tante Klärchen.
Aha.
„Im Edeka haben sie jetzt sogar Naan-Brot!“, bemerkte sie und zeigte stolz auf einen Haufen flacher runder Brote, die auf einen großen Teller aufgeschichtet waren und dufteten.
 „Mit Koriander und Knoblauch!“, verkündete sie, als habe sie die Brote selbst erfunden und gebacken.  Ich nahm mir ein überraschend heißes, lappiges Brot und stuppte es in meine Portion Hommus, die Tante Klärchen mir bereits in eine Schale gefüllt hatte.

„Lecker“, sagte ich und meinte es auch so.
Ich esse schon immer alles, was Tante Klärchen kocht, weil ich aus Erfahrung weiß, dass ich a) nicht davon sterbe und dass ich b) sowieso nicht drumrum komme. Tante Klärchen ist die Tochter einer Mutter, die Generalstochter war. Das hat ihr im Leben sehr geholfen und hat ihr die Fähigkeit beschert, andere und sich selber zu kommandieren und zu führen. Und wüst zu fluchen, falls nötig.

Außerdem hat sie immer Recht.

„Sollen wir nachher mal zu Auto Jensen fahren?“ fragte ich, während das Olivenöl mir vom Naanbrot tropfte.

„Ach, weißt du… “  setzte sie an, mit etwas höherer und etwas zittrigerer Stimme.  „Clara Dorothea von Stempff“, unterbrach ich und schaute ihr in die Augen,  denn ich weiß schon lange, dass die Nennung ihres vollen  Mädchennamens in ernstem Ton sie erstaunlich fügsam macht, „Clara Dorothea von Stempff, ich brauche ein Auto, solange ich hier bin,  und du wirst die Güte haben, mich zu Jensen zu begleiten, damit er mir einen bedeutenden Rabatt gibt!“
Clara Dorothea Mehmel, geborene von Stempff, lässt sich nix schenken. Deswegen muss man es als großen Gefallen hinstellen, den sie einem tut, indem sie einwilligt, irgendetwas zu tun, das ihr nützt.
„Ich hab die Abfindung von der Klinik“, setzte ich nach, „aber ich muss sie ja nicht dem Jensen in den Rachen werfen. Komm mit und lächle fein, das ist da ein paar Tausender wert!“ Sie fing bereits mit dem Lächeln an, und ihre Augen wurden, ich kann’s nicht beschwören, ein wenig, wie soll ich sagen, feucht.
Ich weiß, wie das geht mit Tante Klärchen.

Zwei Stunden später fuhr sie mich im neuen Yaris  nach Hause. „Wie schnell der ist! Wie locker der beschleunigt! Die Lenkung braucht Kraft, das Gangschalten auch, du hast uns ein Jungmännerauto  gekauft, eine Testosteronschleuder!“ schrie sie, während der Fahrtwind uns bereits sehr warme Luft durchs Fenster warf, „Eiliger Organtransport, hätte Dein Großonkel gesagt!“

Tante Klärchen kann sich in einem Satz bedanken, begeistern und beklagen.

Jensen hatte uns das neue Auto, seinen Vorführwagen, tatsächlich mit beträchtlichem Rabatt verkauft. Und ihn uns gleich mitgegeben, ohne irgendwelches Geld gesehen zu haben.
Das ist Insel. Man trifft sich immer zweimal, dachte ich, als ich mich an Jensens Gesicht von eben erinnerte, wie er begriff, dass ich jetzt und hier einen Wagen für Tante Klärchen und mich kaufen wollte. Er schaltete auf vollste, leicht servile  Kooperation, und der Kauf war in wenigen Minuten über die Bühne. Sein Vorführwagen war silbermetallic, („Wo ist das schöne gletscherblau geblieben?“, fragte Tante Klärchen), PS-stark, („Das ist ja gemein gefährlich!“, meinte Tante Klärchen), und eindeutig nicht für unsere Zielgruppe gemacht: eine leicht angeschlagene Organisationsentwicklerin in den Vierzigern und eine äußerst agile, aber auch fragile alte Dame in den frühen Achtzigern. 

„Fährt sich toll!“, meinte Tante Klärchen, hinters Steuer gequetscht auf dem maximal nach oben und vorne gefahrenen Sitz, als sie vom Dorf auf die Inselhauptstraße einbog, leichte Steigung, Kurve rechts, beschleunigen, auf zwei Rädern nach links einfädeln vor einem erstaunten Inselbusfahrer, der für Tante Klärchen bremsen muss.
Er wird sich, das weiß ich, den Wagen und die Nummer merken und ihn von nun an grüßen, wenn er ihn sieht.

Falls er ihn schnell genug sieht.

„Ich finde, der steht mir!“  lächelte Tante Klärchen im neuen Auto, vom aktuellen Verkehrsgeschehen völlig unbeeindruckt.

Und damit war das erledigt.

… wohin wird der Silberpfeil Helene tragen? Und wie schicksalhaft ist die Begegnung auf dem Edeka Parkplatz, von der wir immer noch nichts wissen?
Nächsten Freitag wieder frisch! Hoffen wir das Beste, liebe LeserIn!

3 Ohne den Schatten eines Urteils

Ich bin die Nichte von Clara Dorothea Mehmel, geborene von Stempff, einer bedeutenden Frau, wie außer ihr und mir nicht viele Menschen wissen. Ich kenne niemanden, der weiter in der Welt herumgekommen wäre und auch niemanden, der mehr Menschen auf ihren Weg gebracht hätte als sie. Sie hat fast vierzig Jahre lang die private Ferienkinder-Pension am Südstrand geführt, nachdem ihre Schwiegereltern gestorben waren und ihr Mann sie verlassen hatte. Sie ist der tüchtigste Mensch, den ich kenne und ich liebe sie. 

Deshalb bin ich zu ihr gefahren, als ich nicht wusste, wohin, weil ich mit meinem Leben gestrandet war. Klinikkarriere weg,  Mann weg, da gab‘s einen Zusammenhang,  keine Kinder, Leben in der Großstadt irgendwie zu Ende. Freundinnen, die mich nur warnten und nicht verstanden, plötzlich irgendwie keiner mehr da. Ich hab die Wohnung vermietet, das ging ganz schnell, an einen Kollegen aus Indien, der nur für zwei Jahre zur Facharztausbildung bleiben will, und bin, wie in Trance, mit meiner kleinen Gobelin-Reisetasche, in die nix passt, in den Zug gestiegen,  der zur NordMole fährt.

Ich weiß nicht,  wie‘s weitergeht und irgendwie weiß ich auch nicht mehr, wer ich bin, so ohne Klinik  und ohne Mann und ohne alles. Kein Plan.

Als wir zurück waren im großen kühlen Haus, hörten wir den Staubsauger.
„Ah, Frau Petersen ist da“, sagte Tante Klärchen.  „Geh und tu, was du nicht lassen kannst, dein Zimmer hat sie gestern gemacht, sie wird dir nicht unter die Füße kommen heute. Abendbrot um fünf!“, und drehte sich ein wenig schwankend um.
Damit war ich entlassen. Tante Klärchen führt ihr Leben genau so weiter, wie sie es führt, egal, wer da ist und was sonst noch los ist. Sie hält konsequent und locker an allen ihren Ritualen und Zeiten und Plänen fest, und du garnierst dich drumrum. So war das schon immer. Und jetzt war ich entlassen, bis zum Abendbrot um fünf. Tante Klärchen glaubt nicht an Mittagessen:  Hat keinen Sinn, nach dem Grund zu fragen. Kuck einfach, wie du klar kommst. Die Art, in der Tante Klärchen voraussetzt, dass man schon zurechtkommt, ist  Kompliment und Weggewedelt-Werden in einem.

‚Tu, was du nicht lassen kannst!‘  Das sagte sie immer. Und das war es natürlich genau. Was ist es denn, was ich tue und nicht lassen kann? Was will ich denn? Wo geht’s denn hin?

Im Gartenzimmer, in das ich von Tante Klärchen grade weggewedelt worden war, lagen die Kleider auf dem Boden und das Bett war zerwühlt von der Nacht. Also eben aufräumen, muss immer alles ordentlich sein hier, und raus durch die Wintergartentür. Als ich im Strandkorb saß, musste ich weinen und lachen gleichzeitig.

Alone again, naturally.  

Cara kam und setzte sich ganz selbstverständlich neben mich in den Strandkorb.
„Der Strandkorb ist natürlich viel mehr deiner als meiner!“ sagte ich zu ihr und bot ihr meine Hand zum Beschnuppern und zur Begrüßung an. Sie schaute mich an, mit enorm grünen Augen, schnupperte an meinen Fingerknöcheln, ganz kleine feuchte Berührung mit der Nase, auf der ein schwarzer Fleck war, und setzte sich blitzschnell, die Hand elegant umgehend, auf meinen Schoß. Fing an zu schnurren, besitzergreifend, laut und mit einem fast metallischen Klang,  wie ein kleines Nähmaschinchen. Ich kraulte sie, vorsichtig, zart, sie hob ihr Köpfchen zu mir,  schaute mich an, kraul mich hinter den Ohren, und wir schlossen Freundschaft.
Es ist, wie Elsa Morante sagt: „In Gesellschaft unserer Katze können wir uns ausruhen von den mühsamen Kriegen um Hoffnung und Stolz.“ Das hat mich immer getroffen, und das fand ich im Blick von Katzen immer bestätigt: arrogant wie sie sind, und irgendwie nicht ganz von dieser Welt, können sie dir doch, ohne den Schatten eines Urteils, „die zärtlichste Freundschaft“ erklären.   

Ich saß ruhig, nur ein wenig die Hand zum Kraulen im weichen Fell bewegend, und der Garten kehrte leise, unmerklich, zu sich selber zurück: Die Amsel, die ich auf dem kleinen alten Apfelbaum gar nicht bemerkt hatte, ließ sich in leisem, geübten Schwung auf den Rand der Vogeltränke nieder, die Tante Klärchen aus umgedrehten Blumentöpfen und einem Untersetzer gebaut hatte. Noch zwei Blicke mit schief gelegtem Kopf zu der ungewohnten Konstellation im Strandkorb, und sie fing an zu trinken, mit kleinen, genau gezirkelten, abgehackten Bewegungen, Köpfchen runter, Köpfchen rauf. Schließlich ließ sie sich in einem flachen,  wassergefüllten Blumentopf, der auf dem Rasen stand, nieder und duschte: runter, Kopf eintauchen, mit Schwung wieder rauf, Wasser dadurch auf den Rücken und die Flügel werfen, wieder untertauchen, mit den Flügeln schlagen und dadurch noch mehr Wasser auf den Rücken rudern, das in sonnig blinkenden Tropfen vom schwarzen Glanz der Federn abläuft. 
Cara, und dafür war ich dankbar, beobachtete den Vogel sehr aufmerksam und bewegte sich dabei nicht. Sie war nicht mehr ganz jung und hatte wohl schon gelernt, dass sie eine ausgewachsene, erfahrene Amsel nicht fangen kann.
Das Vogelkonzert, das bei meinem Eintritt in den Garten unterbrochen worden war, setzte wieder ein: Amsel, Wacholderdrossel, Grünfink und Stare hoch oben in den Fichten, Spatzen und Meisen im Kirschbaum.  Winzig kleine braune Vögelchen, die ich nicht kannte, hüpften und flogen mit schwirrenden Kolibri-Bewegungen in der Felsenbirne und in der Eberesche von Zweig zu schwingendem Zweig und zirpten leise. In den Akeleien summten die Hummeln wunderlich laut, und die ganze Luft war erfüllt von Duft aus unzähligen Blüten: blühende Eberesche, dazu Holunder, Akelei, Malven, Hahnentritt, Pfingstrosen, frühe Rosen.  Auch das Gras und die Fichten dufteten in der Sonne, und aus den Bäumen waren Nadeln gefallen, die etwas weiter entfernt von Tauben durchsucht wurden. Der riesige alte Garten war eine Welt für sich, ein Wunder für sich, Cara und ich mittendrin.

Kann sich Helene auf der Insel entspannen? Und was ist mit der schicksalhaften Begegnung auf dem Edeka Parkplatz? Talk about a cliffhanger…
‚Savoir vivre‘ im nächsten Kapitel! Am nächsten Freitag dann…

4 Savoir-vivre

Ich hatte bis vor zwei Wochen in verschiedenen Kliniken des Altavita-Konzerns in München gearbeitet, ich war sofort eingestellt worden nach der Promotion in Arbeitspsychologie und Gesundheitswissenschaften. Nach einer  mehrjährigen Tour durch verschiedene Spezial-Klinken des Konzerns hatte ich im riesigen Münchner Reha-Klinik-Zentrum in den vergangenen fünf Jahren die Abteilung für Qualitätsentwicklung und betriebliche Gesundheitsförderung aufgebaut und geleitet.  Ich hatte mich daran gewöhnt, 50 oder mehr Stunden die Woche zu arbeiten, anders geht das auch gar nicht. Außerdem hatte ich mich auf eine – seinerseits natürlich außereheliche – Beziehung mit dem Geschäftsführer der Klinik eingelassen. Er war smart, witzig, selbstironisch und für einen Betriebswirt erstaunlich gebildet, er machte stets den Eindruck, als sei das alles für ihn ein großer Witz, an dem er sich nur des privaten Amüsements wegen beteiligte.  Eine opera buffa, die er genoss, aber auch durchschaute. Er war sportlich, schwamm jeden Morgen eine Stunde im – dafür extra erst später für die PatientInnen geöffneten – Klinikbecken, das Olympiamaße hatte. So wie sein Ego. Er war emotional nicht verfügbar, ein Mann, der Frauen anzog, auszog und aussog. Ein charmanter, gutaussehender Vampir mit Macht und Savoir-vivre. 
Genau mein Typ.

Am Tag vor meinem Weggang hatte er mir, am Telefon natürlich, erklärt, dass seine Frau schwanger sei und er sich ihr jetzt ganz widmen wolle. Am Tag danach widersprach ich dem Ärztlichen Direktor in einer Sitzung und wurde daraufhin von der Oberärztin gebeten, über eine relocation, wie sie es nannte, also eine Versetzung innerhalb des Konzerns, nachzudenken.
Ich sagte ihr, das hätte ich bereits getan.
Danach bat ich den Geschäftsführer per E-Mail um meine Entlassung, und fand zu meinem Erstaunen Stunden später im Büro der Chefassistentin meine betriebsbedingte Kündigung vor. Inklusive goldener handshake, der es mir ermöglicht hatte, mal eben das Auto für Tante Klärchen zu kaufen.  

So kam Lenchen auf die Insel.  

Ich bin Helene von Ubbeloh, kurz und immer schon Lenchen genannt. Oder Schäfchen, wegen meiner dicken blonden Locken, die sich niemals regieren lassen werden.  Sie funktionieren auch sehr gut als Täuschung und Tarnung, denn die meisten Männer vermuten in meinem Lockenkopf kein funktionierendes Gehirn. Männer umschwirrn mich wie Motten das Licht, immer schon, und meine beste Freundin, die nichts mehr von sich hat hören lassen, seit ich meine Wohnung in München vermietet habe, sagt, ich würde mir mit untrüglicher Sicherheit immer den größten Vampir aussuchen…

5 Mission impossible

Ich musste im Strandkorb eingedöst sein, als ich die Klingel hörte: Tante Klärchen hat wahrhaftig eine Essensglocke, sinnvoll natürlich in einem Kinderheim, wenn man nicht alle einzeln einsammeln kann. Jetzt schwang sie die Klingel nur für mich, diskret, wie sie war, denn sie hatte mich zweifellos gesucht und im Strandkorb schlafend gefunden. Damit ich das aber nicht wissen und mich nicht ertappt fühlen sollte, war sie still wieder rein gegangen und hatte geklingelt.
Cara war verschwunden, mir war ein wenig fröstelig, denn die Sonne war schon hinter den hohen Fichten in Richtung Westen verschwunden. Der Garten ist dunkel und kühl, weil er so eingewachsen ist. Ich stand auf, ein kleiner orange-schwarzer Schmetterling flatterte eilig vom Tisch auf und eine Amsel erhob sich flügelschlagend von der Tränke. Ich hörte die Möwen am nahen Strand schreien und eine Cessna flog ratternd über mir in Richtung Festland.
Insel-Geräusche. Klangwelt meiner Kindheit.
Ich ging rein zu Tante Klärchen, durch das Gartenzimmer, immer dem Essensduft nach. Ich war angekommen.

Es duftete hinreißend.

„Was hast du denn da für uns gezaubert, mein gutes Tantchen?“, fragte ich.
„Lasagne mit Lachs und Spinat!“
„Nicht doch, du alte Vegetarierin, das wäre doch nicht nötig gewesen!“
„Wäre es wohl, du brauchst Kohlenhydrate, Fett und Räucherfisch, drei der vier Haupt-Nahrungsgruppen.“
„Was ist die vierte?“
„Weißt du doch, der Nachtisch.“
Ich sah ihn schon auf der Anrichte stehen, den frischen Obstsalat. 
„Seit wann isst du denn Fisch, Tantchen?“
„Seit mein Arzt sagt, ich brauche die Fette. Omega drei, falls dir das was sagt. Also gibt’s einmal die Woche Fisch, oder auch zweimal. Aber das ist auch alles. Der Rest ist und bleibt vegetarisch.“

Die Lasagne war mit viel Knoblauch gemacht, Tante Klärchen kennt da nix, und absolut lecker. Lachs und creme fraiche, Spinat und Ziegenkäse, immer abwechselnd, und obendrauf die beste Kruste der Welt, aus Emmentaler und Sesamkörnern. 
Nach dem Essen und Wegräumen wollte ich mich nützlich machen und auch mal mit dem neuen Auto fahren:
“Ich geh mal einkaufen zu Edeka, was brauchen wir?“
„Liste ist auf dem Tisch. Ich geh netflix.“
Nach dem Abendessen (um fünf) ist Tante Klärchen meist nicht mehr besonders sociable. Und außerdem hat sie meinen move vorausgesehen und schon eine Liste gemacht. Hm.
Du gehst netflix, ich geh Edeka, dachte ich, nahm den Schlüssel vom Brett und ging nach draußen. Im Weggehen hörte ich, reichlich laut, die Titelmusik von Mission Impossible.  
Ich trat vors Haus, auf die Straße, wo der neue Silberpfeil stand. Die Villa hat Garagen, aber die sind irgendwie weit weg. Der Wagen fuhr spritzig und etwas ruppig die Mehmelstraße entlang. Einbahnstraßen, aufpassen, dachte ich, und da fiel mir die Geschichte ein, wie Tante Klärchen jahrelang auf dem kurzen einbahnigen Abschnitt der Strandbadstraße gegen die Richtung gefahren war und wie sie einmal ein entgegenkommender Autofahrer stellen wollte. Er blockierte die Fahrbahn mit seinem Wagen, zwang sie dadurch zum Halten, stieg aus und wollte sie belehren. Tante Klärchen fragte ihn, ob er bei der Polizei wäre, und als er das verneinte, meinte sie, sie hätte ihn auch nicht zu ihrem Aufpasser ernannt, sie sei es gewöhnt, den Preis für ihr Verhalten stets selbst zu zahlen, und falls er seine Kontrollbedürfnisse weiterhin nicht beherrschen könne, dürfe er sie gerne bei der Polizei anzeigen. Die Autonummer habe er ja jetzt. Dann fuhr sie, auf dem Gehweg durch zwei Laternenmasten durch, weiter. In der Gegenrichtung. Sie hat nie wieder etwas über den Fall gehört.

Ich kam bei Edeka an und fand keinen Parkplatz. Bis auf den letzten Platz voll. Was war hier los? Saison, fiel mir ein, jetzt ist die Insel voll mit Feriengästen. Und die gehen gerne einkaufen, im Familienverbund, mit allen Schikanen, denn jetzt wird jeder Joghurt diskutiert. Die Einheimischen gehen niemals um diese Zeit einkaufen in der Saison, sondern nur frühmorgens, wenn die Gäste noch schlafen.

Muss ich mir merken.

Und wen sah ich da, im Gespräch mit ihrem Hund?
Matti!
Matti, mit der ich in früher Jugend die Peinlichkeit des Vornamens geteilt hatte: sie hieß Nora Mathilde Luise, und das in den Achtzigern, ich Helene, auch nicht viel besser. Also war sie Matti, das klang cool, und ich war Leni, ging so.
Matti und Leni.  
Matti, mit der ich Freunde, Kräuterzigaretten und Bettgenossen geteilt hatte, es waren die Achtziger und frühen Neunziger, also kurz nach den wilden Siebzigern, die auf dieser Insel erst in den Achtzigern ankamen. Matti, langaufgeschossen, Basketballspielerin, schlank, sportlich, und endlos cool. Meine beste Freundin in Ferienzeiten, jeder Sommer war unser Sommer, Jahr um Jahr. Bis ich studieren ging und sie irgendwie hinter dem Horizont verschwand. Bei Verwandten in Amerika, hieß es, wenn ich fragte. Klang nie besonders glaubwürdig.

Matti!
Lang her, dass ich mich so gefreut habe, jemanden zu sehen, schoss es mir durch den Kopf, als ich schnellschnell ausstieg, um ihr entgegenzulaufen, wie ich es immer getan hatte: sie blieb stehen und sah mich an, ich lief auf sie zu. So war es immer.  

Matti starrte mich sprachlos an wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt. Ich stand vor ihr, schaute, wie immer, ein wenig nach oben, in ihre blauen Augen, und sagte – nichts. Ich fühlte mich, als wäre eine Last von mir genommen, plötzlich war alles leicht und in Ordnung. Matti war da.
Nachdem wir auf diese Weise ein wenig nett geplaudert hatten, sagte Matti in ihrer kurz angebundenen Art: „Ich muss was erledigen. Ich ruf dich an.“ Sie schaute zu ihrem jungen braunen Hund, der die ganze Zeit still an ihrer Seite gesessen hatte, der sprang auf, erwartungsvoller Blick auf seine Herrin – los. Weg waren sie. Das Ganze hatte eine Ewigkeit und zwei Minuten gedauert.
Ich holte einen Einkaufswagen mit der Plastikmünze, die Tante Klärchen zur Einkaufsliste gelegt hatte und schmiss mich in das Chaos des Edeka kurz vor Ladenschluss in der Feriensaison.
Mission impossible.

Wie geht’s weiter mit Helene? Wir sagen nur: Zefiro torna! Fortsetzung folgt!

6 Zefiro torna


In der Nacht kam Cara zu mir. Sie sprang aufs Bett, legte sich an meine nackten Füße, die aus der Decke herauslugten, denn es war warm, und schnurrte wie eine Weltmeisterin. So laut, dass es fast erschreckend war. Ihr Fell schmiegte sich an meine Sohlen, leichte Vibrationen an den Füßen, wunderbar.
Beglückt schlief ich wieder ein.  
Frühmorgens wurde ich wach von einem roten Widerschein in meinem Zimmer.
Was war das? Feuer? Ich richtete mich auf. Die Sonne! Ein Blick auf den Wecker, kurz vor fünf. Ich wollte mich schon wieder umdrehen, da fiel es mir wieder ein: als Kind war ich im Mittsommer immer draußen gewesen, nachts, zum Sonnenaufgang, zum Vogelkonzert, einfach draußen.
Ich nahm die Decke, Cara war schon wieder verschwunden, und ging durch die Wintergartentür nach draußen in eine magische Welt. Ich hatte das über die Jahre alles vergessen: die Tautopfen an den Spitzen der Gräser, muss mal gemäht werden, dachte ich, frag Tante Klärchen später nach dem Rasenmäher.
Die Möwen und die Austernfischer, die Gartenvögel, und das Licht: es hatte Feuchtigkeit in der Luft, die sich im Morgensonnenschein sanft neblig erhob und alles ein wenig weich zeichnete. Die Villa stand in einem lichten Wald, ich sah Spinnweben in den Nadeln der Fichten glänzen, denn es hatten sich winzigste Tautröpfchen darin verfangen. Alles war weit, hell, ein köstliches Gefühl von zartem Raum und magischem Versprechen.
Ich saß im alten Strandkorb mit meiner mehligen Seidendecke, mitten in einem Wunder, schon wieder. Cara ließ nicht lange auf sich warten und teilte das Wunder mit mir, zart und sanft und zufrieden. Als die Sonne ein wenig gestiegen war, setzte ein säuselnder, ganz leichter Wind ein, der die Blätter der Eberesche bebend ins Schwingen brachte und dann auch den Apfelbaum und die Felsenbirne ergriff.
Zefiro torna, dachte ich: ein Zephir, ein ganz leiser, spielerischer, kapriziöser Sommerwind, der sich dreht und wendet. Krähen krähten und Tauben gurrten. Der kleine braune Vogel, den ich nicht kannte, machte sich mit einem immer wiederholten klickenden Laut an den Ästen und Zweigen des Apfelbaums zu schaffen.
Tau und Feuchtigkeit überall, es zog mir in die Glieder. Zurück ins Bett, und für morgen früh mehr Decken besorgen, und Kissen für den Strandkorb! Mir fiel ein, dass ich, seit ich hier war, nicht mehr an München, das Reha-Klinik-Zentrum und den charmanten Vampir darin gedacht hatte. Ich war wirklich übers Meer gefahren, auf eine Insel, in eine andere Welt.
München war weit weg, die Klinik erschien mir luftleer, neonbeleuchtet und künstlich, der Vampir darin irgendwie eklig, klebrig, bäh. Ich drehte mich um und schlief wieder ein.

7 Möge ich glücklich sein

Am Morgen war Tante Klärchen nicht zu sehen, in der Küche stand eine bedeckte Schale, darin fand ich Guacamole, und daneben ein Körbchen mit duftenden, aufgebackenen Laugenbrötchen, außerdem Kaffee und eine Notiz: Bin Chi Gung, halb 9 zurück.  
Chi Gung, als Kinder sagten wir Tschigong, im Sommer am Strand dreimal in der Woche morgens, klar! Ihre Lehrerin, falls sie die noch hatte, musste inzwischen hundert sein. Ich erinnerte mich an Frau Sofski, immer schick, immer ein bisschen etepetete, immer ein bisschen zu gut für die Inselwelt, Hamburg Blankenese eben. Tschigong hatte ihr das Leben gerettet, als sie vor vielen Jahren eine Krebserkrankung hatte. Das wussten wir als Kinder. Wie das zugehen konnte, war uns nicht klar, aber es erschien irgendwie logisch, dass sie das seither betrieb und unter den Einheimischen eifrig missionierte.

Ich aß die Guacamole, köstlich mit hartem Ei, Schafskäse und eingelegten Tomaten, Pfefferminze aus dem Garten und Limettensaft mit Pfeffer oben drauf. Die Laugenbrötchen waren perfekt dazu. Tante Klärchen glaubte nicht an Zucker, morgens gab es bei ihr meist salzig, mir war‘s recht. Ich liebe Avocados.
Frisch gestärkt und friedlich heiter begab ich mich dann emsig weiter, unter die Dusche und danach in den Schuppen, auf der Suche nach dem Rasenmäher. Tante Klärchen fand mich da, knietief in alten Kisten, altem Laub, alten Plastikblumentöpfen und alten Gartenmöbeln. „Boy kommt nachher“, sagte sie auf meine Frage, „der ist mir treu geblieben und ich bin die einzige Kundin, die er noch hat. Er ist jetzt auch schon über achtzig!“ Mit dem Hinweis auf ihrem alten Gärtner mit dem urfriesischen Vornamen war die Gartengerätesuche dann auch erledigt.
 „Was mach ich heute?“, fragte ich sie ein wenig komisch verzweifelt, denn plötzlich war mir klar, dass ich keinen Plan hatte, k.p., wie wir früher sagten, und dass ich irgendwie völlig frei in der Luft hing. 
„Also ich meditiere jetzt ein halbes Stündchen, willst du mitmachen?“, sagte Tante Klärchen, schon in Richtung Salon gewendet. Die Villa hat einen Salon, mit Erker nach vorne raus, ein wunderschöner, fast quadratischer großer Raum mit Deckenfries, Kronleuchter und Orientteppichen. Hinreißend fein geknüpfte Seidenteppiche, blauweiß, Blüten und Ranken, Ghom.  Aus Teheran mitgebracht, wo Tante Klärchen eine Zeitlang mit ihrem Mann lebte, als der die Museumssammlungen für den Schah ordnete. In der Zeit dort lernte sie die Landessprache Farsi und brachte Diplomatenkindern Deutsch bei, weiß der Himmel, wieso das irgendjemandem sinnvoll erschien.
Jetzt lagen auf dem Teppich in der Mitte des Raums ein paar dunkelblaue Meditationskissen und daneben, ordentlich gefaltet, weiße übergroße Baumwolldecken. In der Mitte thronte auf einem weiteren Meditationskissen eine kleine Pyramide aus Kirschholz. Die Meditationsuhr. Ich hatte in der Klinik gelegentlich an den Meditationen teilgenommen, die für die MitarbeiterInnen im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsfürsorge angeboten wurden, hatte wenig Zeit dafür gehabt, es aber immer ganz erfrischend gefunden und hatte immer vorgehabt, das regelmäßig zu machen. Kam natürlich nicht dazu.

Nun saß ich hier, die Decke um die Schultern gelegt, im halben Schneidersitz, zu mehr reichte es nicht mehr. Tante Klärchen ergriff die Pyramide, drehte sie um und drückte Knöpfe. „Eine halbe Stunde, ist dir recht?“, fragte sie geschäftsmäßig, und meinte: „Ich hab‘  zurzeit das Liebende-Güte-Mantra, kennst du doch: möge ich glücklich sein…“ sie endete mit einem auffordernden Blick an mich.
„Was? Nein, keine Ahnung, wie das geht“, stotterte ich.  „Gut, dann sage ich‘s nach dem Gong dreimal vor, danach atmen wir, bis es wieder klingelt.“

Kurz und bündig, Tante Klärchen. Du weißt, wie es geht.

Ich richtete mich auf dem Kissen ein, Decke, Beine, Hände auf den Oberschenkeln, grader Rücken, Kopf gesenkt, aber nicht zu sehr. Tante Klärchens Schule verlangte, dass man die Augen halb schloss und nur auf den Ausatem achtete. Beim Einatmen hatte man Pause. Das hatte mich schon als Jugendliche sehr amüsiert, dass das Nichtstun sozusagen eingebaut war in die Anleitung.

Der Gong erklang, drei schöne klare Töne.
Tante Klärchen hub an und sprach wie folgt:
„Möge ich glücklich sein. Möge ich frei sein von Leid. Möge ich Heilung erfahren. Möge ich Frieden finden.“
Glücklich, frei, Heilung, Frieden. Ok. Das konnte ich mir merken. Erschwerend kam hinzu, das wusste ich auch noch aus den Kursen in der Klinik, dass man nacheinander an vier Sorten Leute dabei denken musste: erst an sich selber, dann an eine liebe Person, dann an eine egale Person und schließlich jemanden, mit dem man im Unfrieden war. Jeweils dreimal, dann wieder von vorn. Gut, das hält mich beschäftigt, dachte ich und legte los: ‘Möge ich glücklich sein…‘
Ich spürte einen Kloss im Hals.
‚Möge ich frei sein von Leid…‘
Herrgott nochmal, was war denn das, ich konnte mich doch jetzt nicht räuspern!
‚Möge ich Heilung erfahren…‘
Kloss wurde dicker und nahezu undurchdringlich. Ich bekam Angst, dass ich keine Luft mehr kriegen könnte. ‚Möge ich Frieden finden…‘
Die Tränen liefen mir über die Wangen, erst merkte ich gar nicht, dass es Tränen waren, war nur so irgendwie nass auf der Backe… Ich ließ sie laufen. Erleichterung kam auf. Ich dachte an mein Mantra, schaltete auf stur, das kann ich, und pflügte mich durch.
Erste Runde ging an mich, die zweite, liebe Menschen,  natürlich an Tante Klärchen, als drittes fiel mir Matti ein, streng genommen keine ganz egale Person, aber was soll‘s, und an vierter Position, Menschen, mit denen man in Unfrieden ist, fand ich reichlich Auswahl vor, und da wurde mir der Trick der ganzen Anordnung wieder klar: du sollst Deinen Feinden Gutes wünschen. Glück, Schmerzfreiheit, Heilung und Frieden.
Verdammte Hacke.  
Wen haben wir denn da: der Vampir hat‘s nun echt nicht verdient. Dann fiel mir die Oberärztin ein, die den schwierigsten Job in dem Münchner Irrenhaus hatte, aus dem ich kam. Und ihn recht gut machte, wenn sie auch mir gegenüber nicht fair gewesen war. Also, Frau Dr. Vonnegut: Glück, frei von Leid, Heilung (sie hatte Arthrose) und Frieden (brauchte sie dringend).

Ich schaffte ein paar Runden, recht diszipliniert, fand mich gut, Tränen trockneten auch, und dann hob ich ab. Sah blaue Seen, in denen ich versank, aber glücklich, sah braune Lebendigkeit und Treue, Spaß und Lebensfreude, Rennen am Strand, Patschen ins Wasser, nasses Schütteln, Leben live. Versank in dieser Vision und schreckte hoch, als der Gong erklang.  
Ich war richtig weggewesen, wie high. Soll man ja nicht in der Meditation. War aber schön. Aus tränenfrohen Augen, noch ganz hingerissen, sah ich Tante Klärchen an, die sich grade vor dem Gong verbeugte.
Ich war verwirrt: „Wir verbeugen uns vor dem Gong? Warum um Himmels willen? Was hat er uns getan?“
Tante Klärchen beendete ihre Verbeugung, Hände vor der Brust zusammengelegt, tief runter aus der Hüfte, mit leisem Stöhnen und sah mich ernsthaft an.
„Wir verbeugen uns vor unserer Erfahrung, Schäfchen, die wir grade mit uns selber gemacht haben. Was lernt ihr denn in eurer Klinik da?“

Verbeugen vor der eigenen Erfahrung jedenfalls nicht.
Und apropos eigene Erfahrung: Mir wurde klar, dass Tante Klärchen noch nicht registriert hatte, dass ich für immer aus der Klinik weg war. Das Wort ‚Abfindung‘ hatte bei ihr offenbar nicht die richtige Gedankenkette ausgelöst. Wir mussten reden.
„Wir müssen reden, Tante Klärchen“, sagte ich. Sie sah mich an: „Nach dem Abendbrot, Süße, jetzt nicht. Ich muss mich mit meiner Gruppe treffen!“ Sprachs und erhob sich, nicht ohne wieder leise zu stöhnen.  „Welche…“ Weg war sie, unter Hinterlassung eines leisen Blütenduftes der Marke Givenchy oder so ähnlich.

Wohin verschwindet Tante Klärchen da? Und wird Helene Tante Klärchen beibringen können, dass sie die Klinik verlassen hat? Welche Folgen hat die Begegnung auf dem Edeka Parkplatz eigentlich? Fragen über Fragen… hoffen wir das Beste, liebe LeserInnen! Nächsten Freitag wieder frisch!

8 Soll sie sich gehackt legen

Ich war wieder an dem Punkt von vorhin, nur irgendwie weicher: was tun?
– Raus. Insel.
Wie?
Ich hatte hier kein Fahrrad mehr, kaufen, leihen in der Schlange mit den Ferienfamilien, nein danke, aber es gab ja noch den Silberpfeil. Dessen air condition dringend ausprobiert werden musste. Schlüssel, Handy, Tasche, was auf den Kopf, raus und los.  
Auf der Mehmelstraße konnte ich das Auto natürlich nicht ausfahren, also über die Pflastersteine hoppeln zur Flughafenstraße, an dem kleinen Flughafen mit seinen Cessnas vorbei und Gas. Die Straße war neu gemacht, smoother, weicher in den Kurven und breiter. Rechts und links alles grün, und rechts auch noch ein Fahrradweg.
Besser für euch.
Bei 120 schaltete ich in den sechsten Gang und dann sah ich auch schon das nächste Ortsschild. Kein Wunder, dass die Inseljugend damals nachts illegale Autorennen veranstaltete. Hier konnte man seine Kiste ja überhaupt nicht ausfahren! Ich war erfrischt, fand das Auto erfreulich, und gondelte ins Dorf.
Da kam ein Kleiderladen in Sicht, der war eindeutig neu, den gab es früher da nicht, das Haus sah auch neu aus, frisch restauriertes Friesenhaus. Da gab‘s die maritimen Edel-Marken, die die etwas betuchtere Kundschaft auf der Nordseeinsel gerne hat. Ich auch. Ich parkte auf einem neuen Seitenstreifen, stieg aus und trat durch die offene Ladentür. Niemand da. Ich grüßte inseltypisch mit „Aloha!“, nichts. Ich hörte Wasser laufen und ging dem Geräusch nach: hinten im Kabuff stand eine große blonde Frau um die Vierzig und füllte einen Eimer am Wasserhahn des winzigen Handwaschbeckens, in ungünstig gebückter Haltung.  Sie schaute auf.
Ich sagte fröhlich: „Kundschaft!“
Sie sagte: „Na, toll!“, und ich freute mich.
Ich hatte beim reinkommen schon Bretagne Shirts gesehen, Streifen in allen Farben, das mag ich, lockere Sommerkleider von derselben Sorte, dazu Sommerschals, 7/8 Hosen, Ballerinas und Bootsschuhe, alles, was mein Herz begehrte und was die Abfindung hergab.
Während ich mich begeistert umschaute und in Gedanken schon die Einkaufsliste zusammenstellte, sprach sie weiter: „Ich hab jetzt aber noch gar keine Zeit, wieviel Uhr ist es denn, noch nicht mal zehn, ich muss die Blumen wässern, also da müssen Sie schon warten, das geht jetzt wirklich noch nicht, ich hab zu tun…“. Und rauschte mit dem Eimer aus dem Laden. Ich rief ihr nach: „Ich kann mich ja schon mal…“ Weg.
Bisschen wie Tante Klärchen, wenn sie was vorhat.
Na, toll, wieder eine Kundin vergrault, dachte ich, verließ den Laden und ging weiter Richtung Dorfmitte. 
Mir fiel ein alter Spruch von Matti ein: ‘Soll sie sich gehackt legen. ‘  Das gestreifte Shirt würde ich mir später online bestellen, ich wusste auch schon, wo. Und in der Inselhauptstadt gab es Läden, die vielleicht ihre Prioritäten anders setzten.
Das Dorf war schön wie immer, allerdings etwas verändert, seit ich es vor einigen Jahren zuletzt gesehen hatte. Alte kleine Häuser im Dorfkern, die am Verfallen gewesen waren, erstrahlten jetzt in neuem Glanz, sichtlich aufwändig und mit Geld renoviert. Und zu Ferienhäusern geworden, wie die mehr oder weniger diskreten Schilder an Haus und Vorgarten deutlich machten. Eine Apartmentanlage, wo vorher eins der behäbigen  Gartenlokale gestanden hatte, die euphemistisch als gutbürgerlich bezeichnet werden.  Der Dorfplatz erneuert, Straßenränder neu eingefasst, frische Sitzbänke, überall Verbesserung, Renovierung, Neuanlage.
Neue Läden, Tante Klärchen nennt sie Fincakitschläden, nach den Läden, die es im Sommer überall auf Mallorca gibt, mit teurem Tand für die Deutschen, die ihre Ferienfincas aufkitschen wollen.

Auf dem schmalen Weg zur Dorfkirche ebenfalls eine erneuerte Straße, die Ränder zur Parkverhinderung mit Straßenpfosten vollgestellt. Alle zwei Meter ein weißer Pfosten. Zu der Frau, die grade aus ihrem Haus getreten war und meinen Blick bemerkt hatte, sagte ich: „Schön!“ und deutete auf die Pfosten. „Große Steine oder Blumenkästen wären auch nett gewesen!“ „Ja“, sagte sie, “aber das war die billigste Lösung, das haben die Männer so entschieden!“ Erstaunt und erfreut über so viel Offenheit sprach ich: “Ja, man kann sie einfach nicht an die Macht lassen!“ Darauf sie: „Das wird anders, nächstes Jahr sind wieder Wahlen!“ Ich ging grinsend weiter. Die Inselfrauen sind für ihre Souveränität bekannt, das hat auch historische Gründe, Tante Klärchen kann sich da lange drüber auslassen, wenn man sie startet.

Die Dorfkirche habe ich immer geliebt, auch sie war renoviert, und auf dem Friedhof fand ich das Rasenlabyrinth, von dem mir Tante Klärchen erzählt hatte.
Vielleicht ein andermal…
Ich kaufte mir beim Inselbäcker eine Tüte Muscheln, das ist Mürbteig mit Pflaumenmusfüllung, immer lecker, und fuhr weiter, ins letzte Inseldorf, das immer als das am wenigsten touristisierte und am ehesten „echte“ gegolten hatte.  

9 Alles Essig

Auch hier Veränderung, Verbesserung, neue Häuser, alte renoviert, der Dorfkern fast völlig von Ferienhäusern eingenommen.  Ich suchte und fand mittendrin den Laden des Inselmalers und –dichters Ketel Ketelsen, der es zu einiger Berühmtheit gebracht hatte und offensichtlich von seinen Bildern und Gedichtbänden leben konnte, die er in seinem Laden zusammen mit ausgesuchten Artikeln für den gehobenen künstlerischen Bedarf verkaufte.
Dicht & Kunst hieß der Laden.
Der Künstler selbst saß hinter dem Ladentisch im Eingang seines alten Elternhauses, und erhob sich flink, als er mich erkannte. „Lenchen, Locke, du hier?“ Er drückte mich ein wenig zu fest und genießerisch, hart am Rand, an dem eine freundschaftliche Umarmung die Unschuld verliert, und ich wand mich nett und freundlich aus der Umgarnung.
„Alter, du immer noch hier, wie hältst du das aus?“ Ich hatte nur einen Scherz machen wollen, doch sein Gesicht, immer noch ein wenig zu nah vor meinem, verfiel plötzlich, er sah mit einem Schlag alt aus, tiefe Falten, kleine, harte hellblaue Augen, die nicht mehr strahlten.
Es hielt ihn nicht: “Es ist alles Scheiße hier, meine Ehe ist im Eimer, ich kann das Haus nicht halten, alles Essig.“
So unvermittelt kannte ich ihn zwar, aber so trübe nicht. Ich schaute ihm voll ins Gesicht.
„Hört sich nicht gut an, Alter. Tut mir leid.“
Unser kumpelhafter Ton von früher hatte sich erhalten, die Nähe auch, aber es war etwas anderes da, etwas, das es in unseren Jugendtagen nicht gegeben hatte, als wir rauchten, soffen und sangen, gern bei einem Feuer an einem der unzugänglicheren Strände, an denen man nicht von Feriengästen oder ungebetenen Gästen überrascht wurde.
Er drehte sich weg, peinlich berührt von seinem eigenen Ausbruch. „Willst was trinken? Was rauchen? Ist alles da…“ Ich dachte an den Silberpfeil und Tante Klärchen, und meinte: „Jetzt grade nicht, andermal gerne, ich bin noch länger hier…“ Er schaute mich hoffnungsvoll und traurig an: „Ja, echt? Dann komm bald mal wieder, wir machen uns was Schönes zurecht, und dann geht’s ab wie früher, ja?“
Bitte nicht, dachte ich, als ein paar lang verdrängte Erinnerungen anklopften.
„Klar“, sagte ich, „ich komm demnächst wieder vorbei!“ Und ging, ihn in seinem Laden und seinem Elend zurücklassend. Er rief hinter mir her: “Du bist doch studiert jetzt, ich muss auch mal mit jemand reden, meld dich, ja?“
Ich winkte über die Schulter, mochte ihm noch nicht mal mehr ins Gesicht sehen und ging zum Auto. Jetzt hätte ich fast gern eine seiner Zigaretten mit den selbst angebauten Kräutern gehabt. Ich fühlte mich ein wenig zittrig, etwas überschwemmt, zu viel, zu nah.
Was ist denn los mit dir, in München hätte dir das nichts ausgemacht.
Im Auto fand ich die Flasche Zuckerwasser mit Zisch, die ich in weiser Voraussicht in der dafür vorgesehenen Buchse neben der Gangschaltung deponiert hatte. Mir reichte es erstmal mit der Inselerkundung. Morgen war auch noch ein Tag. Außerdem ist ein Tag ohne Mittagessen ein Tag, an dem man pünktlich zum Abendbrot erscheinen will.

Helene auf Inselerkundungstour. Was wird sie noch entdecken? Und wohin verschwindet Tante Klärchen eigentlich immer? In der nächsten Folge unseres Fortsetzungsromans lernt Helene: Dori ist die Kusine von Farsi.
Hoffen wir das Beste, liebe LeserInnen!

10 Dori ist die Cousine von Farsi


Nach einem kleinen Schläfchen in meiner harten Koje schlüpfte ich frisch geduscht und friedlich heiter in neue Kleider, denn Tante Klärchen sieht es gern, wenn man sich zum Abendbrot umzieht. Noch war das möglich, aber ich musste wirklich bald mal erfolgreich einkaufen.  
Schon wieder duftete es aus der Küche, die Tante kocht gern und jeden Tag für sich, immer frisch, immer ganz nach Bauchgefühl und fast ohne fertige Zutaten.

„Ich hab Schupfnudeln burro e salvia gemacht, das magst du hoffentlich!“ rief die Tante schon von ferne, Aufregung in der Stimme. Als ich die Küche betrat, verstand ich, warum: am Tisch saß ein kleiner blonder langhaariger und langbärtiger Mann, alles etwas ausgefranst, Haar und Bart schütter, aber unerschütterlich getragen, sichtlich seit vielen Jahren. Er lächelte jungenhaft und fein. Siegesmund Optenberg, von seinen SchülerInnen der Optimizer genannt, war Oberstudienrat für Englisch, Französisch und Latein gewesen, einer der ältesten Freunde meiner Tante, obwohl er fast eine Generation jünger war. Früher hatten sie leidenschaftlich über Philosophie und Religion diskutiert, Siegesmund war Mitglied irgendeiner fundamental-christlichen Abspaltung, ich wusste es nicht so genau, und meine Tante war in vielen Ländern mit vielen Menschen anderer philosophischer Traditionen zusammengekommen und hatte sich stets sehr interessiert. Außerdem neigte sie dem Buddhismus zu, was Siegesmund damals sehr unchristlich erzürnte. Die beiden waren beste Freunde, ungeachtet ihrer weltanschaulichen Differenzen.

„Sieh da, sieh da Timotheus“, sprach Siegesmund, und ich ergänzte, um ihn zu erfreuen: “Die Ibiche des Kranicus!“. Er lachte und stand auf.
Ich sah, dass er immer noch, obwohl wirklich klein, die Figur eines Rettichs hatte: breite Schultern, nach unten konisch zulaufend. Er nahm meine Hand in einer Verbeugung mit angedeutetem Handkuss. Der feine Herr deutet an. Das tat er zum Entzücken meiner Tante, die uns etwas zittrig umflatterte. Mir wurde klar: Sie befürchtet, dass ich mich mit ihm streite.
Im Unterschied zu Tante Klärchen ist weltanschauliche Toleranz gegenüber religiöser Intoleranz mir nicht gegeben. Ich drehte mich zu ihr um, drückte sie, küsste sie auf die Wange und setzte mich: „Was mit was gibt es heute?“.
Die Klippe war umschifft und die Tante wieder auf kulinarischem Kurs: „Burro e salvia, Butter und Salbei! Schupfnudeln!“ Sie war wohl doch noch ein bisschen aufgeregt.
Aber ich verstand: es war eines ihrer crossover-Gerichte. Schwäbische Kartoffelnudeln mit italienischer Sauce aus Butter, frischem Salbei und Knoblauch. Und Olivenöl. Also fett.  Dazu gab‘s zwei Rohkostsalate: geriebene Möhren mit Zitronensaft und Tomaten-Rucola-Salat und außerdem Spachtel vom Pecorino zum Drüberstreuen sowie frisches Olivenöl im Kännchen, falls etwa irgendwo das Fett fehlen sollte. Es war, schon wieder, einfach lecker. Zum Nachtisch hatte sie ein Rhabarberkompott gemacht, sauer, warm, aromatisch mit frischer Pfefferminze drüber, wunderbar.
Beim Abendbrot wird bei Tante Klärchen nichts Aufregendes oder Wichtiges besprochen. Dafür gibt’s den Salon und je nach Lage wahlweise Averna, Cognac oder Champagner, die einzigen alkoholischen Getränke, vom Wein zum Essen natürlich abgesehen, die sie zu sich nimmt.

Fröhlich begaben wir uns auf ihren Wunsch in den Salon und setzten uns. Sie hatte Averna auf dem Tisch stehen, mit einer Karaffe Orangensaft, einem Kännchen Limettensaft und Eis zum Selbermischen. Sie war offensichtlich besorgt, wie wir das fette Essen verdauen sollten. Ich bediente mich mit einem großen Glas Averna mit alles: O-saft, Limettensaft, Eis. Und viel Averna.
Ein kleines Sherryglas Averna pur in der Hand schaute Tante Klärchen mich an: “Helene, du wolltest reden?“ Ich war ganz konsterniert, hatte meinen Antrag vom Morgen längst vergessen. „Nicht so wichtig, Tantchen, das kann warten!“ Eine Spur Erleichterung mischte sich in ihr Lächeln für Siegesmund: “Mein Lieber, wie geht es dir?“
Siegesmund schaute sie an.

„Clara, ich brauche dich!“

Wie bitte?
Ich sah Tante Klärchens Augenlider flattern.
Was ging hier vor? Einen kurzen Moment erwog ich, mich diskret zu verabschieden, aber dann beschloss ich, dass meine nächsten Minuten interessanter würden, wenn ich nicht zur Unzeit auf meine Anwesenheit aufmerksam machte.
 Jetzt einfach stillsitzen und zuhören. 

Siegesmund redete unterdessen weiter: „Wir haben eine neue Zuweisung bekommen, sie wird nächste Woche auf der Insel eintreffen.“
Zuweisung?
„Die Leute sprechen nur ihre Muttersprache, sie heißt Dari, glaube ich…“
Was? Wer?
Tante Klärchen unterbrach ihn mit glänzenden Augen: „Dari ist die Cousine von Farsi!“  
Ich lag am Boden. Wie konnte eine Unterhaltung in so kurzer Zeit zum absurden Theater werden? In welchem Universum war Dari die Cousine von Farsi?
Genug.
Ich räusperte mich. „Tante Klärchen, ich glaube, ich möchte mich für heute entschuldigen…“ Tante Klärchen sah zu mir: „Ja natürlich, Schäfchen, das ist das Nordseeklima! Sehr roborierend!“.

Roborierend.
Ich brauchte keine Worte mehr. Ich küsste Tante Klärchens hingehaltene Wange, nickte Siegesmund zu, der aufgestanden war und eine Verbeugung andeutete, drehte mich um und entschwebte.

Im Gartenzimmer angekommen, fiel ich aufs Bett und war eingeschlafen, bevor mein Kopf das Kissen berührte.

11 Lenchens Traum


Am nächsten Morgen war ich krank. Dumpfer Kopf, Gliederschmerzen, mir war kalt, Nase dicht, das Leben nicht mehr schön. Ich schleppte mich in die Küche, in der Tante Klärchen bereits mit Frau Petersen, ihrer Zugehfrau, wie sie sie nannte, die Aufgaben des Tages besprach. Ein Blick auf mich und sie wusste Bescheid: “Marsch zurück ins Bett, poverina, ich bring Dir Ingwerwasser und Wärmflaschen! Brauchst du Wadenwickel?“ Sie griff mir an die Stirn, um meine Temperatur zu fühlen. Krankheiten behandelt Tante Klärchen so lange wie möglich mit Hausmitteln, aus Erfahrung wusste ich, dass sie da meistens ganz richtig lag.   „Sehr gerne, liebe Tante, guten Morgen, Frau Petersen, aber ich brauche noch was anderes: einen laptop, und deine Passwörter fürs WLAN und netflix!“

Die Tante schaute mich an, als hätte ich von ihr verlangt, in Fort Knox einzubrechen.
„No can do, sweetie, meinen laptop kriegt niemand außer mir zu Gesicht, aber Frau Petersen kann dir einen bei Computer Nickelsen holen, nicht wahr?“
Sie drehte sich zu Frau Petersen um, die sie erschrocken  ansah.
„Also das müssten Sie mir aber genauer sagen, Frau Mehmel, das ist ja nicht so einfach heutzutage…“
Sie verstummte.
„Ach was, “, sagte Tante Klärchen, wieder zu mir gewendet, „du nimmst einfach das selbe Modell, das ich habe, der heißt swutsch, da kannst du den Bildschirm abmachen, sehr praktisch, ist dann wie ein tablet, und er hat außerdem einen touchscreen. Der Speicher ist nicht berühmt, nur 30 Gigabyte, aber für den Hausgebrauch reichts. Wie wärs?“
Ich konnte nur nicken. Wo kam diese hardware-Kenntnis auf einmal her?
„Ich rufe Arfst an, und, Frau Petersen, Sie müssen das dann  einfach nur in der Osterstraße abholen, ja?“
Frau Petersen war erleichtert, ich war bedient und schlurfte zurück ins Bett.
„Und zieh dich wärmer an!“ rief Tante Klärchen mir noch nach.
Kunststück. Ich war  bei meinem letzten Paar Unterwäsche angekommen. Alles ging zur Neige. Ich legte mich wieder hin in dem luxuriösen  Bewusstsein, dass um mich herum für mich gesorgt wurde.
So ein bisschen Regression ist doch auch mal ganz nett, dachte ich, bevor ich wieder einschlief.

Mir träumte, ich war am Strand, und ich rannte und rannte einem laptop hinterher, und das Meer glitzerte wie Gold, und es war ein prachtvolles Leben, und eine Stimme sagte immer wieder: ‘Alles Essig‘. Der Duft von Kräuterzigaretten umgab mich, und ich streckte mich bequem auf einer Liege aus, aber plötzlich war alles leer, dunkel, es war Winter und ich wusste, ich war ganz allein. ‚Soll sie sich doch gehackt legen, gehackt gehackt gehackt‘, sagte die Stimme, und ich schreckte hoch zum Geschirrklappern von Tante Klärchen, die mit einem Tablett eintrat.
Auf dem alten Schrankkoffer, der als Nachttisch diente, servierte sie: eine Kanne mit heißem Ingwerwasser, eine Tasse, eine Schale mit grauem Brei und eine weitere Schale mit Erdbeeren und Pfirsichen, dazu ein kleines Kännchen mit Sirup und ein Milchkännchen mit Sahne. „Das ist kascha, warme Buchweizengrütze, da kannst du dir Obst und Agavendicksaft und Kardamomsahne drübertun, wenn du willst. Falls du keinen Hunger hast, macht das auch nichts. Aber trinken musst du, so viel wie reingeht. Wärmflaschen bringt dir Frau Petersen, und dann holt sie deinen laptop. Ich muss los!“
Mal wieder fix weg, die Tante, dachte ich grade, da kam sie noch einmal mit einem Zettel in der Hand zurück:
“Hier sind die Passwörter. Burn after reading!“

‚Burn after reading‘ und die Mittsommernacht rückt näher. Helene weiß es noch nicht, aber da ist ganz schön was los auf der Insel. Hoffentlich wird sie rechtzeitig wieder gesund! Bis nächsten Freitag dann, liebe LeserIn!


12 Koordination im Dunkeln

Ich schlief wieder ein, und als ich aufwachte, war alles dunkel. Das Handy sagte 2:32h, und mir wurde klar, dass ich den Tag und die halbe Nacht verschlafen hatte. An meinem Bett stand roter Tee, außerdem eine Karaffe Orangensaft, Käsewürfel und Oliven in kleinen Schälchen, salzige Kekse und frische Erdbeeren. Und ein neues notebook, noch in der Originalverpackung.
Was für ein Service.
Ich fühlte mich frisch, kurzes Durchchecken ergab: Kopf und Glieder ok, durstig, Klo. Ich rannte in mein Privat-Gemach, und danach trank ich aus der Karaffe fast den ganzen O-Saft, zum Nachfüllen. Die Käsewürfel waren lecker, die Oliven auch, die Kekse brauchte ich nicht. Danach noch die Erdbeeren, und ich war fast wieder ganz beisammen.

Etwas blinkte. Mein handy: ich hatte Nachrichten, meistens voice-Mails, und ein paar sms. Die Münchner Freundin: „Was machst du denn, geht’s dir gut, ists schön, wie isns Wetter, ist schon auch a bisserl langweilig da auf der Insel, gell? Wann kommst denn wieder her, ich hätt vielleicht eine Stelle für dich…“
Hm.

Und dann, zu meinem Erstaunen, Matti. Tante Klärchen musste ihr, ganz entgegen ihrer üblichen Vorgehensweise vis-a-vis persönliche Daten, meine Handynummer gegeben haben.
„Hey, ich hab mich gefreut, dich zu sehen, und Tante Klärchen hat mir deine Nummer gegeben. Du bist krank, werde mal schnell wieder gesund! Morgen Abend ist unser übliches Mittsommernachtsdings, das machen wir immer noch, komm doch auch. Ich nehm dich gern mit, falls du nicht fahren willst.“
Tolle Stimme, immer noch, dachte ich, und: morgen Abend ist heute Abend.
Aber bevor irgendeine Hektik ausbrach, noch die letzte voicemail, unbekannte Nummer.
„Räusperräusper, hust, hallo Lockenköpfchen, du Lockigste der Lockigen, ich wollte dich mal locken, husthust, zum Mittsommer sind wir wieder alle beisammen am Strand, so wie früher, selbe Stelle selbe Welle, wers weiß kann kommen, kennst du ja von früher, räusper, da hatten wirs ja auch nett, bestimmt erinnerst du dich, husthust, komm doch, ich freu mich schon sehr auf dich, und wir müssen reden, ist wichtig, machen wir dann, ja, suchen uns ein Plätzchen und dann, ja?“
Ich erkannte das Husten, das ihn immer ergriff, wenn er seine heimische Produktion rauchte, und wenn er dabei Rotwein trank. Das war Ketel Ketelsen, KK, wie wir ihn damals nannten, in Reinform, wenn dicht.
Der Anruf musste ihn Mut gekostet haben, und das Gras und der Wein waren offensichtlich nötig, um ihn den Sprung über gut 20 Jahre machen zu lassen, als wir das letzte Mal am Strand den Mittsommer gefeiert hatten, mit jeder Menge bewusstseinsverändernden Substanzen und dazu Wein, Feuer, meistens zu wenig Essen, weil keiner Lust hatte, uncoolen Kartoffelsalat zu machen, und wir das außerdem vor unseren Eltern oder Aufpassern (in meinem Fall natürlich Tante Klärchen, die nie etwas gegen jahreszeitlich bedingte Feste hatte) geheim halten mussten.
Der besagte Strand war so weit wie möglich von den Dörfern und Touristenquartieren entfernt, obwohl ich den Verdacht hatte, dass das heute vielleicht nicht mehr so wäre, wenn ich mir die Bautätigkeit auf der Insel anschaute, und das strandnahe Land, das plötzlich offensichtlich Bauland geworden war. 
KK, das war klar, war in Nöten, und in Not. Früher oder später würde ich mit ihm reden müssen, ob das Fest dafür geeignet war, das bezweifelte ich stark. Er würde vermutlich bereits betrunken und duun dort eintreffen, und von da an würde es bergab gehen.
Matti… ich freute mich. Ich würde sie gerne wiedersehen, ich würde sie auch gerne Autofahren lassen, denn sie war relativ verlässlich, jedenfalls gewesen, in ihren Trinkgewohnheiten.   Rauchkräuter rührte sie nicht an, anders als ich damals, weil sie den Rauch nicht haben konnte, und Alkohol vertrug sie erstaunlich gut.
Wie lautete der Spruch früher bei Tante Klärchen? „Nachhause kommt man immer.“ 
Matti wusste tatsächlich immer, wo der Weg nach Hause war und konnte ihn finden, wenn andere schon lange nicht mehr fähig dazu waren.

Es gab noch einige sms, aber ich merkte, dass ich schon wieder müde wurde. War schließlich mitten in der Nacht. Ich ging nochmal ins Boudoir, und dann kroch ich wieder ins Bett, auf Cara, die es sich da mittlerweile bequem gemacht hatte.
„Meine Süße“, murmelte ich, „entschuldige“, und dann koordinierten wir uns im Dunkeln, die Katze und ich, und schliefen wieder ein.  

13 Ein eigenes, spannendes Leben

In der Küche wieder der übliche Zettel: Bin Chigung, zurück gegen 9! Auf dem Küchentisch für mich: warme, aufgebackene Brötchen! Na sowas! Und Butter, Margarine, selbstgemachte Marmelade, Dattelsirup, ein Stück Käse, und, man fasste es nicht, ein Körbchen mit drei noch warmen harten Eiern.
Wahnsinn. Und so unkonventionell.
Ich frass alles, was da war, merkte, dass ich einen Riesenhunger hatte, hätte noch mehr essen können, und war recht ermattet, als Tante Klärchen eintraf. Sie war nicht gesprächig, winkte mir zu, lud mich damit in den Salon zum Meditieren ein, und ich dachte, was solls, zum Essen gibt’s ja nix mehr, und folgte ihr.
Sie stellte wortlos den Wecker, also die Meditationsuhr, und setzte sich in Position. Nach dem Klingeln wiederholte sie das Liebende-Güte-Mantra, nur für mich, und ich merkte mir wieder: glücklich, frei von Leid, Heilung, Frieden.
Die ersten drei Menschen, an die ich dachte, waren dieselben: ich, Tante Klärchen, Matti, und dann, an der Position von Menschen, mit denen ich im Unfrieden bin, tauchte zu meiner Überraschung KK auf. Mir war gar nicht so klar gewesen, dass ich seine Art, mich anzumachen und anzugehen, wirklich unangenehm gefunden hatte und deswegen mit ihm im Unfrieden war. Aber dass er Glück, Freiheit vom Leiden, Heilung und Frieden brauchen konnte, das war mir sehr klar. Also bitte.

Nach der Meditation verschwand Tante Klärchen wieder mal eilig, aber nicht ohne mich gedrückt und liebevoll in die Wange gekniffen zu haben: “Na, geht dir wohl schon besser, Schäfchen! Frau Petersen macht eine ganz große Portion Kartoffelsalat, steht ab heute Nachmittag in der Küche, bedien‘ dich, nimm was mit, und wir sehen uns morgen, ja?“ Sprachs und rauschte davon wie eine Frau, die ein eigenes, spannendes Leben hat.    Mein eigenes, spannendes Leben fühlte sich immer noch an wie gestrandet, aber die Erkältung oder was auch immer es gewesen war, schien überwunden.
Ich duschte, zog meine letzten Kleider an und fuhr mit dem Silberpfeil in die Inselhauptstadt, einkaufen. Fand auch ein paar nette neue Läden, nicht billig, hatte wieder Gelegenheit, zu sehen, wie sehr die Insel sich gentrifiziert hatte, ging in meinen alten Buchladen und umarmte den Besitzer, einen zauberhaften Kerl in kurzer Buchs mit bunten Hosenträgern, und war zwei Stunden später wieder zuhause,  fühlte mich dann doch etwas ermattet und legte mich wieder hin, nicht ohne Matti zu smsen mit der Frage, wann und wo wir uns treffen wollten.
Als ich wieder aufwachte, war es schon Nachmittag, Zeit, in die Küche zu gehen und zu checken, was mich da erwartete.
Dieser Essensrhytmus von Tante Klärchen machte, dass man auf die einzigen beiden Mahlzeiten des Tages wirklich Hunger hatte. 
In der Küche kein Mensch, aber ein interessantes Tableau auf dem Esstisch: eine Riesenschüssel mit Kartoffelsalat Majo mit etwas Grünem, das sich bei rascher Probe als Rucola herausstellte, lecker, und eine Riesenschüssel sehr bunter Nudelsalat, ich sah frische Tomatenstückchen, gebratene Streifen von Paprika und Zucchini, dazwischen Fenchelgrün, Möhre und Stangensellerie, außerdem Käsewürfel, wieder Rucola und, tatsächlich, Riesengarnelen.
Nobel geht die Welt zugrunde!
Außerdem standen auf dem Tisch  zwei große Tupperwaren, Bambusgeschirr in Form von tiefen Tellern und Löffeln und Gabeln, bunte Metalltrinkbecher, eine Rolle Küchenpapier, drei große Ciabattas, zwei riesige Wasserflaschen und zwei Flaschen Rosé, die spritzige, leichte Sorte, die Tante Klärchen im Sommer gerne mit viel Wasser verdünnt zum Abendbrot trank.
Als ich noch mit der Gabel in der Nudelsalatschüssel herumrührte, um Gambas zu fischen, wurde mir klar, dass Tante Klärchen mich für das Mittssommernachtsdings am Strand ausgerüstet hatte. Das war mein Proviant für das Fest!
Damit werde ich die Königin des Mittsommernachtsdings, schoss mir durch den Kopf.
Und tatsächlich sah ich, auf einem Stuhl, eine überdimensionierte blaue Plastiktüte eines schwedischen Möbelhauses, gut geeignet zum Transport der Beute an den einsamen Strand.
Matti smste, ich hatte nur noch wenig Zeit. Ich schaufelte Salate in Tupperdosen, verschloss sie sorgfältig und brachte alles im blauen Riesenbeutel unter, zog mich an, Zwiebelprinzip, denn nachts im Juni kanns auf der Insel noch kühl werden, suchte im Gartenzimmer nach alten Decken, fand zwei, die zweifelhaft genug waren, um heute Nacht unterzugehen,  und stand etwas gehecktet auf der Straße, als Matti mit einem alten grünen Defender  heranfuhr. Sie sprang aus der Tür, drückte mich, lud alles nach hinten ins offene Auto und parkte mich auf dem Beifahrersitz. Setzte sich ins Auto, drehte sich zu mir und strahlte mich an, dass die Mitternachtssonne aufging: “Du bist da!“.

14 Das Mittsommernachtsdings

Wir fuhren in eins der versteckten kleinen Inseldörfer, die früher nur aus drei Häusern in Strandnähe bestanden hatten, in denen Küstenfischer und Strandräuberinnen gewohnt hatten. Noch ein paar Kurven, und Matti parkte den Jeep im Feldzugang eines Knicks. Dieser Feldrand war alt und gepflegt, dicht bewachsen mit Holunder, Weißdorn, Haselnuss, Hainbuche, Hundsrose, Brombeeren und anderen Sträuchern.  
Alles duftete, die Hundsrosen blühten zartweiß, hellrosa und intensiv rot, die Brombeeren blühten auch, der Holunder hing in schweren gelblichweißen Dolden, kleine weißrosa Lichtnelken lugten zwischen den Gräsern am Wegesrand hervor.
Ich war begeistert.
Wir bepackten uns für den Weg zum Strand, da sah ich noch andere versteckte Autos: „Wie früher“, sagte ich zu Matti, und deutete auf die geparkten Gefährte, Fahrräder auch dazwischen, es hatte etwas Aufregendes und Heimliches. „Ja, ist nicht alles wie früher,“ sagte sie mit Blick in die Bucht, „manches ist auch nicht wie früher…“. Ich schaute sie erstaunt von der Seite an, sah sie finster davonstapfen und wusste nicht genau, was ich davon halten sollte.

Und da waren wir auch schon an der Klippe und schauten durch den Durchschlupf ein paar Meter tiefer auf den Strand: enge Bucht, Feuer genau in der Mitte, am hintersten Punkt, so gut wie möglich unsichtbar, wenn man nicht schon sehr nah dran war. Eine Menge Leute saßen bereits drumrum, einige machten sich an Zelten und Schlafsäcken zu schaffen, die sie so aufbauten, dass sie nachts in benebeltem Zustand noch hineinfinden konnten. Die Schlafgelegenheiten bildeten quasi einen äußeren Ring um das Feuer und die Steine, Baumstämme oder Decken, auf denen die meisten saßen. Bunt war‘s hier, aber nicht mehr so jung wie früher: die meisten waren in meinem Alter, plus minus zehn Jahre, aber keine zwanzig mehr und auch noch keine sechzig.
Ich sah KK in einem ernsten Gespräch im Kreis von Männern, seine Frau neben sich. Elena war über zehn Jahre jünger als er, hatte ihn lange öffentlich auf Facebook bewundert, bis er sich herbeigelassen hatte, sie zu treffen. Sie hatten schnell geheiratet, sie einen beneidenswerten Inseltraum und er eine junge Frau, die zu ihm aufsah. Das war nun alles Essig, wenn ich seinen Worten Glauben schenken wollte. Er schaute nur kurz auf und grüßte Matti und mich nachlässig. Ich begriff: er will nicht zeigen, wie verbunden er sich mir fühlt. Soziales Beziehungsmanagement auf der Insel. In dieser speziellen Männervariante kannte ich das natürlich auch aus Süddeutschland.

Wir setzten uns zu einigen Freundinnen von Matti, die ich zum Teil tatsächlich noch von früher kannte: da war Verena, ein sehr zartes Wesen mit erstaunlich hartem Griff, sie arbeitete in einer der vielen Praxen als Krankengymnastin. Bei unseren früheren Touren war sie nur am Rande dabei gewesen.   
Außerdem war da Donni, ich wusste nie, wie ihr wirklicher Name war, wahrscheinlich Dorothee oder einfach Doris, die Motorrad fuhr und hier und dort im Service arbeitete: die vielen Inselgaststätten, die sich, wie Tante Klärchen immer sagte „eine Speisekarte teilten“, brauchten (und verbrauchten) eine Unzahl von äußerst schlecht bezahlten Menschen in der Küche und am Tisch. Anders konnten diese Betriebe, die höchstens acht Monate im Jahr wirklich Geld machten, nicht über die Runden kommen.
Neben ihr saß die Ärztin, allgemein Rossi genannt, die in ihrer Praxis ebenfalls eher schlecht als recht über die Runden kam, weil sie zu viel mit den Leuten redete. Für diese ärztliche Leistung ist der Vergütungssatz der Kassen aber sehr niedrig. Sie war pragmatisch, zupackend, freundlich, aber bestimmt, sehr menschenerfahren und wusste genau, wie man Leute dazu brachte, etwas zu tun, was diese nicht wollten: sie hatte mir vor Jahren bei einem meiner Tante-Klärchen-Besuche im Herbst eine Grippeschutzimpfung angeschnackt, die ich eigentlich nicht machen wollte, aber, wie sich später in München herausstellte, dringend gebraucht hatte.
Ich mochte Rossi sehr und fürchtete sie auch ein wenig.
Neben ihr saß, händchenhaltend, eine ziemlich dicke Frau, die mich mit großen Augen ansah: “Engelchen, bist du das?“
Oh Gott
Ich hatte sie ganz vergessen. Das war Karla, und wenn ich sie in der Hölle wiedergesehen hätte, wär‘s noch zu früh gewesen.
Was für ein Mist.
Ich fühlte, wie ich wieder zu der scheuen Jugendlichen wurde, die ich einmal war, und mir fiel wieder ein, wie ich mich in ewigen Fluchtlinien jeden Sommer vor Karla versteckte, die mir zu nahe kam, die mich anhimmelte und, je mehr sie spürte, dass mich das verschüchterte und erschreckte, immer mehr hinter mir her war. Karla wollte aufspringen, wurde aber erstaunlicherweise von Rossi, die ja noch ihre Hand hielt, daran gehindert.  
Mit einem Blick auf Matti meinte Rossi leichthin: „Na, ihr wollt euch erstmal einrichten, da hinten ist noch Platz für Schlafsäcke, und hier vorne haben wir die Bar aufgebaut, falls ihr was mitgebracht habt oder auch nicht…“.
Ah.
Karla war zähmbar und eingezäunt.
Wer hätte das gedacht.
Der Alptraum meiner Jugend war domestiziert worden, weiß der Geier warum, von Rossi, der praktischen Ärztin.
Viel Glück dem jungen Paar.
Ich war so erleichtert und überrascht, dass ich jetzt gerne einen Averna gehabt hätte. Daran war natürlich nicht zu denken. Die Bar, auf der Matti und ich ihre und meine Mitbringsel aufbauten, war arm bestückt, der Wein qualitativ nur knapp über dem Lambrusco, den wir früher hier aus Dreiliterflaschen getrunken hatten.  Hier gab’s bestimmt noch andere Stöffchen, die aber nicht auf der alten Holzbohle, die als Ankerplatz diente, festgemacht waren.
Nun gut.
Wir setzten uns, ich wollte möglichst weit von Karla weg, und sorgte dafür, dass Matti und Rossi zwischen uns waren. Jetzt hatte ich Matti auf der einen Seite und Verena auf der anderen, und links hinter mir, wenn ich an Matti vorbeischaute, das Meer. Es war wenig Wasser da, aber auflandig, das heißt, irgendwann in der Nacht würde die Flut da sein. Daran musste ich denken, sollte ich später noch umherwandern wollen.

Es war ein seltsames Licht, dazu ganz still, kein Wind, der Himmel bedeckt, das Klima fast stuffig, etwas drückend, wie es am Meer selten ist. Die Halligen schienen auf ihrem eigenen Licht am Horizont zu schweben und waren ganz deutlich zu sehen, fast meinte ich, die einzelnen Häuser unterscheiden zu können. Auf dem einen oder anderen Dach in der Ferne blitzte ein Sonnenkollektor auf.
Matti, die meinen Blick bemerkt hatte, sagte: „Wenn die Halligen schweben, ist Gewitter in der Luft. Irgendwann heut Nacht geht’s los. Das hier ist die Ruhe vor dem Sturm. Außerdem ist Vollmond, da gibt’s ganz sicher einen Wetterwechsel.“
Und schaute mich lächelnd an.
Ich lächelte zurück: „Dann erzähl mir was von dir, bevor der Sturm losgeht. Wie ist es dir ergangen? Ich hab‘ mich so gefreut, dich zu sehen!“
„Ich mich auch. Und, ja, was soll ich sagen, nachdem wir Abi gemacht haben, nach diesem letzten Sommer mit dir auf der Insel, bin ich ziemlich abgesoffen. Ich hab‘ Drogen genommen, Lenchen, und keine harmlosen. Bin dann zu meinen Verwandten in die USA gegangen und hab dort einen Entzug gemacht. Seither bin ich auf dem Wagen, treffe mich mit meiner Gruppe auf der Insel, schon seit über zehn Jahren.  Weißt du, das 12 Schritte-Programm?“
„Ja, klar, natürlich, kenn ich.“
Sie kam mir ganz nüchtern vor, ganz pur und dem Leben zugewandt, sicher und bei sich, aber wie sie so redete, ganz offen und unverschnörkelt, wie es immer ihre Art gewesen war, sah ich auch etwas anderes: alte Narben, eine Verletzlichkeit, eine Brüchigkeit fast, hinter dem sportlichen Äußeren, hinter der Kraft. Es rührte mich, was ich da sah, es rührte mich sehr.
Ich musste an meine Tränen in der ersten Meditation mit Tante Klärchen denken und fragte spontan: „Meditierst du?“
„Ja, wir haben eine kleine Gruppe, machen Yoga und Meditation, Verena ist auch dabei, noch ein paar andere, wir treffen uns in der Inselhauptstadt im Zentrum für Tango und Besinnung.“
Zentrum für Tango und Besinnung, dachte ich, das ist so Insel!
„Was arbeitest du?“
„Ich bin im InselMuseum, ich mach da die IT, Hardware, Software, die Website, die Instagram-Seite, das Ganze heißt heutzutage digitale Strategie, und die Event-Planungen, helf‘ der Kuratorin mit den Ausstellungen und bin abends da bei den Veranstaltungen, fürs Mikro und fürs Licht, so viel ist das ja nicht, ist ja nur ein kleines, aber feines Haus.“
Sie lächelte wieder, diesmal etwas stolz.
„Macht’s dir Spaß?“
„Ja, sehr. Es ist gut da im Museum zu sein, ich bin gern bei den alten Inselfunden, bei den historischen Geräten und bei den alten Geschichten, bei den Inselrosen im Museumsgarten, ja, das find ich schön. Kürzlich haben wir einen alten Lehmofen wieder aufgebaut, im Museumsgarten, und haben darin mit Ferien-Kindern Brot gebacken, ganz traditionell.“
Sie schaute mich ruhig an.
„Ich brauch keine Aufregungen, keinen Heckmeck mehr. Davon hatte ich mehr als genug. Im Alten Paradies – kennst du das noch? – da machen wir einmal im Monat eine Tanzerei mit der Musik, die wir mögen, da geh ich hin und tanze, und damit ist es gut.“
Ihr Lächeln wurde wärmer: „Schön, dass du da bist. Du kannst immer noch gut zuhören!“ 
Ich lehnte mich ein wenig an sie und sie legte mir den Arm um die Schulter. Hinter ihr sah ich das stille Meer, schon etwas näher, und das seltsame gelbliche, diffuse und etwas neblige Licht, in das wir alle gehüllt waren. Ich roch den Regen, der kommen würde, ich fühlte den Sturm, der noch ferne war. Und in diesem Moment, hier am Feuer, das schon ziemlich hoch loderte, und das mir bald zu warm werden würde, war einen Augenblick lang alles gut.

Eine Gitarre wurde gezupft, dann noch eine. Es war wahrhaftig wie früher, sie spielten die Musik immer noch live und in Farbe, keine Ghettoblaster, keine Boxen. Doch, eine Box, jemand hatte eine Holzbox zwischen den Knien und klapperte mit ihr, als Percussion, wie hieß das nochmal? Und nach dem Stimmen ging es los, ein Shanty, kaum zu glauben, immer noch die alten Lieder vom Meer und den Wellen und der Heimat und den Kühen auf dem Deich, ein Glas auf den Deich und eins auf die Kuh
KK spielte Gitarre, wie immer, er lächelte mir glücklich zu, wir sangen alle, wie immer, wir schunkelten, das Feuer war hell und heiß im Gesicht, ich drehte mich immer mal weg, über Mattis Schulter, und schaute auf das Meer.
Eine Kräuterzigarette traf bei mir ein, endlich, dachte ich, dann schaute ich Matti an, und sah ihren abwartenden Blick.
Sie will sehen, wie ich mich verhalte. 
Ich traf eine Entscheidung und gab die rauchende Tüte hinter Mattis Rücken weiter an Rossi, die das mitbekommen hatte, und die sie ebenfalls weitergab.
Oh Gott, nicht mal mehr die harmlosesten Drogen, dachte ich, und mir wurde klar, dass es hier um Prioritäten ging: Krauttüte oder Mensch neben mir.
„Was trinkst du denn?“, fragte ich Matti, leicht verzweifelt, und sie lachte und reichte mir ihre Flasche, in der eine selbstgemachte Melonenlimonade war. Ich schmeckte Limette und Pfefferminz, fruchtig und gut.
Oh je, das schmeckt auch noch. 

Immer mal wieder sah ich Leute verschwinden, paarweise, die Böschung hinauf und in die Dünen, die hier mit Hundsrosen bewachsen waren und immer wieder kleine Lichtungen boten, ein Irrgarten, zumal wenn man etwas benebelt war und das Mittsommer- Sturmlicht alles einebnete.
Auch KK verschwand, am Arm seiner Frau, die so viel kleiner schien als er, in leichter Schieflage.
Wenn das man gutgeht, dachte ich, und Matti, die meinen Blick gesehen hatte, lachte leise, als hätte sie meinen Gedanken gehört.
„Bist du mit jemandem zusammen“, fragte ich, und wunderte mich über mich selber, dass ich so unvermittelt eine so direkte persönliche Frage nicht nur dachte, sondern auch stellte.
Matti sah mich ruhig an.
„Nein, Schäfchen, bin ich nicht. Ich warte noch auf die Richtige.“
Die Richtige.
Die Richtige!
Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Unsere Abenteuer, die nicht enden wollende Reihe von Partys, Matti immer an meiner Seite, immer auf dem Ausguck, mehr als einmal mich wegbringend aus einer unhaltbaren Lage voller Schnaps, Zigaretten, Musik, Jungs. Sie wusste immer, wo der Weg nach Hause war.
Damit sie mich da hinbringen konnte! 
In unseren Sommern auf der Insel war sie in mich verliebt gewesen, und ich hatte das, naiv wie ich war, damals nicht richtig wahr-genommen und bis heute nicht begriffen.
Ich erlebte einen Moment, wie ich ihn selten habe, aber von meinen Klientinnen kenne: Evidenzerleben wird das genannt, könnte auch Schuppen-von-den-Augen-Syndrom heißen. Plötzlich wird etwas klar, was lange bekannt, aber nicht richtig gedeutet war. Zusammenhänge erschließen sich, buchstäblich, weil der Schlüssel plötzlich zur Verfügung steht. In solchen Momenten können sich Berufswege ändern, Süchte aufgegeben werden oder Ehen geschlossen oder beendet werden.
Und das alles ohne eine einzige Tütenzigarette!

Ich fühlte mich gleichzeitig froh, leicht, heiter und verzweifelt. Da an Nachschub nicht zu denken war, solange Matti mich im Blick hatte, weil ich ihr das nicht antun konnte, fragte ich: „Wollen wir ein bisschen gehen?“ Und wir gingen am Strand, ganz still, und die Weite des Watts hüllte mich ein und Mattis Arm lag um meine Schultern, und es gab nichts mehr zu sagen und nichts mehr zu wollen.

Wie geht es weiter auf diesem Mittsommernachtsdings, wo der Sturm dräut und die Leute in den Dünen verschwinden? Hoffen wir das Beste, liebe LeserIn!
Am Hafen stand Tante Klärchen, nächsten Freitag wieder frisch!

15 Tod im Irrgarten


Irgendwann musste ich am Feuer eingeschlafen sein, denn ich wurde unsanft davon geweckt, dass ich in den Sand fiel, Kopf zuerst.

Matti, an der ich wohl gelehnt hatte, war aufgesprungen, und ich war gefallen.
Was ich da so im Liegen vorfand, war verwirrend, laut, hell, chaotisch: es blitzte, ohne zu donnern und ohne zu regnen, Leute rannten durcheinander, sammelten hektisch ihre Sachen ein, immer wieder mal kurz beleuchtet, ansonsten war es dunkel, aber nicht sehr, die Nacht war hell, man konnte auch ohne die Blitze noch sehen. Das seltsame gelbliche Licht von vorhin hatte sich gewandelt und war jetzt dunkelgelb, immer noch sehr unwirklich. Die Luft ganz still, aber warum machten die Leute so ein Theater? Was war denn da los?
Matti beugte sich zu mir: „Stehst du mal auf, Schäfchen? Ich glaube, wir sollten uns mal umschauen.  Elena sagt, KK wäre verschwunden. Wir müssen in den Dünen suchen!“

Aber warum denn? Der schläft doch sicher irgendwo, was soll‘s denn, dachte ich unfreundlich und hörte mich sprechen: „Was? Wieso?“
„Elena war sehr aufgeregt, sie meinte, es könnte etwas passiert sein.“
Ich dachte: Was, wieso, und sagte: „Und deshalb rennen hier alle?“
Matti meinte: „Nein, die rennen, um zu den Autos zu kommen, hier wird’s gleich furchtbar regnen.“ 
Na, toll.
“Und was machen wir jetzt?“
Matti sagte: „Ich bring dich ins Auto und suche KK.“
Mein Stolz regte sich, ich setzte mich auf, endlich, und sagte entschlossen: „Quatsch, ich komm mit.“
Matti zog mich lächelnd hoch: „Na dann los!“
Wir gingen durch die Rennenden hindurch in Richtung Dünen, dahin, wohin ich KK und Elena vor Stunden in den Hundsrosen-Irrgarten hatte verschwinden sehen. Elena war nirgends zu entdecken, niemand beachtete uns, alle suchten nur das Weite.
Und immer diese plötzlichen stillen Blitze, die die Dünen und den Strand hellst erleuchteten, um die Landschaft dann wieder in eine Dunkelheit zu senken, die jedes Mal tiefer erschien und sich wieder hob, Sekundenbruchteile später, wenn die Augen sich wieder auf das nächtliche Sturmlicht eingestellt hatten.
Matti hielt mich fest an der Hand, wir erklommen die sandige Böschung und wandten uns nach links, wo der niedrige Wald aus Hundsrosen stand, duftend, auch jetzt noch, in der gespenstischen Szenerie um uns herum. Die Hundsrosen, undurchdringlich, stachelig, bildeten immer wieder kleine Lichtungen, in denen der helle Sandboden zu sehen war, grade groß genug, dass sich zwei Leute dort aufhalten konnten. Die Wege dazwischen waren fast zugewachsen.

Ich spürte Stacheln an den Beinen, die an meiner Hose kratzten, als wir uns, Matti vorneweg, durchs Gebüsch schlugen. Sie hatte tatsächlich eine Taschenlampe in der Hand, typisch Matti, immer ausgerüstet, die ein sehr helles, irgendwie blaumetallisches Licht abgab, mit dem sie auf die kleinen unbewachsenen Stellen leuchtete, wenn sie zwischen den Büschen auftauchten. Wir stolperten, wir müssen aufpassen wegen der Böschung, und ich erinnerte mich, dass dieses Hundsrosen-bewachsene Gebiet ziemlich groß war.
„Wie sollen wir hier jemanden finden?“ schrie ich gegen den enorm lauten Donner an, der mittlerweile eingesetzt hatte, die Luft roch intensiv nach Regen, Wind kam auf, die Blitze zuckten jetzt in kurzen Abständen, es waren keine Menschen mehr zu sehen und zu hören, hier waren nur noch Büsche und Sand, Donner, Wind und Blitz. Mattis Griff an meiner Hand wurde plötzlich fester, sie stoppte, ich stolperte und stieß unsanft mit ihr zusammen, blickte an ihr vorbei und sah, was das helle Licht ihrer Taschenlampe enthüllte: da lag ein Mensch, ein Mann, zusammengekrümmt, unnatürlich, still, es war KK, und er war tot.
Ich war mir da ganz sicher.
Er lag auf der Seite, war verkrümmt, die Haltung fast embryonal, beide Hände zum Herzen gezogen. In all dem blitzenden Getöse gab es plötzlich eine einzige ruhige Stelle: es war der tote KK im Lichtkegel von Mattis Taschenlampe.
Matti hatte ihn inzwischen an den Schultern gepackt und rüttelte ihn, legte die Hand auf die Seite seines Halses, hörte an der Brust. Sie kniete nun aufrecht neben ihm, hatte die Hände verschränkt und fing an, seinen Brustkorb einzudrücken, schwungvoll und tief, in schnellen Bewegungen. Ich wusste aus den Kursen in der Klinik, dass das ganz richtig war, was sie da tat, und ich wusste intuitiv und ohne Erklärung, dass es zu spät war. Sie gestikulierte, dass ich sie ablösen sollte und ich tat es, weil sie sie es so wollte.

Matti hatte ihr Handy in der Hand und schrie hinein: „Am Strand, weißte doch, wo wir immer das Mittsommernachtsdings machen, ich hol dich am Weg vor der Sandkuhle ab. Bring eine Plane mit!“
Ich starrte auf KK, der mittlerweile seltsam beschattet war, weil Matti die brennende Taschenlampe neben ihm abgelegt hatte, um zu telefonieren.
Mir war, als ob ich mich vor dem toten KK verbeugen wollte.
Was ist mit dir, mein Alter? dachte ich, und dann schoss mir durch den Kopf, dass ich mit ihm nicht mehr reden konnte, weil er tot war. Ich fasste in seine Halskuhle, keine Bewegung, kein Puls. Nichts. Er fühlte sich kalt an. Unbegreiflich.
Ich hörte eine Stimme.
Matti redete mit mir.
Ich schaute zu ihr auf: „Was?“ – „Ich sagte, ich muss zum Weg gehen, da kommt gleich Uli, meinst du, du kannst hier bei KK bleiben, ich lass dir die Taschenlampe da!“
Ich begriff gar nichts.
„Was?“ 
„Bleib bei KK, ich komm gleich wieder!“ Sprachs und war verschwunden.
Ich bin in einem Alptraum, dachte ich, und schaute auf KK. Aber ist nicht so schlimm, KK ist ja da.
Dann wurde mir wieder bewusst, dass er tot war, und ich wurde auf einmal ganz klar im Kopf und schaute ihn mit anderen Augen an. Ich beugte mich ein wenig vor, konnte sein Gesicht sehen: die Mundwinkel hochgezogen, die Augen zusammengekniffen. Ich ergriff die Taschenlampe und leuchtete ihm ins Gesicht: die Pupillen geweitet, der Ausdruck schmerzverzerrt. Ich hatte einmal eine Patientin in der Reha-Klinik so gesehen. Sie war den Herztod gestorben, ich war dagewesen, um ihre Angehörigen zu betreuen, die sie im Zimmer so vorgefunden hatten.  Genau denselben Ausdruck sah ich jetzt in KKs Gesicht und Haltung.
Und ich spürte noch etwas anderes, etwas sehr Zartes und Flüchtiges, etwas, das nicht in mir war, sondern das sich in der Zone um KKs Körper herum zu sammeln schien: ein Erstaunen, ein tiefes Bedauern, eine irgendwie erkennende Traurigkeit, ein stummes Verzeihen.
Elena kam mir in den Sinn, mir war, als ob der tote KK seine Hand vom Herzen nahm und nach ihr ausstreckte, die nicht da war.
Die Vision dauerte nur eine Sekunde, dann wurde sie weggewaschen und ich spürte, wie Wasser mir über den Kopf und das Gesicht herunter rann.
Der Regen hatte eingesetzt, wild, windgepeitscht und wie aus Kübeln. Ich war in kürzester Zeit völlig durchnässt, KK vor mir auch. Er schien sich jetzt irgendwie aus der Welt zu lösen. Der Ausdruck, den ich eben noch an ihm wahrgenommen hatte, war weg, und jetzt lag da nur noch eine Leiche, deren Kleider sich mit Wasser vollsogen und die sich tiefer in den nassen Dünensand abzusenken schien mit jeder Sekunde, mit jedem Tropfen, der auf sie fiel.
Zeit, dass sie kommen und dich holen, dachte ich, und spürte eine Bewegung in meinem Rücken, Matti erschien mit einem großen dunklen Mann im Schlepptau.
Uli.
 – Uli, na klar, der Polizist!
Natürlich, ihn hatte sie angerufen, ihn hatte sie am Feldweg abgeholt und hergebracht!
Uli kam, sah und übernahm das Kommando. Er kniete sich zu KK und betastete ihn am Hals, orderte mich weg, nahm ein Funkgerät aus der Tasche und ab da wurde es so ungemütlich, dass ich anfing, mich nach Hause zu sehnen. Matti schien das bemerkt zu haben, sie sprach kurz mit ihm, ich hörte etwas von morgen, Protokoll, ich ruf dich an, dann nahm sie mich am Arm und führte mich weg, weg von dem toten KK, der jetzt für sich selber sorgen musste, und der irgendwie auch schon nicht mehr da war.

Auf dem Heimweg im Auto sprachen wir nicht, ich kuschelte mich an Matti, die schnell und sicher durch den schweren Regen fuhr, und als wir ankamen, war wie durch ein Wunder Tante Klärchen da und wach. Es gab Cognac und heißen, süßen, unglaublich starken Kakao mit Chili-Sahne. Danach torkelte ich ins Bett und war sofort weg.

Tragische Entwicklungen auf der Insel. Wie wird Helene damit umgehen? Was sagt Tante Klärchen dazu? Und was ist da eigentlich genau passiert im Sturm am Strand beim Mittsommernachtsdings? – Hoffentlich werden wir es erfahren, liebe LeserIn!
Der InselSommerRoman, am nächsten Freitag wieder frisch!

16 Mattina al diavolo


Ich wachte auf mit dumpfem Kopf und vernahm weit weg aufgeregte Stimmen. Kurzes Hinhören ergab: sie saßen im Salon, ich konnte Tante Klärchen hören, Matti, den Optimizer und noch mindestens drei andere, die ich nicht an der Stimme erkennen konnte.
„Ich glaub das nicht, ich glaub das nicht…“, sagte eine Frauenstimme, vielleicht war es Rossi, die Ärztin. „Er war bei mir in Behandlung, das hätte ich gemerkt…“
Also Rossi.
„Sie haben den so unter Druck gesetzt, das kannst du dir nicht vorstellen, dauernd gemailt, angerufen, so getan, als hätte er mit ihnen Termine gemacht…“ – Keine Ahnung, wer das war, eine Männerstimme mit Inselklang, sicher ein Eingeborener.
„Ich weiß einfach nicht, was ich davon halten soll, Ketel war doch ein ausgeschlafener Mann, kreativ, begabt, der lässt sich doch nicht ins Bockshorn jagen! Natürlich ist mir klar, dass da viel Druck ist, aber letztlich kann man doch keinen zwingen, wenn er das nicht will. Was geht denn da vor?“
Das war natürlich Tante Klärchen, aber in einem neuen Tonfall, angespannt und irgendwie jünger, frischer, weniger Tante-Klärchen-haft. Es war nicht klar, wen sie angeredet hatte, aber eine Männerstimme antwortete ihr: „Ich bin dran, ich hab schon von zweien die E-Mails, aber da sind noch mehr, und ich glaube, sie sind vorsichtiger geworden. Da wird nicht mehr so viel schriftlich gemacht.“
Jetzt ging es durcheinander: „Die beiden waren nicht glücklich, das weiß ich von Christa, die hat manchmal mit Elena geredet. Elena war‘s langweilig auf der Insel, sie wollte weg, Urlaub machen in Barcelona, mit KK durch die Ramblas schlendern, das hat sie ihr erzählt, und KK konnte natürlich nicht weg, mitten in der Saison. Irgendwie hat Elena nicht begriffen, dass der Laden ihr Lebensunterhalt ist … oder war.“ Das war Matti, mit Trauer in der Stimme.

Ich zog mich an und schlich leise in die Küche, in der Hoffnung auf Frühstück und darauf, dass mich niemand bemerken würde und ich noch ein bisschen zuhören konnte, mit Kaffee und irgendeinem Breichen am liebsten… ich war noch nicht bereit, einem Menschen ins Gesicht zu sehen. Ich wusste überhaupt nicht, wie ich mich fühlte, die letzte Nacht war weit weg und gleichzeitig ganz nah, ein unklarer Alptraum, der mir noch in den Knochen steckte, und es war da auch eine Erinnerung an schöne Momente, an Gemeinschaft, Singen, Meer und die Nähe von Matti.
Ich hatte so eine Ahnung, dass die Menschen, die da drin redeten, anders reden würden, wenn ich dabei wäre. Und: etwas war nicht richtig, etwas stimmte nicht, und ich wusste nicht, was.
Ich brauchte Kaffee.
In der Küche: Nichts. Kein Kaffee, kein Breichen, das war wohl alles in den Salon gewandert.
Ich kann das nicht haben, wenn das Catering nicht stimmt. Ich fand eine Tüte Orangensaft, in Bio-Qualität natürlich, und auf der Anrichte stand eine Schale mit Obst und einer Avocado. Bingo. Ich goss mir den Saft ein und schnitt die Avocado auf: reif, weich, innen hellgrün, genau richtig. Ich trank Saft, sehr durstig, und löffelte abwechselnd köstliches Avocado-Grün mit dem Löffel aus der Hälfte, die ich in der flachen Hand hielt. Na also, geht doch, leises Frühstück. Leider ohne Koffein, mein Lebenselixier.

Inzwischen ging das Gespräch im Salon weiter: „Ich weiß nicht, wie ich euch das sagen soll, und ihr dürft mich damit auf keinen Fall zitieren, aber ich habe kein gutes Gefühl. KK war kein Herzpatient, und ich hab‘ schon einige Patienten gehabt, die Herzprobleme hatten. Trotz seiner Lebensweise gehört er einfach nicht in diese Reihe. Ich hab‘ ja Dienst gehabt gestern Nacht, war in der Rufbereitschaft, und ich hab ihn auch gesehen gestern Nacht noch, auf der Wache, wo sie ihn zuerst hingebracht hatten. Ich muss heute noch den Totenschein ausstellen, und, ich weiß nicht, irgendwas sträubt sich in mir. Es ist mir einfach nicht klar, wie KK so sterben konnte. Er hat die Symptome gehabt, und doch…“ die Stimme von Rossi verebbte, die anderen sagten nichts.
Ich hörte ein Schnauben, es war Tante Klärchen: „Roswitha Kämmerer, ich kenne dich jetzt schon fast dein ganzes Leben. Vertrau deiner Erfahrung, vertrau deiner Intuition. Wenn die dir sagt, dass was nicht stimmt, dann geh dem nach. Was kannst du tun?“
Schweigen, dann: „Ich kann KK aufs Festland schicken, in die Pathologie des Zentralkrankenhauses, das für uns zuständig ist. Ich kenn die Ärzte da, sind beide sehr in Ordnung.  Aber ich müsste das begründen, bei der Polizei, die müssen das dann beantragen, und dann muss ich das auch gegenüber Elena erwähnen. KK’s Eltern sind ja beide letztes Jahr gestorben, und sein Bruder ist in den USA, der wird nicht so schnell hier eintreffen.  Aber was sag ich Uli, was sag ich Elena?“
Wieder Schweigen, dann der Optimizer, sanft, ruhig: „Sag doch die Wahrheit, Roswitha, dass du nicht sicher bist, dass du lieber noch eine Untersuchung haben möchtest. Mach es ganz einfach, ganz selbstverständlich. Du hast hier nicht alle Mittel, die du brauchst, auf dem Festland geht das besser. Sprich nicht viel, sorg dafür, dass es schnell geht, organisier‘ am besten den Transport gleich selbst und ruf das Krankenhaus an. Und jemand anders geht in der Zeit schon zu Elena und beruhigt sie.“
„Das kann ich machen“, sagte Matti, „und vielleicht will Helene ja mitkommen.“ 
„Sehr gut“, das war Tante Clara, die Verräterin.
Na toll, Hinterbliebenenbetreuung, vielen Dank, liebe Tante.
„Ich kann jetzt weiter nichts tun in dieser Sache,“ ließ sich derweil der Optimizer vernehmen, “ich muss die Ankunft der zwei Familien aus Afghanistan vorbereiten, und du, Clara, kommst vielleicht am besten mit in die Willkommensgruppe, wir wollen noch zwei Wohnungen ansehen, die der Pastor organisiert hat, und du hast doch vielleicht ein Gefühl dafür, was die afghanische Hausfrau und Mutter braucht, du mit deiner weltweiten Erfahrung!“.
Ich hörte Tante Klärchen leise lachen. Der Optimizer hatte es mal wieder geschafft, dass sie sich entspannte. Außerdem war ich beeindruckt von seinen spin-Fähigkeiten, das war grade eine reife Leistung gewesen, wie er Rossi gecoacht hatte.

Ich hörte allgemeinen Aufbruch, und wollte mich sichtbar machen, damit ich nicht in der Küche beim Lauschen entdeckt wurde. Ich trat in die Eingangshalle, in der grade die Verabschiedungen stattfanden, Küsschen, Umarmungen, und sah, dass es Arfst aus dem Computerladen Nickelsen war, den ich vorhin gehört hatte. Außerdem war da Verena, die in meiner Hörweite nichts gesagt hatte, und noch eine Frau, die ich nicht kannte, klein, jung, hoodie, verschmitztes Lächeln.
Matti sah mich zuerst und kam zu mir: „Na, guten Morgen! Wie ist dir?“
Tante Klärchen war nähergetreten: „Und du hast noch keinen Kaffee, Schäfchen! Das wird sofort nachgeholt!“  Ich rollte die Augen, dabei geriet mir der Optimizer in den Blick, der mich so wissend ansah, dass es mich durchzuckte: hat der mich lauschen gesehen? Unmöglich! Ich schaute ihn nochmal an, jetzt lächelte er. Er hatte mich nicht gesehen, aber meine Reaktion auf seinen Blick hatte ihm alles gesagt. Ich hatte mich selbst verraten. Er lächelte diabolischer als ein Fundamentalo-Christ das können sollte, und verschwand mit einer angedeuteten, und, wie mir schien, leicht ironischen Verbeugung aus der Tür. 

Teuflischer Morgen, indeed. Orientierung tut not, hoffen wir das Beste, liebe LeserIn!
Nächstes Freitag wieder frisch, der InselSommerRoman…

17 Die Wikingerburg


„Matti, ich kann jetzt noch nicht zu Elena gehen. Ich brauch erst noch ein bisschen Abstand und, ach, ich weiß nicht, was…“  Ich saß in der Küche beim Kaffee mit Matti, und merkte, dass ich den Tränen nahe war.
Und warum auch nicht? Es ist grade jemand, den du kanntest, unter dramatischen Umständen gestorben. Da darfst du schon erschüttert sein.
„Mir geht’s genauso. – Weißt du was? Wir gehen erstmal ein bisschen ans Meer. Dafür ist es ja da, genau wie der Wind und die Sonne. Dann sehen wir weiter, ja?“ 
Schöne Idee von Matti, raus und bewegen, das hat noch immer gutgetan. Ich lächelte sie an: “Schön! Danke! Ich zieh mir was über und dann geht’s los!“

Matti war mit ihrem Rad zum Treffen bei Tante Klärchen gekommen, und jetzt fuhr sie mich im neuen Silberpfeil – wohin? Ich wusste es nicht, hatte ihr das Steuer überlassen.
„Ich hab zwar gesagt, wir würden ans Meer fahren“, hub sie an, „aber jetzt denke ich, vielleicht wäre die alte Wikingerburg ganz gut?“
Wikingerburg?
Ach, sie sprach von der Kreisanlage, die mitten auf der Insel stand, und ganz mit Gras zugewachsen war. Sah aus wie ein bagel, Erhebung mit Loch in der Mitte, stand auch ungefähr in der Mitte der Insel. Die Anlage ist nicht ausgegraben, es ist jedermanns Vermutung, wofür sie da war und was drin war. Eine Fluchtburg, eine Wehranlage, ein befestigtes Dorf?  Teil einer viel älteren Steinkreisanlage? Einer Grabanlage? Man weiß es nicht, und als wir ranfuhren an die Burg, die knapp außerhalb eines Inseldorfes liegt, auf einem Weg, der genau auf den Durchlass der Kreisanlage zuhielt wie eine Prozessionsstraße, spürte ich, wie ich mich entspannte. Das ist alles so geerdet hier, dachte ich beim Aussteigen und folgte Matti hügelan zum „Eingang“, dem Durchlass ins Kreisinnere.

„Was ich immer mache, hier, ist, ich laufe oben auf der Rundung, einmal nach rechts und einmal nach links. Dann bläst der Wind mich durch in allen Richtungen und ich krieg den Kopf frei“, sagte Matti in meine Gedanken hinein. 
Sie nutzt diese Anlage für sich, dachte ich, das hier ist für sie kein archäologisches Denkmal, sondern Teil ihrer Insel-Einrichtung, gehört zu ihr wie das Meer.
Ich fragte, zu meinem eigenen Erstaunen mal wieder gradeheraus und ohne Zurückhaltung: “Wofür brauchst du das denn, den Kopf frei?“ – „Ich bin eine Süchtige, vergiss das nicht, Helene, und ich hab Momente, da muss ich drum kämpfen, dass ich nüchtern bleiben kann. Und da hilft mir die Burg, so wie ich ja auch andere Sachen mache, die mir helfen.“

Ich mochte die Art, wie sie mir einfach Auskunft gab über sich, klar und direkt, und damit auch meine Fragen und mein Interesse ernst nahm und würdigte. Ich schaute sie an, klare blaue Augen in der Sonne, und musste lächeln. Sie war sehr da, sehr real und lebendig. Ich fasste ihre Hand, das tat gut, ich spürte, wie ihre Finger sich fest und sicher um meine schlossen, das tat gut.

„Gehst du als erstes nach rechts oder nach links?“ fragte sie, und ich deutete nach links.

„Ah“, sagte sie, „Ich geh immer erst rechts, wir können ja jede ihren Gang machen, jede in ihrer eigenen Zeit, und wenn du willst, treffen wir uns wieder hier am Eingang, ok?“

Ich schaute ihr in die Augen und ließ ihre Hand los, indem ich meine Finger streckte, sie reagierte mit einem leisen Lachen, und ich drehte mich um und ging, wie sie es gesagt hatte, meinen Gang. Erst steil hoch, auf die Kuppe der Anlage, als wär’s die Deichkrone, und dann auf dem ausgetretenen Graspfad immer der Spur nach. Und es stimmte: der Wind, nie weit weg auf einer Nordseeinsel, erfasste mich sofort, entsprechend der Windrichtung heute auf meiner linken Seite, denn er kam, wie so oft, aus Westen. Ein weicher Wind, etwas feucht, beweglich, nicht hart, nicht angreifend. Mehr umhüllend und sich an mich legend.
Ich ging, die Augen stets nach unten auf den Pfad gerichtet, denn da gab es kleine Löcher, die wohl von Hasengrabungen stammten, Windungen im Pfad, und ich musste stehenbleiben, wenn ich ins Land schauen wollte: Das ist selten auf der Insel, dass man sie so von oben sehen kann wie von hier, dachte ich, und spürte, wie ich einfach durch das weite Schauen ins Land ruhiger wurde. KK ist tot, dachte ich, aber die Insel ist noch da, das Land liegt so satt im Sommer, alles grün, alles belebt, alles bewegt, der Wind zieht durchs Gras und durch die Büsche, ich höre ihn, ich spüre ihn.
KK ist tot, aber ich bin noch da, denn sonst könnte der Westwind sich nicht an mich legen wie eine zweite, sanfte, kühle und liebevolle Haut.  
 

Ich merkte, wie mir die Tränen übers Gesicht rannen, ich wischte sie nicht weg, auf ihrer Spur fand der Wind zu mir, wo mein Gesicht nass war, wurde der Wind auf der Haut kühler, ich hielt mein Gesicht in den Wind, und seufzte von tief innen, dann hörte ich jemanden schreien, ich wunderte mich, dass ich nicht alarmiert war, ein lang gezogenes Aaaah, von sehr tief innen, wirklich laut, sehr nah, und dann wurde mir bewusst, dass ich es war, die schrie.
Ich ließ mich auf den weichen Grasboden fallen, mein Gesicht war im Gras, der Laut kam noch aus mir heraus, und blitzartig durchzuckte mich der Gedanke,  dass KK oft hier war, ich erinnerte mich, wie er einmal erzählt hatte, dass er im Sommer manchmal hier auf der Wikingerburg schlafen würde, er hätte da so ein Plätzchen im Wall, nach Westen, wie eine Kuhle, da würde er manche Sommernacht verbringen…

Der Schrei war vorbei, ich spürte, wie ich ganz ruhig wurde, ich setzte mich auf, schaute mich um, ich war in einer Kuhle auf dem Wall, schaute nach Westen, sah einen Kirchturm in der Ferne, die Herzenslinie, hatte KK immer gesagt, ich atmete tief aus und spürte, wie die Anspannung mich verließ.
KK war tot, und hier war sein Platz gewesen, hier im Mittelpunkt der Insel, mit Blick nach Westen.  Hier eine Nacht verbringen… wie schön, wie frei, wie poetisch. Ich konnte mir gut vorstellen, wie er, der Insel-Dichter, das getan hatte und wie er es genossen haben mochte.
Wir sollten seine Gedenkfeier hier machen, schoss mir durch den Kopf. Der Gedanke befriedigte mich, so war es richtig, so passte es.
Die Wikingerburg war da, der Wind war da, der weite Blick ins Land, und solange das alles da war, würde auch KK nicht ganz verschwunden sein. 
Der Schluss von Shakespeares Sonett fiel mir ein:

„So long as men can breathe or eyes can see,
So long lives this, and this gives life to thee.

KK hatte Shakespeare geliebt, das wusste ich, eine Liebe, die wir geteilt hatten. Er hatte immer Shakespeares   Mittsommernachtstraum auf der Insel aufführen wollen, als Fortsetzungs-Theaterspiel, an verschiedenen Insel-Orten, mit einheimischen LaienschauspielerInnen.  Er konnte stundenlang davon schwärmen, wie ein Akt der Komödie aussehen konnte, der am Strand spielte, oder im Wald, bei einer alten Hügelgrabstätte… Ein Hirngespinst von ihm, an dem er jahrelang gebastelt hatte: welche Szene wo? Wie inszeniert? Wer spielt wen? Er hatte die Inselmenschen daraufhin angeschaut, welche Rolle sie im Mittsommernachtstraum besetzen konnten, welcher Typ sie waren, er hatte manchmal die Menschen um sich herum im Licht der Shakespeare´schen Gestalten gesehen, das wusste ich.
Ich spürte mich lächeln.
KK und sein Mittsommernachtstraum. KK und seine Nächte auf der Wikingerburg.

Ich saß und schaute ins Land, zeitvergessen, merkte kaum, wie die Sonne immer heißer wurde, schließlich spürte ich neben mir eine sanfte Bewegung, eine kleine Änderung in der Atmosphäre: Matti war vorsichtig herangekommen, ging in die Hocke, sah mich forschend an.
„Setz dich zu mir, willst du?“
Sie lächelte und setzte sich neben mich.
„Ich trauere um KK, Matti. Ich kannte ihn, seit ich, was? – vierzehn war, glaube ich.“
„Geht mir genauso, Schäfchen. Ich bin auch traurig. Ich war mit ihm zur Schule, und ich bin ja auch weitläufig mit ihm verwandt.“
Ein Gedanke schoss mir durch den Kopf, den ich schon seit vorgestern gehabt hatte: “Was hat ihn geritten, Elena zu erhören, weißt du das?“ 

„Hm. Er war einsam, glaube ich. Und die Bewunderung junger Mädchen, die so einer wie er kriegt, hat ihn, glaube ich, angestrengt. Er wollte wirklich nur dichten und malen, aber um das zu verkaufen und davon zu leben, musste er sich ausstellen, auf Facebook, YouTube und anderswo, musste public relations machen, hatte ab und zu auch Leute von Zeitschriften und vom Regionalfernsehen bei sich. Das hat ihn gestresst, das wollte er eigentlich alles gar nicht. Er war eitel, weißt du ja, sehr eitel, aber er wollte auch seine Ruhe beim Malen, seine freie Zeit, er wollte allein sein. Und ich glaube, er dachte, wenn er die jetzt heiratet, die Elena, dann hält die ihm den Rücken frei, dann kann er seine Sachen machen und sie macht den Rest, versorgt ihn, kümmert sich.“
„Und da hat er sich getäuscht?“
„Und wie. Elena wollte schick sein, wollte sich und ihr Leben an der Seite des berühmten Dichters und Malers ausstellen, wollte Remmidemmi und Hastenichgesehen, Party, high life. Sie hat dauernd getwittert, was sie grade macht. Und natürlich ist ihr das auf der Insel schnell langweilig geworden, du brauchst hier ein reiches Innenleben, du musst mit dir selbst befreundet sein, um hier gut zu leben. Wenn du das nicht kannst, dann schüttest du dir von außen dein reiches Innenleben rein, und das geht nicht gut auf Dauer. Machen hier viele. Nach dem Winter ist hier Scheidungssaison, weil die Leute merken, dass sie nicht miteinander können, im Inselwinter. Ich dachte letztes Jahr, jetzt wär‘s auch bei KK und Elena so weit. Aber dann starben seine Eltern kurz nach einander, und sie ist bei ihm geblieben, durch die ganze Trauer hindurch. Er hat sehr an seinem Vater gehangen, an seiner Mutter auch, die wohnten ja neben ihm auf ihrem Altenteil. Er hat sie täglich gesehen, hat immer mit seinen Eltern gefrühstückt, ganz früh, morgens um sechs, wenn Elena noch schlief.“
Matti lächelte.
„War auf seine Art ein treuer Hucken, der KK.“

„Was macht Elena jetzt? Kommt sie zurecht? Ist sie eigentlich allein, wen hat sie denn jetzt, wer hilft ihr?“

„Ich glaub, Christa wird sich kümmern, die wohnen ja nicht weit, die beiden haben sich so ein bisschen angefreundet, Christa ist eine entfernte Cousine von KK, hier sind ja alle irgendwie verwandt. Ihre Großmütter waren Schwestern glaube ich. Oder die Urgroßmütter.“

Ich erinnerte mich: Hier kannte jeder seine Vorfahren bis zur großen Flut, die die Kirchenbücher vernichtet hatte.  „Geschlechter“ nannte man das auf der Insel, es existierten lückenlose Aufzeichnungen über Geburten Heiraten, Todesfälle seit über 400 Jahren. ‚Jeder ist mit jedem verwandt‘ war hier keine Redensart, sondern die reine Wahrheit, und alle eingeborenen Insulaner wussten von allen anderen Eingeborenen, wie sie mit ihnen verwandt waren. Oder jedenfalls ungefähr. Das prägte natürlich auch den Umgang miteinander: beim Autofahren mit Matti am Steuer war mir aufgefallen, dass sie praktisch jedes entgegenkommende Auto mit einem lässigen Heben der Finger am Lenkrad grüßte, und dass sie auch wiedergegrüßt wurde. Von praktisch jedem Auto mit Inselkennzeichen. Also andauernd, pausenlos, alle eine einzige Familie.

„Wie hat sich Elena denn da so eingefunden in der Familie von KK?“
„Na, gar nicht. Sie wäre nur akzeptiert worden, wenn sie Kinder gehabt hätte. Hatte sie aber nicht, ich weiß nicht, warum. Sie ist eine Fremde geblieben, die Schwiegereltern, KKs Eltern, haben sie kaum zur Kenntnis genommen. Sie war nichts wert, weißt du, weil sie keine Kinder bekam, die die Familie eine Generation weitergebracht hätten. Und das war aus der Sicht von KKs Eltern der einzige Grund für ihre Anwesenheit. Und, natürlich, sie war keine Insulanerin. Man kannte ihre Eltern nicht, ihre Vorfahren, sie kam ja aus Lettland, wusstest du das?  – Nie kam jemand zu Besuch, sie war im Grunde ein Alien.“
„Ein Alien?“
„Ja. Die Insulaner sind da speziell. Wenn du nicht von der Insel kommst oder höchstens noch von den zwei Nachbarinseln oder dem küstennahen Festland, oder natürlich von ausgewanderten Verwandten aus Amerika oder Australien, bist du ein Niemand und du bleibst es auch. Wenn dein Name nicht in den Geschlechterlinien der Insel auftaucht, gehörst du nicht dazu, basta. Das würde niemand so eindeutig sagen, aber es ist so. Elena ist am Anfang freundlich behandelt worden, weil sie dachten, da würden Enkelkinder kommen, aber als da nichts in Sicht war, wurde sie mehr oder weniger links liegengelassen.“

„Harte Sache.“
„Ja.“

„Hat sie das begriffen, Elena? Wie ist sie damit umgegangen? Wie ist KK damit umgegangen?“
„Ich kann’s dir nicht sagen. Ich weiß es nicht. KK, der wollte nur malen und dichten. Elena hat der glaube ich gar nicht gesehen.“

Ich schaute Matti an. Da hatte ich grade in meiner Trauer KK fast schon in einen Himmel mit Shakespeare gehoben und durfte nun sehen, dass er den nächsten Menschen, den er hatte, seine Frau, kaum wahrgenommen hatte.

Zeit, Elena zu besuchen.

Zeit, Elena zu besuchen… Wir dürfen gespannt sein auf den Besuch bei der jungen Witwe… Hoffen wir das Beste, liebe LeserIn!
Nächsten Freitag wieder frisch!

18 Die trauernde Witwe, und: es wird kompliziert


Wir fuhren bei KK auf den Hof, Kies knirschte unter den Rädern des Silberpfeils. Ich hatte Autos und Fahrräder erwartet, Zeichen, dass sich hier Menschen versammelten, aber da war nichts.
Still ruht der See.
Als wir die kleine Auffahrt entlanggingen, öffnete sich die Haustür des großen reetgedeckten Haupthauses, und zwei dunkel gekleidete Männer traten vor die Tür, Elena hinter ihnen. Kurzer Blick auf uns, schnelle Verabschiedung. Beerdigungsunternehmen, dachte ich. Die beiden sahen aus wie professionelle Trauernde, nicht wie Nachbarn oder Freunde. Sie gingen an uns vorbei auf dem Kiesweg zur Straße, und ich sah einen scharfen Blick des einen auf Matti und mich. Irgendwie berührte mich das fremd, hart, seltsam.
Aber da waren wir schon an der Tür und bei Elena, die etwas überrascht schien, uns zu sehen.
„Matti, und du bist Helene, nicht wahr?“
Matti nahm Elena zu deren offensichtlicher Verwunderung in den Arm: “Wie ist Dir, Elena?“
Elena wand sich ein wenig aus der Nähe zu Matti heraus: „Gut, Matti. Es muss ja weiter gehen!“
Weitergehen? Was muss weitergehen?
Elena blickte auf mich: „Kommt herein, ich habe Kaffee gemacht.“
Wir betraten hinter ihr das Haus, in dem es ein wenig muffig roch, wie nach ungelüfteten Kleidern, Tabakrauch und nicht gereinigten Teppichen. Es war dunkel im Flur, dann öffnete Elena die Tür in die Stube, wie das hier hieß, das gute Zimmer, in dem Gäste begrüßt wurden und in dem auch Taufen stattfanden. Es war gefliest mit blauweißen Kacheln, die selbstgemalt wirkten. Eigentlich ein eher kleiner Raum, für moderne Verhältnisse, eingerichtet mit alten Holzmöbeln und mit einem kleinen Alkoven an der Seite. Dominiert wurde der Raum von einem riesigen Kachelofen, der ebenfalls eingekleidet war mit kleinen Fliesen, hier aber in Form gebrannt, rund und mit Aufsätzen auf dem Ofen. Ich war beeindruckt.
In der ganzen Zeit, in der ich KK kannte, war ich nie in diesem Raum gewesen. KK hatte auf der Insel eine alte Familiengeschichte. Das hatte ich zwar gewusst, aber es hatte in unseren Beziehungen nie eine Rolle gespielt. Bei uns ging es immer um das Jetzt, um das Neue, das Junge, das Andere, nie um das Alte.  
Das Alte geht aber nicht weg, wenn man es ignoriert. Und hier ist der Raum des Alten, der Herkunft. Der Geschichte. Riecht man schon.
Elena setzte Tassen auf den Tisch, alt, klein, und goss Kaffee aus einer weißen, öddeligen Plastikthermoskanne ein, die schon dastand. Auf einer Platte lagen Käsebrötchen und Schinkenbrötchen und Käse-Schinkenbrötchen.  Sowas gab’s bei Tante Klärchen nicht, deshalb ließ ich mich nicht lange bitten und griff mir dasjenige Brötchen, das am gehaltvollsten aussah.
Mit Essiggürkchen.
Elena lächelte: „Das hat der Kaufmann mir heute Morgen angeliefert, einfach so. Es ist hier wohl so üblich.“

Matti sah mich an. Erst dachte ich, dies sei ein strafender Blick, weil ich mich so gierig und unhöflich über den Proviant hermachte:
Bestrafungserwartung, Lenchen,
und wunderte mich, aber dann  merkte ich, sie wollte meine Aufmerksamkeit.
Also aufpassen jetzt beim Essen.
„Meine Liebe, wie geht es denn heute weiter?“ fragte Matti und legte die Hand an Elenas Schulter.

Elena antwortete eifrig: „Ach, das ist alles geregelt, das ist hier ganz einfach. Der Tischler hier im Dorf macht ja auch die Bestattungen und die Anzeigen und das alles, die waren heute früh schon als erste hier, der Pastor war auch schon da, die Beerdigung ist übermorgen, das Familiengrab ist ja schon immer auf dem Dorffriedhof…“
Als würde sie eine Geschichte auswendig erzählen und die Stationen abhaken, ganz seltsam.
„Und der Dorfgasthof hat sich auch schon gemeldet, da gehen wir nach der Beerdigung hin. Und sobald Broder da ist, unterschreiben wir, und…“ Erschrocken hielt sie inne, ihre Augen wurden groß, nur eine Sekunde lang, dann fing sie sich und lächelte wieder: “Ach, da gibt’s so viel zu tun…“  
Aber grade hat sie doch erzählt, wie sie garnix tun muss, weil alles für sie getan wird und wie am Schnürchen läuft und war ganz begeistert davon… und was ist das mit der Unterschrift von Broder?
„Wann wird Broder denn da sein, und bringt er seine Frau mit?“ Matti wusste natürlich, dass Broder, KKs Bruder, aus den USA herkam und offensichtlich war er auch verheiratet.

„Oh, morgen oder übermorgen wird er da sein, stell dir vor er fliegt bis auf die Insel, mit einem Extra-Flugzeug!“ An solchen Stellen fiel auf, dass Elena Deutsch als Fremdsprache gelernt hatte, es war nicht ihre Muttersprache. Der Flughafen der Insel bot einen Shuttle-Service aus Hamburg an, nur in der Saison, mit kleinen Cessnas, sehr teuer. Extra-Flugzeuge eben.
Sie plapperte weiter: “Er kommt ohne seine Frau, er hat sich scheiden lassen, jetzt ist er allein, ich freu mich schon…“ Wieder ein Innehalten, ein Abbruch.  
Was hat diese Frau? Was ist los mit ihr?
Wenn ich nicht gewusst hätte, dass ihr Mann gestern unter dramatischen Umständen gestorben war, hätte ich gedacht: Hier ist ein Kind, das Geburtstag hat und sich schon auf die Feier und auf die Geschenke freut. Aufgeregt, ein wenig außer sich, in Belohnungserwartung.
Belohnungserwartung. Das ist es.
Zuletzt war mir dieser Ausdruck in einem Artikel über Handynutzung und Handy-Sucht aufgefallen. Menschen greifen fünfzigmal oder mehr am Tag zum Handy, auch wenn’s gar nicht piept und blinkt, denn sie verbinden das Gerät mit Belohnung. Und das Gefühl, das sie zum Handy greifen lässt, das Eingangstor zur Sucht, ist die Erwartung einer Belohnung. Dafür gibt’s ein Zentrum im Gehirn, Belohnungszentrum.

Hier sitzt ein Kind in Belohnungserwartung. Nicht eine Frau in Trauer.
Matti sah mich an, als hätte sie meine Gedanken gelesen. Ich hatte genug. Wir konnten gehen. Dies hier war kein Trauerhaus, hier war keine Trauerbegleitung vonnöten. Sie tätschelte noch einmal Elenas Hand, fragte, ob Christa wohl noch vorbeikäme, ob andere Nachbarn für Elena da wären und ob auch Elenas Familie aus Lettland zur Beerdigung käme. Nein, meinte Elena, die hätten alle keine Zeit jetzt im Sommer, und es sei ja nun ohnehin… Der Satz verebbte, die Kraft von Elena, mit Besuchen umzugehen, schien verbraucht. Wir gingen so schnell wie möglich, traten aus dem dunklen Haus ins helle Mittagslicht des Sommertags, und ich fühlte mich befreit, als wir den Kiesweg hinter uns hatten und auf den Silberpfeil zusteuerten.
„Gehen wir was essen?“, fragte Matti.
Essen um die Mittagszeit.
Ich stimmte dankbar zu.
Als wir im Dorfgasthaus saßen, das ambitionierte schwäbische Inselküche offerierte, war mir, als würde ich aus einem ganz seltsamen Traum aufwachen, in dem nichts so war, wie es schien. Ich wollte, bevor ich mit meinen eigenen Wahrnehmungen vielleicht ihre Sichtweise beeinflusste, von Matti hören, was sie über den Besuch bei Elena dachte.

„Wie kam sie dir vor, die trauernde Witwe?“, fragte ich. Matti zögerte. „Ich kenn sie nicht so gut, an der Seite von KK war sie immer eher still, ein blasses Wesen ist sie ja sowieso.“
Mir war das auch so vorgekommen: eine seltsame Übereinstimmung zwischen dem kindhaften, zarten und schlanken Äußeren und ihrem Verhalten. Sie wirkte nicht wie eine Frau Mitte dreißig, sondern wie eine Jugendliche, und vorhin manchmal auch wie ein Kind.  
Blasse Haut, hellblondes, dünnes Haar und hellblaue Augen. Sie sah aus, als könnte sie jederzeit in den Inselhintergrund versinken, ein Mensch, der sehr leicht zu übersehen ist. Gleichzeitig hatte sie, das gehört auch zum Bild, mit beträchtlicher Energie um KK geworben und sich den Einzug in das Haus auf der Nordseeinsel, weit weg von ihrer Familie, ihrer Sprache und ihrer Herkunft, zugetraut.  

„Sie war immer neben ihm, immer in seiner Nähe, manchmal dachte ich fast, sie würde ihn belauern und überwachen. Er konnte außer malen und dichten fast nichts mehr allein machen. Gleichzeitig hat sie ihm nicht geholfen, z.B. mit den E-Mails, den Fotos für die Facebook-Einträge oder der Buchhaltung, im Laden oder so… da war ja auch eine Menge Arbeit. Sie hat nie viel getan, sie saß nur immer da, als würde sie warten. Keine Ahnung, auf was. Ich wollte mich öfter auch mal mit ihr unterhalten, aber das war schwierig, nicht wegen der Sprache, sie konnte immer schon ganz gut Deutsch, das war es nicht, nein, sie wollte nicht. Sie hat mir immer das Gefühl vermittelt, dass sie jede Unterhaltung, die nicht mit KK ist, für Zeitverschwendung hält. Mit Christa hat sie geredet. Sonst glaub ich mit niemandem. Und heute? Komisch, fand ich. Ich weiß ja nicht, ob Menschen, wenn sie trauern, sich so verhalten, ich hab‘ da nicht so viel Erfahrung, aber mir kam sie seltsam vor. Also, ich fasse mal zusammen,“ Matti setzte sich in Position und fuhr fort in ihrer methodischen Art, die ich von früher kannte und immer sehr gern gemocht hatte: „KK war ihr Lebensinhalt, und jetzt?“
 
Das bestärkte mich in dem, was ich selbst wahrgenommen hatte, darüber war ich froh. Ich wusste nicht, ob ich die beiden Male ansprechen sollte, als Elena sich verplappert hatte, mit was, war mir ja nicht klar. Ich entschloss mich dann aber doch: „Hattest du auch den Eindruck, dass es da noch mehr gab, als sie sagen wollte?“ „Ja. Aber was? Und geht es uns was an?“

Das Essen kam in diesem Moment, ich hatte eine Vorspeisenportion schwäbische Kartoffelsuppe mit Lachsstreifen und einen Gartensalat bestellt, und Matti wollte den Zwiebelkuchen ausprobieren, der mit einer kleinen Pepperonata auf Salat als Beilage kam.
Gewagte Kombi, aber bitte.

Die Kartoffelsuppe war solide, mit Koriander und viel Gelbwurz, der Stremellachs frisch geräuchert, saftig und äußerst schmackig. Beim Essen sprachen wir über KK, über seine letzten Jahre hier auf der Insel, als ich ihn aus den Augen verloren hatte.
„Er war erfolgreich, weißt du“, sagte Matti, „das Fernsehen kam, seine Bilder konnte er gut verkaufen, da gab’s so ein bisschen einen run. Wer ein neues Haus hier auf der Insel eingerichtet hat, hat sich ein Bild von ihm in den Flur gehängt. Er war schick, er wurde eingeladen, er war der Inselmaler. Die neuen Leute auf der Insel haben alle Geld, und sie wollen dazugehören, sie wollen von den Einheimischen anerkannt werden. Da waren die Bilder von KK ideal, Inselkultur. Seine Bilder waren so was wie Abzeichen: wir kennen uns hier aus, wir haben Kultur, wir wissen, wer wer ist auf der Insel.  
Wenn sie ihre Hauseinweihungen und Gartenpartys machten, luden sie ihn ein, fürstlich bezahlt natürlich, zum Gedichtvortragen und Döntjes erzählen und singen zur Gitarre. Am Anfang war‘s ihm recht, er freute sich über ihr Interesse an der Insel, später hat er es glaube ich gehasst. Er hat begriffen, dass es den Neuen nicht um ihn und seine Kunst ging, sondern im Grunde nur um sich selber. In ihm haben sie sich nur selbst bespiegelt, wie er es nannte. ‚Die feiern, dass sie so viel Geld haben, dass sie sich ein Haus auf der Insel kaufen konnten‘, sagte er mal. Peinlich wurde es, wenn sie Elena, die natürlich immer mit war, für das Mädchen vom Cateringservice hielten.
KK ging der ganze Häuserboom und der Rummel dann irgendwann nur noch auf die Nerven. Er war sauer auf die Neuen und ihr Geld. Er ging immer rum im Winter und zählte die leeren Häuser im Dorf. Und er wusste ja von jedem Haus, welcher Familie es gehört hatte und wer darin gewohnt hatte, bevor es verkauft wurde. KK sagte einmal zu mir, die Insulaner würden ihre Großmutter verkaufen, wenn sie dafür nur genug Geld bekämen, aber später korrigierte er das: in Wirklichkeit, meinte er, würden sie eigentlich ihre Enkel verkaufen. Weil die nicht mehr in den alten Familienhäusern aufwachsen und wohnen konnten, wo schon ihre Großeltern und Urgroßeltern gelebt hatten, sondern sich neue kleine 08/15-Häuser mit winzigen Gärten auf billigem Baugrund am Dorfrand bauten. Das Geld, das mit den Hausverkäufen verdient wurde, verschwand irgendwie von der Insel, sagte er. Manche Einheimischen fuhren dann halt einen Porsche für achtzigtausend Euro, das fand er lächerlich.  
Er wollte Projekte machen, ein Haus für alternative Konzerte und alternative Lebensart schwebte ihm vor, ein Zentrum für alternatives Heilen, für natürliche Insel-Geburten. Das viele Geld, das es plötzlich auf der Insel gab, stand aber für Gemeinschaftsprojekte, die keinen Gewinn abwerfen würden, sondern nur der Gemeinschaft nutzen sollten, nicht zur Verfügung.  KK war ja ein Eingeborener, war mit allen verwandt, kannte alle und wurde immer saurer.
‚Sie bauen nichts auf‘, sagte er immer,  ‚sie sind und bleiben Strandräuber und Walfänger.‘ Er wollte, dass das aufhörte mit dem Ausverkauf, wie er es nannte, er wollte, dass sie den Zuzug von Zweitwohnungbesitzern begrenzten und Ortserhaltung betrieben. Sie hörten nicht auf ihn und er wurde immer bitterer. Um ihn rum im Dorfkern war schon fast alles verkauft. Im Sommer war alles voll mit, er nannte das: ‚große Autos und große Hunde und große Menschen mit großem Selbstvertrauen‘. Und im Winter: kein Mensch mehr, alles kalt. An einem Abend, als wir bei ihm hinten im Garten saßen und manche von uns ziemlich viel rauchten, hat er geweint. Er hat das wirklich ganz persönlich genommen. Er fühlte sich beraubt und verraten und verkauft, und er fand, die Insel wurde verraten und verkauft. Es hat ihm wehgetan, das mit an zu sehen. Da hat er nicht viel Unterschied gemacht zwischen sich und seiner Insel. Und er hat die Sachen immer genau beobachtet und auch ausgesprochen, wie er es sah. Das war KK.“

Wir aßen zu Ende und gingen, Matti fuhr mich in die Mehmelstraße und verabschiedete sich. Sie musste ins Museum, das am Abend eine Veranstaltung hatte.

19 Einfach ein etwas anderes Blau


Ich stand vor der Villa, hatte irgendwie das Gefühl, dass Tante Klärchen mal wieder unterwegs war und wollte nicht ins Haus. Ich drehte mich um, ging die kopfsteingepflasterte breite Straße entlang und fand den ersten Durchschlupf in den Uferwald, den wir als Kinder schon genutzt hatten, um möglichst schnell vom Haus ans Meer zu kommen.
Kühler, lichter Föhrenwald, duftend, weicher Untergrund, damals für bare Kinderfüße ein bisschen stachlig, schon das war aufregend, und dann öffnete sich die Sicht: Meer. Der Inbegriff allen Wohlseins und allen Abenteuers.
Jetzt war etwas anders: der Ufersteig war befestigt, daraus war eine breite Promenade geworden, ich blickte auf etwas großes Rostiges aus Metall, mit Loch in der Mitte.
Ein Zwischenraum, hindurchzuschaun.
Erst dachte ich: Strandgut, dann begriff ich: Kunst am Bau.
Oh je.
Ich durchquerte die kunstbewehrte Zone, endlich hatte ich Strandsand unter den Füßen, zog die Schuhe aus und stopfte sie in meine Tasche.
Meer.
Ich konnte gar nicht schnell genug zum Ufersaum kommen, fing an zu rennen wie als Kind. Am Strand eine Linie von zerbrochenen Muscheln, viele davon rot, dann das Watt.
Meer war bisschen weiter weg, ob auflandig oder ablandig, konnte ich nicht sehen. Ich ging durchs Watt, weiches sinkendes Gefühl an den Füßen, es kwutschte durch die Zehen, das Watt war feucht und kühl, da waren kleine Häufchen, die die Wattwürmer hinterlassen hatten, sie hatten mich schon als Kind fasziniert.
Dann das Wasser, warm an den Füßen, eine Erleichterung machte sich in meinem ganzen Körper breit, als stiege das Meerwasser in mir auf und erfüllte mich ganz, machte mich zu sich, als wäre ich einen Wimpernschlag davon entfernt, eins zu werden mit dem Meer.
So war es mir immer gegangen. Dieser Moment, wenn das Wasser mich umfing, war heilig in meinem Leben.
Wenn ich halbwegs allein gewesen wäre, hätte ich mir die Kleider vom Leib gerissen und mich ins Meer gelegt, flach wie es hier war. Das ging nun nicht, also krempelte ich, ein leises Gefühl des Verlusts in der Brust, die Hosen hoch und stiefelte weiter, Wasser um die Schienbeine, in die Weite hinein.
Hier war alles frisch, weit, hell, ich war das einzig Vertikale in einer ganz horizontalen Landschaft: alle Linien parallel, die verschiedenen Wasser-Farben, die blinkenden Flächen, auf denen sich das Sonnenlicht spiegelte, dann der Horizont hinten, eine zarte Linie, wo das Wasser in die Luft überging, einfach ein etwas anderes Blau, schließlich der Himmel, der sich im Blau verjüngte, und hin und wieder ein Fleck am Horizont, eine Hallig oder ein Schiff vielleicht.  
Je weiter ich das Land hinter mir ließ, desto glücklicher wurde ich. Einfach gehen, spüren, fühlen, Weite, Wasser, Blau, Luft, Licht.
Es war so still, dass ich meinen Atem hören konnte, ich spürte mich atmen in der Meeresluft, spürte mich gehen, es war wie immer, ein köstlicher Schwebezustand zwischen ganz klarem Bewusstsein von mir selbst und völliger Auflösung in der Bewegung meines Körpers, im Spüren der Weite um mich herum.

Deswegen bist du hier. Das ist es, was du brauchst.

Das dauerte, so lange es dauerte, und schließlich schaute ich auf, orientierte mich und ging wieder zurück, schräg durchs Watt und durch den Sand, zu meinem Ausgangspunkt am rostigen Bagel, dem Kunstwerk auf der Promenade.

Zuhause in Tante Klärchens Villa angekommen, duschte ich und legte mich hin, mitten am Tag, in meine harte kleine Koje im Gartenzimmer, und war im Begriff, einzuschlafen, da kam Cara, legte sich an meine Füße, warm, schnurrend und dadurch leise vibrierend. Mir schien, da war ein zufriedenes Lächeln in der Schnurrstimme.

… nächsten Freitag wieder frisch, wenn es heißt: ‚Tiger, Maus, Liane‘

20 Tiger, Maus, Liane


Die Glocke erklang, ich schreckte hoch, schaute auf den Wecker, der sich jetzt neben meiner Koje befand, offensichtlich eine Gabe der Tante. Zwanzig vor 5. Ich hatte grade noch Zeit, mich umzuziehen und frisch zu machen fürs Abendbrot.

Tante Klärchen summte und wirbelte, als ich die Küche betrat, schaute mich fröhlich an und hielt mir die Wange hin: “Na, du Schläferin, geht’s gut?“
Ich war noch ein bisschen verträumt, küsste sie auf die Wange, roch Hühnerbrühe, nickte nur und versuchte, rauszukriegen, was da wohl in den Töpfen blubberte.
Tante Klärchen erklärte: „Das hier ist Hühnersuppe, mit einem ganzen Huhn drin, ist nicht für uns, sondern als Willkommen für die afghanische Familie.  Hier sind Spaghetti, die essen wir mit meiner Tapenade und bisschen Pecorino drauf. Und ich habe Tomatenhälften und Paprikastreifen im Ofen, mit Kümmel, Rosmarin, Olivenöl und Balsamico. Das wird unser lauwarmer Salat!“ Sie strahlte.
Ich fand das eine Wort in ihrer Rede, das ich nicht verstanden hatte: “Tapenade?“ – „Ist ein Gehäcksel aus frischem Knoblauch, getrockneten Tomaten, Kräutern und Oliven, in Olivenöl. Geben wir uns über die Spaghetti als Soße. Hab‘ ich immer da, für wenn ich mal wenig Zeit zum Kochen habe!“ Sie wirbelte fröhlich weiter. „Zum Nachtisch gibt’s Erdbeeren mit Milch und Zucker!“

Ich setzte mich, sie holte eine duftende Ciabatta aus dem Herd und goss uns Wein ein, mit viel Wasser. Aber es half alles nichts: mir war klar, dass es höchste Zeit war. Wir mussten reden.

„Geliebte Tante, wir müssen reden!“, meldete ich an, nachdem ich ihr Abendbrot gebührend gelobt hatte.

„Na klar, mein Schäfchen! Nach dem Essen, im Salon!“

Nachdem wir in der Küche klar Schiff gemacht hatten, gingen wir, mit Averna und Orangensaft, in den Salon. Ich fühlte mich etwas nervös, ich wusste nicht, wie ich Tante Klärchen beibringen sollte, dass mir im Moment die Perspektive fehlte. Und bald auch das Geld. Und der Anhang sowieso.
Die Klinik, merkte ich grade, fehlte mir nicht. Als ich an das Gebäude dachte, wurde mir beinahe körperlich schlecht: die klimatisierte Luft, das Neonlicht, die vielen fensterlosen Gänge, die staubigen Sesselpolster und die muffigen Teppichböden in den Besprechungszimmern und die vielen Menschen, der Geruch der vielen Menschen im Stress, brr, schüttel.
Mein Büro hatte ich gemocht, im Nebengebäude, ebenerdig, mit Licht und Luft, im Klinikpark gelegen, mit Blick sogar auf den kleinen See und den Patienten-Kräutergarten.  Die psychologischen Dienste waren mit einigen Abteilungen ohne Patientenkontakt aus dem Hauptgebäude ausgelagert gewesen.
Ausgelagert. Wahrscheinlich hast du es deshalb da so lange ausgehalten. 

Inzwischen hatte Tante Klärchen sich aufs Sofa gesetzt und sah mich erwartungsvoll an: “Na, wie ist Dir, meine Liebe?“

Ich atmete ein, jetzt geht’s los.
„Tante, ich hab‘ dir doch vorgestern beim Autokaufen gesagt, dass ich das aus meiner Abfindung finanzieren kann. Weißt du, was das heißt, Abfindung?“

„Ich weiß, meine Liebe, du bist aus der Klinik ausgeschieden. Aber weißt du denn, was das heißt?“

Ich stockte, der Wind war mir aus den Segeln genommen.

„Ja, ich glaube, das ist es eben. Ich weiß es nicht. Ich bin zu dir gefahren, auf die Insel, aus einem Impuls heraus. Die Münchner Wohnung ist vermietet, da gibt’s kein Problem, und eigentlich… eigentlich will ich gar nicht nach München zurück.“
Ich war etwas erstaunt, mich das sagen zu hören, spürte aber auch, dass es sich richtig anfühlte. Es gab da nichts mehr für mich, in München.
„Der Vampir kümmert sich jetzt um seine Frau“, brach es aus mir heraus, „und ich? Bin irgendwie abgestellt. Abbestellt. Ausgelagert.“

„Oh wie gut!“, antwortete Tante Klärchen, „was für eine günstige Lage! Du bist im gap, herzlich willkommen!“

Ich war verwirrt.
Günstige Lage. Willkommen.
So hatte ich das bisher noch nicht gesehen. Meine Taktik, nach dem unbekannten Wort im Satz zu fragen, wurde anscheinend immer wichtiger.

„Gap?“

„Gap, ja, der Zwischenraum. Du bist im Zwischenraum. Ihr habt da wirklich nicht so viel gelernt in eurer Klinik, oder?“

„Tantchen, Kliniken sind nicht zum Lernen da…“

„Ja. Schade eigentlich. – Also, ich erzähl dir jetzt die Geschichte von den Erdbeeren, ja?“

Erdbeeren. Wo sind wir? Wie sind wir hierhin gekommen?

Das war der Grund, warum ich für ernsthafte Unterhaltungen mit Tante Klärchen einen gewissen Anlauf brauchte. Ich kannte das schon: nach sehr kurzer Zeit im Gespräch mit ihr hatte ich keine Ahnung mehr, wo wir waren und was das alles bedeutete.
Bisschen wie mit der schwarzen Königin bei Alice im Wunderland. Also, Konzentration jetzt, retten, was zu retten ist:

„Die Geschichte von den Erdbeeren?“

Na also, geht doch.

„Ja.“

Tante Klärchen setzte sich in Position, aufrecht auf ihrer Chaiselongue, ein dickes Kissen im Rücken, ihr geschliffenes kleines Sherryglas voll Averna in der Hand, die Beine hochgelegt und gekreuzt, so dass die Schuhe nicht mit dem Bezug in Berührung kamen, blickte mir in die Augen, hub an und sprach wie folgt:
„Da ist diese Frau, und sie wird von Tigern gehetzt, und da sieht sie vor sich eine Schlucht, und da hängt eine Liane, und sie macht sich dran, runter zu klettern, und da sieht sie: unter ihr in der Schlucht sind auch Tiger, und sie sieht nach oben: Tiger. Und sie schaut auf die Liane: da nagt eine Maus an der Liane. Tiger von oben, Tiger von unten, und sie hängt an der Liane, und an der Liane nagt eine Maus. Du verstehst?“
Sie hielt inne.

„Tiger, Liane, Maus. Klar.“

„Die Geschichte heißt auch: ‚Tiger von oben, Tiger von unten‘.“  
Tante Klärchen pausierte wieder, lächelte mich erwartungsvoll an, nickte, einen irgendwie siegreichen Ausdruck in den Augen.

Jetzt einfach mitschwimmen im Fluss.

„Ja, ist klar. Geht sie noch weiter, die Geschichte?“

Tante Klärchen fuhr fort: „… und wie sie da so an der Liane entlang schaut, sieht sie vor sich im Felsspalt eine Erdbeere.“
Pause.
Wieder schaute Tante Klärchen mich erwartungsvoll an.

Was? Was?

„Erdbeere. Wie zum Nachtisch.“

„Genau, Schäfchen, Helene: Tiger von oben, Tiger von unten, und sie steckt sich die Erdbeere in den Mund und genießt sie voll und ganz!“
Triumphierend schaute Tante Klärchen mich an. Machte eine auffordernde Handbewegung in meine Richtung, so als sollte ich den Fang jetzt einholen. Sie hatte alles getan, jetzt war ich dran. 
Ihr Lächeln blieb ein wenig stehen.
Dann blieb die Zeit stehen.

Ich sah Tante Klärchens Augenbrauen nach oben wandern, sie schaute mich unverwandt an und nickte leicht.  
Mein Kopf war leer, ich schaute wie hypnotisiert in ihre aufgerissenen Augen und das mittlerweile etwas steife Lächeln.
Nichts, gar nichts fiel mir ein.
Plötzlich musste ich lachen.
Ich sah uns da sitzen, in Tante Klärchens fabelhaftem Salon in der Villa auf der Nordseeinsel am Rande der Welt, mit Averna und einer völlig sinnfreien Geschichte von Tigern und Mäusen und Erdbeeren. Ich hatte ein Problem, das keines war, sondern ein Gap, willkommen im Gap, und ich hatte eine Tante, die scheinbar den Verstand verloren hatte und Geschichten von Tigern und Erdbeeren erzählte, statt mich zu beraten und die den Ernst meiner Lage offensichtlich völlig verkannte.

Ich lachte, und Tante Klärchen lachte auch. Wir schauten uns an und lachten, mir tat der Bauch weh, ich verschluckte mich, prustete los, musste noch mehr lachen. Es hatte etwas abgrundtief Verzweifeltes, etwas Bitteres, Schmerzhaftes, und gleichzeitig etwas ganz Heiteres und Leichtes, ich fühlte mich plötzlich wieder wie vorhin – vorhin? Ist ewig her! – am Meer, fließend, leicht, ganz frei, weit, still, kühl, frisch….

Etwas rann mir die Wangen herab, ich angelte mit der Zunge danach, salzig, Meer, Tränen, ich hatte ein Gefühl, als würde ich irgendwas begreifen, ich wusste nicht, was, hier gab es einen ganz wichtigen und offensichtlichen Zusammenhang, von was mit was?
Mir wurde klar, dass ich weinte, ich schaute auf Tante Klärchen, die ebenfalls feuchte Augen hatte, tiefe dunkelgrüne Augen, wie die Fichten im Garten, wie Cara, ich liebe sie, und ich sank mit einem tiefen Seufzer zurück in meine Kissen, Tante Klärchen neben mir sank auch zurück, wir wurden still, ich sah sie an, plötzlich leicht und frei, und sie hob ihr Glas, legte das Köpfchen leicht schief und prostete mir zu: „Auf dich, Helene! Schön, dass du da bist!“

Einige Zeit später lag ich in meiner Koje, Gartentür offen, Cara an den Füßen, Fichtenduft in der Luft, leiser Wind in den Nadeln und Blättern, eine Ahnung von Meer, Zwielicht der Mittsommerzeit, zwischen Tag und Traum, verlorenes Vogelzwitschern hier und da, mir war, als könnte ich eine Brandung hören, die es auf dieser Insel gar nicht gab, außer in sehr wilden Sturmnächten im Winter, und merkte, die Brandung war in mir, das Blut pulste in meinen Ohren, Cara schnurrte mit ihrem Ein- und Ausatem an meinen Füßen,  alles war in Bewegung, wie die Wellen, alles war genauso, wie es sein sollte, alles war in Ordnung, und ich schlief ein.  

Na, da ist wohl eine Entscheidung gefallen, leicht wie das Erdbeeren essen, aber konsequenzenreicher… hoffen wir das Beste. liebe LeserIn! Weiter geht’s am nächsten Freitag, wie immer frisch!

21 Touché


Ich erwachte von einem leisen ping.
Im Gartenzimmer stand Tante Klärchen, nahe der Tür mit einem entschuldigenden Lächeln auf den Lippen. In der Hand hielt sie ihr Sherryglas von vorhin. Sie hatte anscheinend mit einem kleinen Löffel dagegen geschlagen.
„Ich hab‘ ganz vergessen, dir zu sagen, dass ich noch ausgehe, Helene. Im Museum liest heute Abend Newton Carstensen zum ersten Mal aus seinem Buch über die Inselgeschichte, das will ich mir anhören!“ Wie so oft bei Tante Klärchen hatte ich nur die Hälfte verstanden. Aber: Museum. Abendveranstaltung. Matti.
„Ich komm mit! Wieviel Zeit hab‘ ich?“

„In zwanzig Minuten müssen wir los. Du fährst!“

Also raus aus der Koje, unter die Dusche im Schnelldurchlauf, jüngst gekauftes Sommerkleid mit bunten Streifen anziehen, edler Sommerschal und Sommerjäckchen drüber, wird kühler abends, und Tante Klärchen im Flur aufpicken, wo sie schon wartend stand, einen blauen Hortensienstrauß aus dem Garten in der einen und ein Glas selbstgemachte Marmelade in der anderen Hand, in bunteste Seide gewandet, Paisley-Muster in Rotgrünblaugelbtönen, ein Stehkragen-Kleid mit weiter Pluderhose drunter irgendwie, und einem sehr breiten langen dunkelroten Seidenschal über der einen Schulter.
„Tante!! So bunt, so schön!“
„Ist nur ein alter salwar kameez aus Indien, mit dupatta, passt doch zur Lesung im InselMuseum! Hör mal, ich will keine Tasche mitnehmen, Schäfchen, nimmst du die Marmelade? Und hast du was zu schreiben in deinem Beutel?“

Ich nahm, ich hatte, ich ergriff den Schlüssel zum Silberpfeil und es ging los. Wir fuhren, die Tante navigierte mich, und ich merkte zu spät, dass ich ihr auf den Leim gegangen war: wir fuhren die bewusste Strandbadstraße entlang, den einbahnigen Abschnitt, gegen die Fahrtrichtung. So, wie sie das immer machte.
Als ich das begriff, pochte mir das Herz. Es ist wirklich ein ganz erstaunliches Gefühl, plötzlich zu merken, dass man selbst gegen die Regeln verstößt, ganz anders, als wenn man eine amüsante Anekdote aus dem Leben der Tante hört. Ich war mit einem Schlag hellwach.  
Jedoch: die Straße leer, kein selbsternannter und auch kein aktueller Polizist in Sichtweite. Kein Gegenverkehr. Nochmal gutgegangen.
Ein Satz der Tante fiel mir ein, den sie in meiner Jugend oft zitiert hatte, auf Englisch, damals schon: ‚If you break the rules, break them good and hard.‘

Mein Puls verlangsamte sich wieder, wir fuhren auf das Museum zu, das gruseligerweise zwei riesige Walstoßzähne als Eingangstor hatte. Kein Parkplatz in Sichtweite, am Straßenrand alles voll. Ich ließ die Tante vor dem Tor aussteigen und suchte in der Querstraße, fand einen Platz, der mir legal erschien, und machte, dass ich zum Seiteneingang kam, der ebenfalls geöffnet war, und durch den ich Licht und Menschen sehen konnte. 

Niemand Bekanntes, aber ein irgendwie livrierter Mensch mit einem Tablett: Sektempfang! In Erinnerung an den Averna von vorhin nahm ich den O-Saft, und mit einem Glas in der Hand begab ich mich heiter weiter, ins Innere des schönen, holzgetäfelten alten Gebäudes, das als Heimatmuseum der Insel doubelte, nachdem es als Privat-Villa vor über hundert Jahren angefangen hatte.
Menschen überall, fröhlich zwischen den antiquierten Glaskästen mit Inselfunden und Insel-Memorabilien. Ich ging über das knarzende alte Holzparkett in Richtung Vortragssaal und entdeckte dort Matti, wie sie im Bühnenbereich zwischen Pult und Kabeln herumturnte. Mein Herz machte einen kleinen Sprung, nicht unähnlich der Volte, die es vorhin auf der Strandbadestraße geschlagen hatte. 
Matti war schwarz gekleidet, schwarze Hose, schwarzes Hemd, Ärmel hochgekrempelt. Eine Konzession an die Trauer wegen KK, gleichzeitig passendes Outfit zur Veranstaltung und zur Funktion als Technikerin: da war ein Mikrofonständer, ein Laptop auf dem Tisch, ein beamer auf dem Pult, eine herabgelassene Projektionsfläche im Hintergrund der Bühne. Multimedial also.

Ich blieb stehen und schaute zu, wie Matti beweglich und geschäftsmäßig zwischen Pult und Tisch und Schaltanlage hin- und herwechselte, locker, eingespielt, konzentriert, kompetent und schön. Irgendwann schaute sie auf, scannte den Raum und entdeckte mich an der Tür. Ein Grinsen brach auf ihrem Gesicht aus, und ich setzte mich automatisch in Bewegung, auf sie zu, wie immer.

Ich stieg auf die Bühne, Matti hatte sich nicht bewegt, ich ging zu ihr und legte ihr beide Arme auf die Schultern. Sie ging leicht in die Knie, umfasste meine Taille und drückte mich. Grinste noch breiter, falls das möglich war. Küsste mich auf die Wange.
„Setz dich hier vorne rechts in die zweite oder dritte Reihe, da hast du den besten Blick. Halt mir den Platz am Gang außen frei, ja?“ – Sprachs und drehte sich wieder um, den Kabeln und Knöpfen entgegen. Ich war entlassen und folgte meinen Anweisungen, legte meine Tasche und das sommerliche Strickjäckchen auf zwei Stühle, und machte mich auf, Tante Klärchen suchen.

Ich fand sie in einer Traube in der Mitte des Vorraums, die sich um den überraschend angejahrten Helden des Abends gebildet hatte, einen kleinen schlanken braungebrannten Mann im grünlichen Lederjanker, bayrische Edelmarke, wie mein trachtengeübtes Auge sofort erkannte.
Apart. Trachtenjanker auf der Nordseeinsel. Das muss er sein.
Tante Klärchen redete angeregt mit ihm, sie mochte ihn offensichtlich gern. Ich wusste aus ihren Bemerkungen während der Fahrt, dass er ein pensionierter Historiker war, der jetzt an der Küste lebte und all seine Zeit und Ressourcen der Erforschung der Geschichte der Inseln widmete. Neben meiner Tante stand, wie ich erst im Näherkommen sah, der Optimizer, und da war auch Rossi, am Arm von Karla.  Neben dem Optimizer stand ein großer schlanker schwarzhaariger junger Mann mit einem kleinen Bart.
Syrer. Flüchtling. Zur Kultur mitgenommen.

Ich wusste nicht, woher ich das wusste, aber ich war mir ganz sicher.
Bunte Runde.
Ich ging hin.

„Helene! Wie schön!“
Meine Tante nahm mich am Arm und drehte mich in die richtige Richtung.
„Newton, darf ich dir meine Nichte Helene von Ubbeloh vorstellen, Helene, das ist Newton Carstensen, der das Buch über die Inselgeschichte geschrieben hat!“
Sie sprach den Namen des Jankerträgers ‘Neuton‘ aus, als hätte sie ihn ins Deutsche übersetzt.
Seltsam.

Der Angesprochene war aus der Nähe betrachtet viel zarter und auch älter, als der Janker mich hatte vermuten lassen.
Professionelle Schutzkleidung also.

Ich sah in verschmitzt lächelnde hellblaue Augen in einem schönen Gesicht, das gezeichnet war von viel Lachen und einem sportlichen Leben draußen, temperiert durch Alter und eine gewisse Fragilität, eine Gebrechlichkeit, die sich auch in der Stimme spiegelte, die sehr leise war: „Ah, die Nichte aus Bayern, schön, dass Sie kommen konnten!“
Er nahm meine Hand, etwas huldvoll, wie mir schien.

Als hätte ich für seine Lesung den Weg aus München auf mich genommen. Er gemeindet mich ein, in den Kreis seiner Bewunderer. Das ging schnell.

Ich lächelte ihn an, auf Augenhöhe: „Ja, als meine Tante vorhin sagte, dass Sie heute Ihr Buch hier im InselMuseum vorstellen, wollte ich gerne dabei sein!“
Er schaute mich an, kein Lächeln mehr.
Touché.
Und wendete sich ab, der nächsten Bewunderin entgegen, die sich durch den Kreis gezwängt hatte und ihn anjodelte: “Herr Carstensen, ich bin entzückt, Sie wiederzusehen, wir waren ja damals auf der Werkstattbesprechung, als Sie uns Ihren Inspirationsort zeigten…“.

Ich fing einen Blick des Optimizers auf, der genau verstanden hatte, was vorging, und der nicht zögerte, die Gunst der Minute zu nutzen: „Helene, meine Liebe, darf ich dir Mouhammad vorstellen, er ist zu Fuß aus Syrien zu uns gekommen.“ 
Mouhammad streckte die Hand aus, ich ergriff sie, Kontakt, eine leise Bewegung meines Herzens zu ihm hin, ein Blick in warme hellbraune Augen, eine Welle von Traurigkeit, Anstrengung, Bodenlosigkeit und Herzenswärme.
Ein Sohn, den seine Mutter liebt.  

Ich ließ seine Hand los, legte meine Hand auf mein Herz und sagte: “Schön, dass Sie da sind, Mouhammad. Ich freue mich, Sie kennen zu lernen.“ Und ich meinte es genau so.
„Helene, wir duzen uns alle, sag doch Mouhammad zu Mouhammad!“
Witzig.
Der Optimizer hatte offensichtlich die Gunst der Minute auch beim Sektangebot genutzt, er schien unnatürlich belebt. Vielleicht war es aber auch seine selbstgewählte  Kulturbrücken-Aufgabe, die ihn animierte.

„Ich war vor zwanzig Jahren einmal in Syrien, Bildungsreise mit Tante Klärchen, wo kommst du her, Mouhammad?“

„Ich komme aus Aleppo, aber meine Familie ist jetzt nach Damaskus. Ich gehe nach Deutschland, so ich nicht in den Krieg muss.“
„Das tut mir sehr leid. Wie geht es Dir hier? Nimmt Siegesmund dich immer abends mit, wenn er ausgeht?“

Mouhammad lachte mich an, etwas verwirrt, und sagte: “Sigi macht Deutschunterricht mit uns, das ist Deutschunterricht hier!“

Siegesmund, also Sigi, lachte ebenfalls: “Außerschulischer Lernort!“ sagte er, und ich fragte: “Du machst Deutsch mit den Neuankömmlingen?“ – „Ja, seit sie hier sind. Es ist natürlich nur eine vorläufige Lösung, aber wir können nicht warten, bis die Ämter reagiert haben und die Genehmigungen da sind. Die Leute müssen jetzt lernen und sich beschäftigen.  Du könntest uns unterstützen, falls du länger bliebest…“
Er ließ den Satz im Konjunktiv austrällern, aber ich hörte die Nachtigall ohnehin trapsen.

Der Optimizer hatte immer eine Agenda, und heute war es das Kontaktknüpfen zum Wohl der Flüchtlinge. Er brauchte Helfer, die Flüchtlinge brauchten Freunde und Mentoren. Das war klar.
„Ich komme auf dich zurück, Sigi“, sagte ich, und auch das meinte ich so.

Ein weiterer livrierter Mensch ging herum und schlug auf einen kleinen Gong, den er an der Kordel aus seiner Hand baumeln ließ.
Dies habt zum Zeichen.
Wir gingen in den Vortragssaal, Tante Klärchen hatte sich, wie ich mit schnellem Blick registrierte, bei einer ähnlich alten, ähnlich bunten Dame eingehängt, und strebte mit ihr zur anderen Seite des Raumes, wir nickten uns zu, und dann beeilte ich mich, die belegten Stühle in der dritten Reihe rechts zu finden, und damit auch meine Tasche und das Jäckchen. War alles noch da, Insel eben, und ich setzte mich, keinen Moment zu früh, denn die Veranstaltung war voll belegt und drohte die Grenzen des Raums zu sprengen.

Viele Insulaner waren da, kenntlich wie immer an ihrer sturen Weigerung, sich für eine Abendveranstaltung umzuziehen.
Underdressed‘ wäre ein Understatement.

Von ihnen hoben sich ab: einige Feriengäste, die edel gewandet waren und mit ganz leiser, amüsierter Herablassung auf ihre eigene Anwesenheit in diesem kulturprovinziellen, daher leicht unter ihrer Würde befindlichen Ambiente blickten.
Die Reporterin der Inselzeitung war da, Reporterblock in der Hand, Kamera baumelte vor dem Bauch, ich sah auch eine Redakteurin des Inselradios, erkenntlich am etwas anderen Equipment, sie verhandelte grade noch mit Matti wegen des Mikrophons, das sie dem Vortragenden gerne ans Pult stellen wollte. Mehrere Inseljugendliche standen als Gruppe in einer Ecke, mit abwehrend-cool-verschrecktem Ausdruck, auch sie offensichtlich abgeordnet, Schülerzeitung vielleicht, oder Geschichtsprojekt oder beides.
Außerschulischer Lernort, am Abend.

Und, siehe da, auch ein großer Mann mit Schirmmütze, auf der das vertraute Logo des Nördlichen Deutschen Fernsehens prangte, enterte jetzt entschlossen und wichtig den Raum, gefolgt von einem Mann mit einem grauem Puschelmikrofon am Galgen und einem weiteren mit Kamera auf der Schulter.

Sie waren spät dran, und Matti hatte alle Hände voll zu tun, die Menschen und die Technik im Raum und in der Situation einzusortieren. Der Vortragende war nirgends zu sehen, doch, er saß schräg vor mir in der ersten Reihe, neben ihm eine schlicht und alltäglich gewandete Dame, wohl die Museumsleiterin, die sich der insularen Kleiderordnung anpasste. 

Schließlich waren alle an ihrem Platz, Matti dimmte das Licht im Zuschauerbereich etwas, die Menschen wurden ruhiger und die Museumsleiterin erklomm das Podium.

Stockend und zu leise begrüßte sie die Gäste. Der Raum wurde wieder etwas unruhiger, weil die meisten sie gar nicht hören konnten. Matti ging auf die Bühne, ergriff das Mikrophon und stellte es vor sie hin, änderte die Höhe noch etwas und verhalf ihrer Chefin dadurch zu deutlich mehr Raumwirkung. 
Mir gefiel die Art, wie sie das Problem gelöst hatte, indem sie sich verhielt, als habe sie vergessen, das Mikrophon vor die Frau zu stellen, wo es doch wohl eher umgekehrt war: die Leiterin hatte die technische Verstärkung ihrer Stimme vermeiden wollen. Fünf Sätze später war die Einführung zur Erleichterung aller beendet, und unter höflichem Beifall begab sich der Lokalmatador ins Licht der Scheinwerfer und direkt ans Mikro.
Er lächelte fein und sprach womöglich noch leiser als seine Vorrednerin, aber die Technik besorgte den Rest, und ich entspannte mich. Der Laden lief, die Show begann.

Der Vortrag war interessant, der Beamer lieferte die Diashow, die meisten Fotos hatte der Redner selbst aufgenommen, er erzählte eine Reihe von Geschichten, Schlaglichter auf die Geschichte der Inseln seit frühester Zeit. Er bezog Museumsexponate ein, Fundstücke aus Jahrtausenden der Besiedelung, erwähnte seine eigenen Reisen zu Nachbarinseln, zu überraschend wieder aufgetauchten Schiffswracks, sprach über Meeresströme, Große Fluten und ihre geologischen Auswirkungen, Untergänge ganzer Inseln, neuste Ausgrabungen und Forschungen, den Klimawandel… Er war ein routinierter, kenntnisreicher und amüsanter Darsteller seines Themas und seiner Person.

Im Laufe seiner Erzählungen wurde klar, dass die Inselwelt immer im wahrsten Sinn des Wortes volatil gewesen war, unsicher, wandelbar, veränderlich, ausgeliefert, unberechenbar. Das menschliche Leben auf den Inseln war alles andere als sicher gewesen, immer schon: gefährdet und gefährlich, schwierig, arm, arbeitsreich und schwer zu verteidigen. Sturmfluten und Unwetter hatten Inselbewohner ins Verderben gerissen, immer wieder.
Vielleicht, so deutete der Redner an,  trug diese geologische und historische Lage dazu bei, dass den Inselbewohnern die Dauer der überlieferten Tradition, die eigene Sprache, das Festhalten am Hergebrachten und an der sicheren Materie so wichtig waren:  die sorgfältig aufgeschriebene Familiengeschichte und Geschlechterlinie, der Landbesitz, der dem Meer abgerungen war, die riesigen Dolmen auf den alten Gräbern, die Deiche, Wälle und Befestigungen um die Häuser und die Äcker und das Vieh, die starkwandigen Kirchen, die Friedhöfe mit ihren ‚sprechenden‘ Grabsteinen, auf denen nicht nur die Namen, sondern auch in kurzen Worten die Lebensgeschichten der Toten verzeichnet waren, und letztlich auch das Geld, Inbegriff des Materiellen, das Dauer und Sicherheit versprach in der Weite und Gefahr, der das Leben auf der Insel ausgesetzt gewesen war.
Und ist. Und sein wird.

Irgendwann schlüpfte Matti auf den Sitz neben mir, und plötzlich fühlte ich mich wie früher als Jugendliche im Inselkino, allein mit ihr unter vielen Menschen, im Halbdunkel, meine Aufmerksamkeit ganz bei ihr, obwohl ich nach vorne starrte.
Matti ergriff meine Hand, drückte sie und behielt sie in der ihren. So saßen wir im Vortrag, von dem ich ab da nichts mehr mitbekam. Irgendwann musste sie ein Stichwort gehört haben, denn sie drückte meine Hand kurz und fest und ließ sie dann los, schlüpfte aus dem Sitz und ging leise an den Rand der Bühne zu ihrem Schaltpult.

Das Licht im Raum wurde heller, der Saal klatschte begeistert, ein voller Erfolg. Der Redner kündigte eine kurze Nachfragerunde an und sagte, er stünde danach noch zum Signieren seiner Bücher drüben im großen Ausstellungssaal zur Verfügung. Nach einigen wenigen Fragen hatten die Leute genug und wollten zu den Schnittchen und zum Büchertisch.

Matti war nirgends zu sehen, ich suchte und fand Tante Klärchen, die ein wenig verzweifelt wirkte im Gespräch mit einem älteren Ehepaar. Sie verabschiedete sich erleichtert, noch bevor ich sie erreichte, und ergriff meinen Arm wie einen Rettungsanker.
„Stunden nach meiner Bettzeit! Bring mich nach Hause!“, hauchte sie und stützte sich merklich auf mich. Ich verstand meine Mission und steuerte sie auf schnellstem Weg aus dem Raum, stellte sie am Seiteneingang außen ab, so dass sie sich auf die Brüstung stützen konnte und nicht gesehen wurde, und spurtete zum Silberpfeil. 

Touché, wie es scheint, und im nächsten Kapitel geht es zur Sache. Zu welcher? – Bleiben Sie uns gewogen und schauen Sie nächsten Freitag wieder rein, wenn es heißt: Am Hafen stand Tante Klärchen. InselSommerRoman, immer freitags frisch.

22 Hyäne an Geier, oder: der Morgen danach

Als ich aufwachte, war mir kalt. Das Wetter hatte sich verändert, das war mir am Abend zuvor schon bei meinem Spurt zum Auto aufgefallen. Jetzt war es feucht, kühl, windig, hellgrau. Westwindwetter. Nicht mehr ideal für das Gartenzimmer, das nach Westen lag und natürlich unzureichend isoliert war. Auch die Bettdecke brachte es nicht, und selbst Cara, die wärmende Katze, war verschwunden.
Ein Blick auf den neuen Wecker: spät, sehr spät.
Was hing da an der Tür? Ein Morgenmantel! Den musste Tante Klärchen hier hingehängt haben. Eine weitere Morgengabe.
Ich schlüpfte hinein, der Mantel war schön lang, groß und weich, dünne Wolle, sehr bunt. Seidengefüttert. Außen Karos, innen Paisleymuster. Unglaubliches Teil.

Downton Abbey lässt grüßen.

Perfekt gekleidet fürs breakfast schlurfte ich in Richtung Küche, als ich aus dem Salon Stimmen hörte. Aha, Gruppe mal wieder.
In der Küche: eine Thermoskanne voll Kaffee, eine Schale Erdbeeren, daneben ein Kännchen Sahne, Rohrzucker, auf dem Herd ein Töpfchen mit Porridge, noch warm. Es duftete nach Zimt und Kardamom.  Ich war begeistert, griff zu und merkte, dass ich mich etwas verkatert fühlte.
War ein langer Tag gestern.
Wenn ich hier bleiben wollte, und sei es nur für eine gewisse Zeit, bis ich wusste, wie es weitergehen könnte, musste ich aus dem Gartenzimmer ausziehen. Oder mindestens für kühlere Nächte eine Alternative im Haus haben.
Im Salon herrschte Aufregung, das war deutlich zu hören. Ich wollte mich nicht mehr verstecken und lauschen, und ich war auch neugierig. Also ging ich zur Tür, klopfte, steckte meinen Kopf ins Zimmer und fragte Tante Klärchen, ob ich sie einen Augenblick sprechen könnte. Sie kam heraus und schloss die Tür. Als wir in der Küche waren, fragte ich sie, ob ich an der Gruppe teilnehmen könnte, das klänge doch schon von ferne recht interessant. Sie schaute mich scharf an.  Überlegte einen Augenblick.
„Muss ich fragen“, meinte sie kurzangebunden, und verließ die Küche. Ich trank Kaffee und aß mein Haferbreichen. Recht schnell kam sie wieder und meinte: „OK, du kannst kommen.“

„Kann ich mein Frühstück…“ – Da war sie schon wieder verschwunden. Die Tante mag es nicht, wenn im Salon gegessen wird, das wusste ich. Also Haferbrei mit Bedauern stehen lassen, schnell noch eine Erdbeere in den Mund stecken, Kaffeebecher auffüllen und los. Glücklicherweise war ich ja passend angezogen.

Im Salon saßen die üblichen Verdächtigen, nett verteilt auf Chaiselongue, Sofa und Sessel: Optimizer, auch genannt Sigi, Ärztin Rossi, Computerladen-Erk, unbekannte junge Frau mit hoodie,  stille Physiotherapeutin Verena, außerdem Matti, die Händchenhalterin von gestern Abend, und, sieh da, der Held, Newton Carstensen, genannt Neuton.
Plötzlich war ich nicht mehr ganz sicher, wie ich um die Haare herum aussah und ob ich mir vielleicht womöglich die Zähne hätte putzen sollen.
Zu spät. Also Abstand halten.
Ich schwenkte den Arm grüßend um den Raum und setzte mich schnell auf einen etwas entfernteren dicken bunten Sitzpouf, den Matti aber sofort für mich näher an den Kreis heranschob. Sie freute sich offensichtlich, mich zu sehen, und ich konnte nur hoffen, dass ich nicht stank.

Tante Klärchen ergriff das Wort: „Helene, ich glaube, du kennst hier alle, Neuton hast du ja gestern Abend schon begrüßt,  Verena kennst du sicher noch von früher, Erk kennst du auch, und Rossi sowieso, und das ist Ines, sie arbeitet im bunten Taschenbuchladen des zauberhaften Kerls und kennt sich sehr gut mit Computern aus.“
Ich lächelte allen zu, und die Tante fuhr fort: „Wir haben uns hier vor einiger Zeit zusammengefunden, auf Initiative von Siegesmund, um die Veränderungen auf der Insel zu besprechen, und mittlerweile treffen wir uns mindestens einmal die Woche. Du weißt ja, wie klein unsere Insel ist, und doch passiert in letzter Zeit sehr viel in den fünf Inseldörfern.“
Der Optimizer übernahm: „Wir haben uns ursprünglich getroffen, als die alte Strandpension von den Erben, die nicht auf der Insel leben, verkauft wurde. Wir dachten, der neue Besitzer betreibt sie weiter, und das hatten uns die Erben auch gesagt. Aber dann stand da sehr schnell die Abrissbirne. Ein zauberhaftes altes Jugendstil-Haus, du erinnerst dich sicher, Helene, anscheinend aber unrettbar, und jetzt steht da ein sehr teures Apartment-Haus, Meerblick eben, und die Ferien-Wohnungen kosten vierstellig die Woche. Und dann ging auch der Schäferhof dahin, die beiden Männer, – Kurt und Knut, kanntest du die? – die das so viele Jahre lang betrieben haben, die Schäferei, und den Laden mit Wolle, Stricksachen, außerdem Fellen und Fleisch, gingen in den Ruhestand und zogen zu ihrer Tochter nach Bremen, und verkauften das Haus und das riesige Grundstück und die Nebengebäude, und ruckzuck war das alles ein Hotel. Ebenfalls sehr teuer, und wieder war das Alte dahin. Da sind wir langsam aufgewacht und haben uns gesagt, die Insel ist so klein, wenn das so weitergeht, sind bald 30, 40 Prozent der Häuser in fremder Hand, Zweitwohnungen, Hotels, Ferienhäuser und Apartmentanlagen, und wir haben ja das Beispiel der anderen Inseln vor Augen, wo sie viel zu spät aufgewacht sind, als ihre Kinder und Enkel von der Insel mussten, weil sie da nicht mehr wohnen und leben und arbeiten konnten.“
„Und normale Familien sich kein Haus mehr bauen konnten und keine Miete mehr leisten konnten“, fiel Rossi ein. „Ich habe einen Bekannten, Apotheker, angestellt, und seine Frau ist Erzieherin im Kindergarten. Sie stammen beide nicht von der Insel, haben zwei Kinder, das dritte ist unterwegs, und die finden keine Wohnung. Nicht nur keine Wohnung, die sie bezahlen könnten, mit zwei Gehältern immerhin, nein, einfach keine Wohnung, es gibt keine. Es gibt nur Ferienwohnungen.  Was früher Wohnung war, ist jetzt Ferienwohnung.“
Erk übernahm: „Macht meine Mutter auch. Da hast du zwar mehr Arbeit mit, die ist jetzt dauernd am Putzen und Wäsche waschen und Gäste begrüßen und betütteln, aber dafür nimmt sie das Vielfache ein. Aufs Jahr gerechnet. Dafür schrubbt sie dann auch fremden Leuten das Klo, in ihrem Alter.“ Er wirkte ein bisschen verzweifelt. 

„Und Verena, wie oft bist du jetzt auf der Insel umgezogen?“ fragte Tante Klärchen.
Verena schaute mich an und antwortete, ein wenig peinlich berührt, schien mir: „Ich lebe ja allein, Helene, mit meiner Katze, und ich arbeite im Physio-Zentrum am Hafen, Vollzeit, und ich bin in den letzten 5 Jahren dreimal umgezogen. Jedes Mal war es dasselbe: die Wohnung, in der ich wohnte, wurde zur Ferienwohnung umgemodelt. Und, weißt du, alle meine Vermieter waren ja Insulaner, die waren sehr nett zu mir, und haben gesagt, da zieht die Tochter rein und so, aber es stimmte eben nicht. Jetzt wohne ich im Mehrgenerationenhaus, Gottseidank, und da gehe ich nicht mehr raus und da kündigt mir auch keiner.“ Verena schaute nach unten, sichtlich erschöpft von der langen Rede. Alle lächelten sie an und Tante Klärchen beugte sich vor und streichelte ihre Hand. 
Sie sagte: „Vorletztes Jahr, als John Oldsen, der alte Inselmakler, in den Ruhestand gegangen ist, hat er sein Geschäft einem jungen Mann übergeben, der Teil einer bundesweiten Maklergruppe ist. Und seither weht da ein anderer Wind: der junge Mann, er heißt Klaus Lobsien, der wartet nicht, bis die Leute auf ihn zu kommen, die etwas zu verkaufen haben. Der geht selber hin, der fragt, der macht sich bekannt, der bringt Interessenten vorbei, die viel Geld bieten. Manchmal denke ich, der hat eine Liste von allen Häusern auf der Insel, was sie wert sind, wem sie gehören, wer drin wohnt, und wo bald eine alte Frau sterben wird und wer die Erben sind. Und da geht er dann schon mal hin und sagt guten Tag.“

„Und nach allem, was wir wissen, hat er das bei KK auch gemacht“, ließ sich Erk wieder vernehmen. „KK ist ja ein Vetter von mir, um drei Ecken, und kaum waren seine Eltern gestorben, stand der Geier da auf der Matte, sehr mitfühlend, Beileid, schwerer Verlust, aber dann kam er auf den schweren Gewinn zu sprechen, den KK haben könnte, wenn er nicht nur das Altenteil seiner Eltern, das ja auf demselben Grundstück war, sondern auch sein Wohnhaus gleich mit verkaufen würde. Der Lobsien hat sogar zu ihm gesagt: ‘Sehen Sie, Herr Ketelsen, das Dorf ist doch sowieso schon leer, da ist doch keiner mehr, den Sie kennen, nur Sie in Ihrem Haus, und drumrum ist doch schon alles verkauft. Also das war ein Verkaufsargument für den. Hat KK mir damals erzählt.“
Matti warf ein: „Das hat KK schwer getroffen, das weiß ich. Mit so viel Geschäftssinn konnte der nicht umgehen, ich glaube wirklich, das hat ihn verletzt.“

„Man könnte es auch Zynismus nennen. Mit so viel Zynismus konnte Ketel nicht umgehen. Und das war es, was seine Seele verletzt hat.“ Das war Tante Klärchen. 

Ich hörte zu, ich spürte die Verletzung, die nicht nur KK betraf, sondern alle, die hier saßen. Ich konnte mich allerdings eines Gedankens nicht erwehren, den ich schon gestern oder vorgestern gehabt hatte, und der mir heute Morgen, aus purem Eigennutz, auch wieder gekommen war. Ob das jetzt der richtige Zeitpunkt, die richtige Gruppe war, um das anzusprechen, wusste ich allerdings nicht. Ich war neu hier.
Neu hier, Mund halten.

„Da wir grade von KK sprechen, Rossi, wie ist es denn mit ihm?“ Tante Klärchen sagte nicht: ‚mit seiner Leiche‘, bemerkte ich, für sie war er wohl erst gegangen, wenn alles geklärt war und die Totenrituale abgehalten waren.

Rossi passte sich Tante Klärchens Sprachgebrauch an: „Er ist jetzt auf dem Festland in der Pathologie. Die brauchen wohl noch ein, zwei Tage. Ich weiß noch nichts, aber ich konnte es problemlos begründen und veranlassen, darüber bin ich froh, danke nochmal für die Ermutigung!“
Sie schaute den Optimizer und Tante Klärchen an und sprach weiter: „Von Elena habe ich gehört, dass sie die Trauerfeier in der Kirche auf jeden Fall übermorgen machen will, mit oder ohne seine Leiche. Er würde ja sowieso verbrannt werden, meinte sie, und das könnten sie ja dann auf dem Festland gleich mit machen.“

„Ein echtes Seelchen, die Elena!“, ließ sich der Optimizer vernehmen, nachdem die Runde einen Moment verblüfft geschwiegen hatte.

„Ja, genau, Elena!“ sagte Tante Klärchen, „ihr wart doch gestern da, bei der Elena, Helene und Matti, wie war das denn?“

Es war wirklich erst gestern gewesen, gestern Morgen, unser Besuch bei Elena. Was für ein Tag! Ich hatte ein deutliches Gefühl der Beschleunigung, als ob die Dinge, die Ereignisse, sich schneller bewegen würden, vielleicht sogar fast schneller als ich.
Ich mag dieses Gefühl nicht. 
Matti hatte mich angeschaut und ergriff nun das Wort:

„Wir waren da, ja, und, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll: Elena war sehr beschäftigt, und irgendwie in Erwartung. Broder müsste morgen, spätestens übermorgen hier eintreffen. Ich weiß nicht, kann’s nicht anders sagen, hab‘ ich auch zu Helene gesagt, als wir im Gasthaus saßen: KK war Elenas Lebensinhalt, und jetzt trauert sie nicht. Ganz komisch. Ich hab‘ mich da nicht wohl gefühlt.“  Blick zu mir, auch Tante Klärchen schaute mich an.
Jetzt aber.
„Ja, das ging mir so wie Matti, und ich habe den gleichen Eindruck. Trauerbegleitung war da nicht vonnöten. Wenn ich offen sein darf: sie kam mir vor wie ein Kind, das seine Belohnung erwartet.“
„Ha!“, das war Erk, der mit Blick auf hoodie, Ines, jetzt einsetzte: „Also, ich hab euch ja schon gesagt, dass wir an den E-Mails dran sind. Und ich denke, ich kann’s jetzt rauslassen: Da gibt’s ein Vertragsformular, Vorvertrag, das war im Anhang einer der Mails des Geiers, Entschuldigung, also von dem Lobsien, wir nennen den unter uns den Geier, und sein Chef in der Zentrale in Hamburg ist die Hyäne. Also,“ fuhr er unter dem Kichern von hoodie und Matti fort, „Hyäne hat an Geier eine pdf gemailt, die nur noch ausgefüllt werden muss, ein Vorvertrag zum Haus- und Grundstücksverkauf. Das wär jetzt nix Besonderes, ist ja sein Geschäft, aber Hyäne hat schon mal die Gemarkungen eingetragen, um die es da gehen soll, Nummern. Mit Hilfe von Ich-sag-euch-nicht-wem haben wir das überprüft: es ist das Grundstück von KK, das ihm ja nach dem Tod seiner Eltern mit Broder zusammen gehört. Bei der Gelegenheit, aus derselben Quelle: KK hat kein Testament hinterlassen. Das heißt: Elena erbt alles, was KK besaß, und sein Bruder bekommt den Pflichtanteil.“
Schweigen im Saal. Das mussten alle erstmal verdauen. Erk war richtig in Fahrt gekommen, und mein Eindruck war, dass hoodie daran einen Anteil hatte. 
Gut für ihn!
Ich hatte ein deutliches Gefühl von Klärung und Lösung.

Wie wenn ein Puzzleteilchen an seinen Platz fällt.

Ich kann das nicht beschreiben, aber wenn im Gespräch eine Sache klar wird oder für mich selber plötzlich eine Lösung in Sicht ist, oder auch, wenn eine Deutung gegeben wurde, die passt und stimmig ist, dann fühle ich das im Inneren, ganz unverwechselbar, ganz deutlich, irgendwie als Entspannung und Freude. Als wären Wolken weggeblasen und es käme plötzlich die Sonne durch. Ich schaute zu Matti, deren Blick auf mir ruhte.
Sie hat das mitbekommen.

Es war fast schon unheimlich, wie nah sie mir war.

Ich wusste jetzt, was in Elena vorgegangen war, der nicht-trauernden Witwe. Der Verkauf des Hauses. Das war ihre Belohnung. Dieser Verkauf würde sie reich machen, auch wenn sie mit dem Bruder teilen musste. KK hatte das nicht gewollt, KK hätte das nie gemacht, aber KK war tot.  Sie erbte. Plötzlich wurde mir ganz dunkel, ganz schwer.
KK war tot, Elena erbte.
Ich schaute zu Matti, ich schaute zum Optimizer. Matti schaute mich freundlich, aber leer an, der Optimizer hingegen war mit einem aufmerksamen Blick bei mir.
KK war tot, Elena erbte.

Ich presste die Lippen aufeinander, der Optimizer tat es mir, vielleicht unbewusst, nach. Wir schauten uns an, große Augen. Irgendwie beschlossen wir beide, jetzt nichts zu sagen.
Aber wir hatten es beide gedacht: KK ist unter noch ungeklärten Umständen gestorben. Und hier ist ein Mordmotiv für seine Witwe.

Das wird jetzt spannend hier. Ein Mordmotiv für die Witwe… Kliffhänger mal wieder.
Nächsten Freitag geht’s weiter, hoffentlich unblutig…
Hoffen wir das Beste, liebe LeserIn!

23 Mein Bentley steht vor der Tür, oder: Chapeau, Sigi!

Die Gruppe hatte sich schnell aufgelöst, alle hatten zu tun, und ich saß in der Küche mit dem Optimizer und Neuton, während Tante Klärchen mit Rossi in deren Praxis gefahren war. Routinetermin.
Ich war etwas unsicher, wie das jetzt weitergehen sollte, da ergriff Neuton das Wort: „Mir ist da was eingefallen, wenn ich das unter uns mal sagen darf?“
Unter uns. Geheimniskrämerei, Herstellung einer Kleingruppe innerhalb der Großgruppe.
Ich mochte den Neuton einfach nicht.
Der Optimizer warf ein: “Neuton, entschuldige, gleich. – Helene“, meinte er an mich gewandt: “vorhin hat das keiner so deutlich gesagt, aber es ist dir schon klar, dass unsere Gruppe auf Verschwiegenheit basiert. Ich bitte dich in aller Form, über unsere Gespräche und über die Existenz der Gruppe und ihre Mitglieder Stillschweigen zu bewahren. Willst du das tun?“

Darauf hatte ich gewartet, und das hatte mich schon gewundert, dass ich das nicht früher zu hören bekam. Ich mochte so etwas nicht, aber um Tante Klärchens Willen: „Ja, ich will“, sprach ich mit fester Stimme und schaute dem Optimizer gradeheraus und vertrauenswürdig in die Augen.
Sie können die Braut jetzt küssen.
Der Optimizer nickte.
Der Pakt war besiegelt.
Neuton hatte nun lange genug geschwiegen: „Hört zu, ich glaube, es ist wichtig: neben dem Dorf, in dem ich jetzt wohne, ist etwas vorgegangen, an das ich mich grade erinnert habe. Die haben da nach und nach, und ohne, dass es jemand gemerkt hat, ein ganzes kleines Küstendorf zusammengekauft, immer verschiedene Käufer, aber in Wirklichkeit war es eine einzige Maklerfirma, die das Ganze orchestriert hat.
Und die waren verbunden mit einer Baugesellschaft und einer Vertriebsfirma, die das Geld aufgebracht hat. Und jetzt ist das ganze Dorf ein Hotel. Ging ganz schnell, nachdem alles aufgekauft war. Alle Häuser sind restauriert oder umgebaut und gehören zum selben Hotel, versteht ihr, eines ist Gaststätte geworden, eines Wellnesshaus, drumrum die Häuser sind Ferienhäuser mit allen Schikanen, Sauna im Keller, Klimaanlage, vollem Service, das Dorf ist jetzt quasi ein Museum seiner selbst. Und das wird auch so vermarktet. Ein Museum, in dem du für teures Geld so leben kannst wie die alten Küstenbewohner. Stimmt natürlich nicht, ist alles fake, von den vielen Giebeln angefangen, die sie in die alten Reetdachhäuser gesetzt haben, weil die Feriengäste das so erwarten, gehört gar nicht zum Uthlandehaus, bis zu den Pflanzen in den Gärten, die keine Küstenbewohnerin da reingesetzt hätte, weil sie da traditionell  nicht hingehören…“ Seine leise Stimme trocknete aus, das war richtig zu spüren. Ich stand auf und besorgte uns allen Apfelsaft, Mineralwasser und Gläser, und wir tranken, als wären wir am Verdursten. Bisschen wie die Pflanzen in den fake-Ferienhausgärten, die den Nordseeinselwind nicht vertragen und wie wild gewässert werden müssen, damit sie da überleben können.

Der Optimizer und ich schauten uns wieder mal an.  Wir mussten reden, aber nicht mit dem Neuton. Wir konnten unsere eigene geheime Untergruppe machen.

„Neuton, ich danke dir für diese Hinweise, sehr inspirierend, aber ich weiß, du musst aufs Schiff, kann ich dich da hinbringen?“ fragte der Optimizer leicht servil.
Er mag den Neuton auch nicht.

Neuton merkte nichts und sprach: „Ich habe mir erlaubt, meinen Wagen auf die Insel mitzubringen, aber ich sage euch, die Fährkosten für so ein großes Auto sind die reinste Seeräuberei!“ Er lachte über seinen Scherz und fuhr fort: „Mein Bentley steht vor der Tür, ich danke dir, Siegesmund! Und du hast Recht, ich muss! Bemüht euch nicht, ich kenne den Weg!“ Sprachs, stand auf, warf mir ein huldvolles Winken zu und verließ die Küche im Eilschritt.
Mein Bentley steht vor der Tür.   

Der Optimizer wandte sich mir zu und sprach schnell und konzentriert: „Helene, ich hab‘ nicht viel Zeit, ich muss in die Willkommensgruppe. Ich glaube, wir sind uns einig, dass wir viel gehört haben heute. Es ergeben sich möglicherweise interessante Zusammenhänge. Ich glaube nicht, dass deine Tante dies alles braucht.“
Er will seine alte Freundin beschützen.
„Ich stimme dir zu.“
Er entspannte sich. Das war es, was er hören wollte.

„Wie du vorhin so schön sagtest: wenn ich offen sein darf… Darf ich offen sein, Helene?“

„Du darfst, Sigi.“
Ein bisschen Spaß muss sein.

„Ich denke, es ist noch nicht klar, woran Ketel Ketelsen gestorben ist, und es ist klar, dass seine Witwe sein Haus erbt und schnell verkaufen kann, sofern der Broder einverstanden ist. Es scheint, als sei der Verkauf bereits in Vorbereitung. Wir wissen nicht, wieviel die Witwe von diesen Vorbereitungen, der pdf mit dem Vorvertrag, weiß.“

Da fiel es mir ein, traf mich wie ein Blitz, und der Optimizer sah das und hielt inne.

„Siegesmund, sie weiß es und will unterschreiben, zusammen mit Broder! Das war es, was sie gesagt hat, als Matti und ich da waren, und was ihr rausgerutscht ist in ihrer Vorfreude! Ich bin mir ganz sicher!“

Jetzt war ich aufgeregt. Siegesmund sah in die Ferne und schwieg. Er atmete tief ein und aus.

„Gut, dann noch mal von vorn, und in aller Klarheit, die ich im Moment aufbringen kann…“

Und das ist eine ganze Menge. Chapeau, Sigi.

„Wir wissen nicht, woran KK so überraschend verstarb, und seine Witwe hat ein Interesse und womöglich bereits Pläne gemacht. Pläne, die sich schon konkretisiert haben in dem Vorvertrag mit dem Makler.“

Ich nickte. Er hatte meine volle Aufmerksamkeit und ich war sehr froh, dass da einer war, der klar denken und ohne Umschweife reden konnte. Sorgfältig und genau hatte er die Lage dargelegt. Irgendwie fehlte mir aber noch etwas, ich konnte es nicht benennen, das Bild war noch nicht vollständig. Ich wusste nicht, warum ich das dachte. 

„Helene, zu meinem Bedauern und um es mit Neutons Worten zu sagen: Ich muss!“ Siegesmund lächelte mich an, ganz offen und mit einer gewissen Wärme, die ich so an ihm noch nicht wahrgenommen hatte, außer gegenüber Tante Klärchen manchmal. „Wir denken weiter nach, sprechen möglichst wenig und kontakten vielleicht morgen wieder? – Deine Tante hat meine Handynummer.  Und nun, Helene: Ich muss! Mein Bentley steht vor der Tür!“

Er lachte, warf mir, wie Neuton eben, einen Gruß zu, schwang einen imaginären weißen Opernschal über seine Schulter und ging ab.

Deshalb mag Tante Klärchen ihn so gerne. Er hat Wärme und Humor. Und Verstand.

24: Es gibt keine Abkürzungen

Ich sah mich in der Küche um, bemerkte da verschiedene Kaffeetassen und andere Geschirre, befüllte die Geschirrspülmaschine und stellte sie an. Kurzprogramm.  

Ich wusste nicht, wann Tante Klärchen vom Arzttermin zurückkehren würde, plötzlich war mir nach Tschigong  und Meditation, ich merkte: es war viel passiert, seit ich, um Ruhe zu finden, auf die Insel gekommen war. Die

letzten Tage waren ganz unerwartet intensiv und temporeich gewesen. Ich brauchte eine Pause. Es musste sich alles setzen, ich hatte genug Input für ein Weilchen. Was tun?

Du bist auf einer Insel. Geh ans Meer.

Ein Blick nach draußen, durch das Fenster des Salons, zeigte: wilder Himmel, dunkle Wolken, helle Wolken, Bewegung in den Bäumen, Sonne, Wind, Regen, bestes Mittsommerinselwetter.
Also was Wasserdichtes für drüber. Tante Klärchen hatte in ihrer Garderobe verschiedene Regenmäntel und Friesennerze hängen, darunter ein sehr leichtes Plastikteil mit Kapuze, für Sommerregenwetter. Untern Arm geklemmt, Tasche, Sonnenbrille, und vom Hutregal eine echte baseball-Kappe, die ihren Weg irgendwann in diese Villa auf der Nordseeinsel gefunden hatte: Baltimore Orioles, grau mit einem orangeroten Vogel. Schön.

Als ich auf der Straße stand, bekam ich wieder Lust auf den Silberpfeil. Nochmal rein, Autoschlüssel holen, raus, ins Auto und ab. Immer erstmal auf dem Kopfsteinpflaster entlangwackeln, das das Tempo der Durchfahrenden natürlich sehr effektiv reduziert, ideal für edle Wohnstraßen, und dann die neu ausgebaute Straße in Richtung mittleres Inseldorf entlanggerast.
Bevor ich michs versah, stand ich wieder auf dem Parkplatz vor dem schicken maritimen Kleiderladen, in dem die Kundinnen-Abwimmlerin lebte.  Schnell dran vorbei, und wie magisch angezogen zum Kirchhof mit seinem Labyrinth.
Ich hatte nicht gewusst, dass ich dahin wollte, bis ich davor stand.
Am Eingang des Rasenlabyrinths war ein kleines Schild, quasi eine Gebrauchsanweisung: man sollte durchgehen und sein Leben bedenken, und dann die Gedanken mit in seinen Tag nehmen.
Das Labyrinth selber war so simpel wie genial angelegt: einfach eine Spur, genau eine Rasenmäherbreite, durch die Wiese gezogen, in der Form des klassischen, runden, kretischen Labyrinths. Also kein Irrgarten, wo man sich dauernd entscheiden muss und ständig den Überblick verliert, sondern ein einziger Weg, der in genau abgezirkelten Windungen auf eine Mitte zuführt. Der Weg ist nur ein schmaler Pfad, die gemähte Spur im hohen und dichten, blühenden Mittsommergras. Ich zog die Schuhe aus, stellte sie brav neben das Schild, daneben meine Tasche, und ging los, den Blick auf meine Spur und das saubere, frisch geschnittene, duftende Gras unter meinen Füßen gerichtet.
Ich merkte, ich wusste gar nicht so genau, was ich eigentlich bedenken wollte, es war alles ziemlich viel gewesen, ich wollte eigentlich nur in Ruhe gehen, sonst nichts. Der Boden war etwas uneben, zwang mich zur Aufmerksamkeit, außerdem wollte ich auf meine Bar-Füße aufpassen.
Nach drei Windungen hatte ich die Orientierung verloren. Ich ging einfach, und wusste gar nicht, wie nah oder weit ich von meinem Ziel, der Mitte, entfernt war. Windung, Kurve, langes Stück, Windung, Kurve, ganz andere Richtung, langes Stück im Bogen, Windung, kurzes Stück scheinbar wieder zurück, Windung… ich war nur noch konzentriert auf den nächsten Schritt im Rasen und den kurzen Ausschnitt des Weges, den ich vor mir sah.  

Irgendwann merkte ich, dass ich das Ziel, die vermutete, gefühlte, geschätzte Mitte des Ganzen, die manchmal näher schien, manchmal ferner rückte, manchmal nicht zu sehen war, manchmal überraschend wieder auftauchte, gar nicht mehr so wichtig fand. Ich ging nur noch, vertraute dem Weg, der in viel längeren Windungen verlief, als ich von außen gedacht hatte.

Zwischendrin verlor ich die Geduld und sah, dass das wohl auch anderen so gegangen war: auf meiner Rasenspur gab es in den Kurven kleinere, quasi illegale Trampelpfade, die zur nächsten Rasenspur kreuzten und der Abkürzung dienen mochten. Aber Abkürzung wohin, in einem Labyrinth, wo du nie weißt, wie nah oder fern du deinem Ziel, der Mitte, wirklich bist. Ein Satz fiel mir ein, von früher, aus der Ausbildung: ‚Es gibt keine Abkürzungen‘. Wer hatte das gesagt? 
Ich ging weiter und merkte, dass ich nicht anders konnte, als dem Weg zu vertrauen. Es wirkte nicht so, es verwirrte mich, aber ich wusste, das Labyrinth, durch das ich gehe, hat eine klare, eindeutige Anlage. Ich komme zur Mitte, eher später als früher, aber sicher.  

Plötzlich erschreckte mich ein Gedanke: was, wenn ich die Mitte nicht erkenne? Wenn ich nicht weiß, wann ich angekommen bin und es nicht sehe? Wenn es kein Zeichen gibt und ich deswegen unendlich hier meine Runden ziehe? Wenn dieses Labyrinth in Wirklichkeit ein verwirrendes Gefängnis ist, in dem ich renne wie der Hamster im Rad? Was, wenn die Lösung darin besteht, aus den vorgegebenen Runden auszubrechen und einfach quer, abkürzungsmäßig, raus aus dem Rennrad zu kommen und diese Routine zu verlassen, die mich festhält und erschöpft und die kein Ziel hat? Wenn es ist wie in diesem Intelligenztest aus dem Studium, den du nur lösen kannst, wenn du begreifst, dass du die Verbindungslinien außerhalb des Rahmens ziehen musst? Soll ich hier auf dem Rasenpfad weiterlaufen oder quer zur Fahrtrichtung rauslaufen?
Oder was?
Was soll ich tun?

Und während die Kurven enger wurden und ich mich in ihnen fast panisch bewegte, tauchte eine kleine schwarze runde Steinplatte in meinem Blickfeld auf.
Kleine runde Platte im Gras. Schwarzer Marmor, matt, bündig in den Boden eingelassen. Keine Aufschrift, nichts. Liegt einfach da. 
Ich brauchte einen Moment, in der Verfassung, in der ich grade war, um zu begreifen: das ist es. Du bist da. Die Mitte ist markiert, minimal: kleine schwarze runde Platte ohne Aufschrift.  Und du bist jetzt da.

Kannste mal sehen.

Ich war erleichtert, fast begeistert, schaute auf die Platte, immer noch kein Text, richtete mich auf, schaute mich um: das Rasenlabyrinth, nicht alle Wege und Windungen zu sehen, weil hohes Gras, aber ich war in der Mitte, ganz klar. Ich hätte keine Angst haben müssen, sie zu verpassen. Außerdem, das sah ich jetzt, ging der Weg hinter der Steinplatte nicht weiter.
Um rauszugehen, musst du dich umdrehen und den gleichen Weg zurückgehen.
Die Mitte hättest du also auch ohne die Steinplatte erkennen können.
Sie ist da, wo es nicht weitergeht wie bisher. Wo du die Richtung nicht nur graduell, sondern um 180 Grad ändern musst, um weiter zu gehen.
Um rauszukommen.

Als ich da stand, in der Mitte, recht angetan und sehr ruhig, merkte ich plötzlich, dass der Wind meine lange Leinenbluse ergriffen hatte und sie um meine weiten Leinenhosen-Beine schlenkerte. Ganz plötzlich war hier ganz anderes Wetter als eben noch.
Windböen.
Ein seltsames Gefühl erfasste mich. Mir war, als wäre in der Mitte des Labyrinths anderes Wetter als draußen.
Ich schaute auf, ich schaute mich um. Die riesigen Kastanien, die den Rasenfleck mit dem Labyrinth umstanden, wogten. Der Himmel hatte sich stellenweise verdunkelt, die Sonne blinkte nun durch Wolkenungetüme, die blauschwarz und sehr nah über mir waren.
Dann blitzte es. 
Ich drehte mich um, da war der Ausgang, kenntlich an dem Schild mit der Labyrinth-Gebrauchsanweisung, das aus dem hohen Gras ragte.
Orientierung.
Mit einem Gefühl der Dankbarkeit den evangelischen Frauen gegenüber, die hier so gründlich für die spirituelle Volksbildung gesorgt hatten, und einem Gefühl der Dringlichkeit, das durch den nächsten Blitz aus heiterem Himmel sehr verstärkt wurde, setzte ich übers hohe Gras, quer zu den Pfaden.  Abkürzung, Hürdenlauf, auf schnellstem Weg raus aus dem Labyrinth, dem Kirchhof und dem Dorf.

Als ich im Silberpfeil saß und durch den Regen fuhr, fühlte ich mich erleichtert. Ich war in ganz kurzer Zeit maximal desorientiert und dann auch wieder sehr orientiert gewesen, hatte Regeln befolgt und Regeln gebrochen, hatte Angst gehabt und war überrascht worden, war passiv gewesen und hatte mich dem Weg hingegeben und war dann auch wieder recht sportlich aktiv gewesen in meinen Hürdensprüngen übers hohe Gras, um dem Gewitter zu entkommen.

Leben live eben.
Ich kam auf der rumpeligen Mehmelstraße an, parkte den Silberpfeil zum ersten Mal in der antiken Garage und spurtete durch den Regen hinten durch den Garten in mein Gartenzimmer. Als ich die Tür schloss, während draußen der Sturm tobte, hatte ich ein Gefühl, das ich seit Jahren nicht mehr, und in München noch nie, gehabt hatte: alles ist gut, ich bin zuhause.

Ich legte mich auf die Ruhestätte, die harte, und zog aus meiner Tasche das Buch, das ich noch für die Museumsveranstaltung gestern eingepackt hatte. Ein leeres Schreibbuch mit buntem Einband, schön ausgestattet mit Seitenfindebändchen, Inhaltsverzeichnis und anderen Details, die ich eigentlich nicht brauchte. Ein Stift war dran festgeklemmt, so dass er nicht verloren gehen konnte, äußerst praktisch. Das Buch gehörte eigentlich ins Münchner Reha-Zentrum, dort wurde es für die Mitarbeiter ausgegeben, die ihre Berichte etc. da reinschrieben.  Jetzt war es hier bei mir auf der Insel, im Gartenzimmer, an dessen Fensterscheiben die Zweige und Blätter der alten Rhododendronbüsche klopften, die vom Sturmwind bewegt wurden. Draußen Sturm, drinnen Ruhe.

Mein Blick fiel auf den alten Kerzenhalter aus Messing, der auf dem improvisierten Nachttischchen neben meinem Bett stand. Tante Klärchen hatte mich mit frischen weißen Kerzen versorgt, eine stand im Kerzenhalter, eine weitere lag daneben. Und Streichhölzer.  Ich zündete die Kerze an, baute mir eine Kissenburg für den Rücken, schlug das Buch auf.

Liste: was tun?

  1. Besseres Zimmer im Haus finden
  2. Sachen aus München herholen
  3. Matti küssen
  4. Was war da noch mit Elena, was mir nicht einfiel?
  5. Die Villa und Tante Klärchen: geht da was?
  6. Dori und Farsi sind Cousinen
  7. Kp
  8. Kp
  9. Trauerfeier für KK, Wikingerburg vorschlagen
  10. Matti küssen

Listen schreibe ich immer, wenn mir sonst nichts einfällt und ich sortieren muss. Ich schreibe immer schnell, und wenn mir zu einem Punkt nichts einfällt schreibe ich kp, kein Plan, und gehe über zum nächsten Punkt. Zehn Punkte müssen es immer sein, ab elftens fängt die nächste Liste an, die hat dann eine neue Überschrift und wieder zehn Punkte. Ich hab‘ mir das irgendwann so ausgedacht und mache das seit Jahren so. Funktioniert ganz gut. Weil ich die Listen so schnell schreibe und ohne langes Nachdenken, tauchen da dann öfter mal Sachen auf, die mich erstaunen und von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie im Kopf habe. Besonders eine Eintragung, die sich auch noch wiederholte, fiel mir da beim Wiederlesen auf.

Ich klappte mein Buch zu, rollte neben die Kissenburg, blies die Kerze aus, zog die alte Seidendecke hoch und schlief ein.

Labyrinthe, Listen… Lene hat da einiges auf der Platte, wie es scheint.
Bringt das nächste Kapitel die Lösung einiger Aufgaben? – Wir dürfen gespannt sein auf Kapitel 25, wenn es heißt: „Geht, geht, geht“.
Nächsten Freitag wieder frisch!

Kapitel 25 Geht geht geht

Ich wachte auf, weil mein Handy klingelte. Matti, und ungefähr 25 nicht abgerufene Nachrichten.

Au weia.

Mit einem schlechten Gewissen, weil ich mich einfach so aus der Welt ausgeklinkt hatte, griff ich zum Gerät und nahm den Anruf an, der mittlerweile schon auf AB gegangen war, ich hörte Mattis Stimme:“… also wenn du Lust hast…“ , und meldete mich:“Jajaja, ich weiß aber nicht, zu was, hallo Matti, ich bin jetzt dran!“ Durch den Hörer hindurch konnte ich hören, wie sie lächelte.
Ich liebe ihr Lächeln.
„Hallo Lene, hast du geschlafen?  Ich hab jetzt Mittag und wollte zu Brauner nach Hause fahren und mir was kochen. Ich hab heute den Rest des Tages frei, weil ich ja gestern Abend im Dienst war. Willst du mitkommen?“

Klar wollte ich.
„Klar will ich. Soll ich selber fahren oder willst du mich abholen?“ Ich hoffte, dass sie mich abholen würde, denn ich wusste, sie lebte in einem alten kleinen Reetdachhaus in einem Dorf, das mir nicht sehr vertraut war und das keine  Straßennamen hatte, nur gut versteckte Hausnummern an Häusern in verwinkelten alten kleinen Straßen, die irgendwie alle gleich aussahen. Ein Irrgarten.

„Ich hol dich ab, bin in einer Viertelstunde da!“

Wir legten auf, ich sah mich um, muss ich was mitnehmen? Mittagessen, fiel mir ein, vielleicht hat Tante Klärchen was in der Küche, das ich beisteuern könnte.

In der Küche, die noch genauso aussah, wie wir sie heute Morgen verlassen hatten, sah ich die übliche Obstschale auf der Anrichte. Na also: Erdbeeren, und aus dem riesigen Kühlschrank Sahne, aus dem Vorratsschrank ein Fläschchen Agavendicksaft und zur Sicherheit Kardamom vom Gewürzregal, ich wusste nicht, wie Matti in dieser Hinsicht ausgestattet war.  Im Vorbeiblicken hatte ich noch eine Tafel dunkle Schokolade gesehen, Hamburger Marke, die Sorte hieß witzigerweise Seute Deern.  

Geht doch.

Alles zusammengerafft, Regenmantel, der noch nicht trocken war und nasse Schirmmütze, nein, daneben lag eine trockene dunkelblaue mit dem Logo der Fährschifffahrtsgesellschaft, also der Seeräuber, wie der Neuton heute Morgen gemeint hatte.

Als ich nach draußen trat, war Matti schon da mit ihrem Jeep, hatte aber weder gehupt noch geklopft, sondern einfach gewartet. Sowas mag ich.

Sie stieg aus, versorgte mein Bündel hinter dem Sitz und ich stieg ein, sie ging um den Wagen rum, ließ an, legte den Gang ein und fuhr los. Sie hatte nur gelächelt, wir hatten nichts gesagt.

Als wir vor ihrem Häuschen im unbekannten Inseldorf angelangt waren und auf dem schmalen freien Rasenstreifen gegenüber schräg einparkten, war ich sehr froh, dass sie mich gefahren hatte: ich hätte es nie gefunden. Es sah aus wie alle anderen naturbelassenen Häuser auf dieser Insel: Roter Backstein, niedrig, nur das Erdgeschoß und darüber ein riesiges Reetdach, über der Eingangstür ein Fensterladen zum Dachboden. Kleine Sprossenfenster, weiß, mit dem typischen Blau abgesetzt, das man so oft auf den Inseln sah: zwischen blau und grün, eine ganz eigene Farbe, zwischen grünem Land und blauem Meer.  

Als ich so davor stand, dachte ich, dass Mattis Haus weniger ein Haus war als eine Kate, ein Cottage. Viel kleiner, als ich es in Erinnerung hatte aus den Zeiten, als wir Jugendliche waren und Mattis Großmutter besuchten, die damals in diesem Häuschen lebte.

„Komm rein“, sagte Matti und öffnete die unverschlossene Haustür erst oben, und dann mit geübtem Griff auch in der unteren Hälfte.

„Welkimmen!“, sagte sie, drehte sich um und lachte über meine Verblüffung. Ich hatte die Klöntüre ganz vergessen, die so typisch war für die Inseln und auch für das soziale Leben hier: geredet wird auf der Schwelle zwischen draußen und drinnen, und das Haus ist dafür eingerichtet. Die Türe hat eine obere Hälfte, die unabhängig von der unteren geöffnet werden kann, und dann kann sich die Hausfrau auf die untere Hälfte lehnen und mit der Nachbarin klönen, die vor ihr auf der Straße steht.

Ich trat ein, alter Fliesenboden in rot, leicht glänzend an manchen Stellen. Derselbe Boden im ganzen Haus, äußerer Flur, innerer Flur, Tür zur Küche, die in ein Wohnzimmer überging, an das sich ein Arbeitszimmer anschloss, diese Tür war ausgehängt, das machte den kleinen Raum größer. Matti hatte nur alte Möbel, ich wusste, dass sie sie „zusammengeerbt“ hatte, wie sie das nannte: von allen möglichen Mitgliedern ihrer weitverzweigten Sippe stammten der Esstisch, die Stühle, das imposante Sofa, die Polsterstühle und die Beistelltischchen, die Kommoden und Truhen, das Vertiko, der Raum war voll. Vieles selber getischlert, von unterschiedlichen Vorfahren, und von Matti in ihrem Häuschen angelandet und dem Fluss der Zeit entzogen. 

Das Haus gehörte ihr, wie eine Reihe weiterer Häuser in diesem Dorf, weil in ihrer Sippe, wie auch in anderen, die Kinder fehlten, die erben konnten oder wollten. Manche waren weit weg, Nachfahren von Ausgewanderten, ohne Zeit oder Interesse, und ließen sich gern auszahlen. Andere behielten das Erbe, vermieteten es und zahlten Matti ein kleines Gehalt für die Hausverwaltung.  Matti vermietete an Einheimische oder Eingewanderte, die ständig auf der Insel lebten. Dafür nahm sie Einbußen in Kauf, denn die Ferienvermietung hätte mehr Geld gebracht. Sie wäre aber auch arbeitsaufwändiger gewesen und einige der Häuser waren einfach zu klein, zu alt, zu wenig komfortabel oder lagen zu schlecht, als dass Feriengäste da hätten wohnen wollen. Die Einheimischen, vor allem junge Leute, die ihre Ausbildung beendet hatten und auf der Insel Familien gründen wollten, nahmen die Häuser gerne, zumindestens so lange, bis sie selber bauen konnten. Auch einige Alte lebten als Mattis Mieter. Das waren Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet hatten und es nie zu Wohneigentum gebracht hatten, weil es dafür nie gereicht hatte.
Eine alte Frau in Mattis Dorf, die hierhergezogen war, als sie in Rente ging, war Trägerin des Bundesverdienstkreuzes. Hätte man nicht vermutet, war ihr aber ganz verdient vor vielen Jahren verliehen worden, denn sie hatte einen sozialen Verband geleitet. Aus ihrem Familienleben hatte sie ein privates Kinderheim gemacht, in dem sie gestrandete Jugendliche, häufig schwangere junge Frauen, bei sich zuhause aufnahm. Das hatte ihr auf der Insel, auf der sie nicht eingeboren war, schlechte Presse eingebracht, man hatte ihr Vorwürfe gemacht, ihr die Polizei und das Sozialamt auf den Hals geschickt und einiges unternommen, um sie loszuwerden. Dann kam das Bundesverdienstkreuz, es war nie klar, wer sie dafür vorgeschlagen hatte, und dann war Ruhe. Jetzt verbrachte sie ihre alten Tage in einem alten Haus, für das ihre schmale Rente reichte, und machte Fotos von der Inselnatur und knetete Tonfiguren, die ihr ihre überbordende Phantasie eingab.
Ich wusste, dass sie Matti in einer stillen Winterstunde ihre Lebensgeschichte erzählt hatte, den Ausschnitt, der nicht auf der Insel spielte und den die meisten hier nicht kannten, ihre Kinderjahre. Sie war auf einem Bauernhof im Niederdeutschen aufgewachsen, als Kind der Pächter. Das Geld war äußerst knapp und das Leben auch für die Kinder sehr arbeitsreich.
Eines Tages, als sie vierzehn Jahre alt war, schlug ihr Vater sie aus dem Haus. So hatte sie es beschrieben, mit diesen Worten, die Matti mir wiedergab, weil sie sie nicht vergessen konnte: “Mein Vater schlug mich aus dem Haus.“ Was denn das hieße, hatte Matti gefragt, was denn das genau bedeutet hätte. Die alte Frau antwortete: Sie wäre so geschlagen worden wie noch nie in ihrem Leben, dann hätte sie sich ein paar Kleider zusammensuchen können, und ihr Vater hätte ihr gesagt, dass er sie totschlagen würde, wenn sie wiederkommen sollte. Das war an einem Abend, und sie hatte die Nacht in einem Schuppen in der Nähe verbracht. Ihre Mutter habe sie die ganze Zeit nicht gesehen, sie war ihr nicht zu Hilfe gekommen. Wie es danach mit ihr weiterging, blieb in den Erzählungen unklar, sie war wohl gewandert und hatte sich verdingt auf anderen Höfen. Sie war jung und ohne Schutz, deshalb passierte ihr, was vielen jungen Mädchen und Frauen in ihrer Lage passierte. Bevor sie zwanzig war, hatte sie ein Kind verloren, ein anderes abgetrieben.
Matti berichtete, dass sie das alles erzählt habe, als würde sie die Zutaten eines Kochrezepts aufzählen, so ohne Emotionen.
Matti war geschockt, aber auch voller Respekt vor diesem Leben. Mir war es ein schöner Gedanke, dass diese Frau jetzt in Ruhe und Frieden ihr Alter in Mattis Dorf verbringen konnte.

Ich hatte mich umgeschaut, mich an manches erinnert und mich aufs Neue wohlgefühlt in Mattis Kate, während sie Wasser aufgesetzt hatte und jetzt am Gemüseschnippeln war. Brauner war uns entgegen gesprungen und war jetzt draußen im Garten, denn eine Terassentür nach hinten war die einzige Neuerung, die das Haus in den letzten Jahren gesehen hatte. Der riesige alte Apfelgarten hinter dem Haus war eingezäunt, Brauner konnte sich austoben. 

„Was kann ich tun?“, fragte ich die Köchin, und sie meinte leichthin: “Läuft, gibt Shakshuka, ich hab Eier, Tomaten,  Paprika und Lauch von meiner Cousine bekommen, mach ich auf Pumpernickel, ist dir recht?  Du könntest den Feldsalat putzen und eine Salatsoße mit Senf machen, wenn du willst.“ „Ach, ich hab ganz vergessen, ich hab Erdbeeren dabei als Nachtisch! Sollen wir dunkle Schokolade dazu schmelzen?“ „Klar, lecker!“
Matti grinste: „Shakshuka hab ich übrigens von Deiner Tante gelernt.“  Ich hatte keine Ahnung, was mich da kulinarisch erwartete, aber die Zutatenliste war übersichtlich, das Ganze wurde offenbar in der Pfanne gemacht, eine Art gemüseumlagertes Spiegelei, für mich konnte da nichts schiefgehen. Wir arbeiteten nebeneinander in der Küche, jede mit ihren Aufgaben, und das Ballett, das wir  aufführen mussten, um auf engem Raum zusammen zu kochen, funktionierte ganz geschmeidig. Ohne Reibungsverluste zusammen arbeiten, das find ich schön.  
Wir aßen am alten großen Esstisch, der mitten im Raum stand, und hinter mir hörte ich, wie Brauner sein Fresschen aufschlappte.  

Nachdem wir unsere Erdbeeren in Schokosoße mit Sahne gedippt und genossen hatten, machte Matti Espresso in einer alten achteckigen Espressokanne auf dem Herd. Wir saßen uns gegenüber auf dem riesigen Plüschsofa, jede an ihre Armlehne gelehnt, mit Kissen, Decken und allen Schikanen, Brauner zufrieden vor uns auf seinem Hundeteppich, draußen tobte der Sturm, Kerzen brannten auf dem Tisch, und Matti sah mich aufmerksam an:

“Erzähl, wie ist es, Schäfchen? Weißt du schon, was du vorhast?“
„K.P., Matti“, sagte ich, und sie lachte.
„Ich bin hergekommen, weil ich mich sortieren wollte, und jetzt passiert hier so viel, dass ich kaum zu mir komme. Also in die Klinik geh ich nicht zurück, das ist schon mal klar. Und eigentlich will ich auch nicht mehr nach München. Hier ist es so viel frischer!“
Ich musste wieder lachen, als ob ‚Frische‘ ein Argument wäre, und ich war ein wenig erstaunt, mich das so klar sagen zu hören, aber es war wohl so, und es wurde mir jetzt in diesem Moment auch sehr deutlich:  ich fühlte mich wohl auf der Insel. Ich wollte nicht wieder weg.
Was uns direkt zur nächsten Frage brachte: “Ich hab aber wirklich keine Ahnung, wie ich das organisieren kann“, fuhr ich fort. „Wenn ich hier leben will, brauche ich Arbeit, eine Wohnung…“
Wie ich mich das so sagen hörte, in Mattis klares, offenes Gesicht hinein, und in ihre Augen sah, die ganz ruhig auf mir verweilten, ein wenig abwartend vielleicht, erschien mir mein ganzes Durcheinander und meine Flucht aus München plötzlich irgendwie nicht mehr so schlimm. Wenn ich in die Zukunft schaute, dann fühlte sich das an wie etwas, das ich organisieren konnte. Und Organisieren hab ich gelernt.

„Schau dich einfach um, was hier so anliegt, dann findet sich schon ein Platz für dich, glaube ich.“ Mattis Blick verweilte weiter auf mir, als ob es da eine Frage gäbe und eine Antwort, die noch nicht zur Sprache gekommen waren. 
Wir schauten uns gegenseitig in die Augen, und das war so ziemlich alles, was eine ganze Zeitlang passierte.
Ich spürte, wie die Ruhe in diesem alten Häuschen, das Zuhause-Sein, das Matti mit ihrem Hund und ihrer alten Insel-Geschichte hier hatte, auf mich wirkten.
Im Studium hatte ich einen Professor, der immer, wenn wir in unseren Organisations-Planungen und unseren Entwicklungsvorhaben ins Stocken gerieten und nicht weiter wussten, dasselbe sagte: „Geht geht geht.“ Das war sein Spruch, der sich mir, und ich bin sicher, vielen meiner KommilitonInnen, so eingeprägt hat, dass wir uns das im späteren Arbeitsleben gelegentlich selber sagten, wenn’s nicht weiter ging: geht geht geht, allem Anschein zum Trotz, wie eine magische Beschwörungsformel.
Ich spürte, wie ich mir selber zunickte. Hat bisher immer funktioniert.
Ich lächelte Matti zu, beugte mich vor und sagte: „Ich hab mir eine to-do-Liste gemacht, auf der taucht eine Aufgabe zweimal auf, ich würd die gern mal angehen, aber dazu müsste ich dich küssen, was meinst du?“
Matti kam mir entgegen, und dann küssten wir uns, züchtig vorgebeugt auf dem alten Plüschsofa ihrer Vorfahren, wie die Jugendlichen, wenn sie das mit dem Küssen zu ersten Mal ausprobieren.

Nach einer Weile lehnte ich mich wieder zurück in meine Kissen und wusste: geht geht geht.

26 Es könnte doch eigentlich immer so sein

Wir waren mit Brauner draußen spazieren gegangen, es war windig, regnete aber nicht mehr und die Sonne ließ sich wieder sehen. Auf Nordseeinseln geht das Wetter meistens so schnell, wie es gekommen ist. Stundenlang wanderten wir auf kleinen Wegen und Straßen durch die Felder und Weiden auf dem Geestkern, an Knicks entlang, in denen es blühte, duftete und in denen die Vögel sangen. Wir kamen an der alten Wikingerburg vorbei, gingen nochmal, jede für sich, zweimal rundum auf der Krone, und ich erzählte Matti, wie ich mir die Trauerfeier für KK vorstellte. Wir zogen weiter, kamen in das Dorf, zu dem die Wikingerburg gehörte, und fanden einen Bäckerladen mit Cafe, kauften hausgemachte Kekse, traditionellen plumpie und Erdbeerschnecken.  Das Gefühl der Hektik, das mich begleitet hatte, seit ich von München weggefahren war, verebbte.
Ich wurde ruhig, Trauer kam auf, wenn ich an KK dachte, wenn ich an München dachte, und die ganze Zeit fühlte ich mich so glücklich, so frisch und frei, so beweglich, fröhlich, ausgelassen, als wäre ich wieder achtzehn.
Nein, besser als mit Achtzehn, dachte ich und wusste nicht warum.
Dann machten Matti, Brauner und ich uns auf den Heimweg.

Am nächsten Morgen wachte ich in Mattis riesigem alten Bett auf, unter leichten Decken, Fenster nach Osten, die Sonne ging grade auf und schien ungehindert durch die leichten weißen Vorhänge. Blumen, Zweige und Äste aus dem Garten warfen ihre beweglichen Schatten auf den durchsichtigen Stoff und zeichneten flüchtige Silhouetten  von Stockrosen, Malven, Kornelkirsche und Eberesche auf die vom Morgenwind bewegten Bahnen. Vögel zwitscherten ihre Lieder, aber sonst war nichts zu hören. Kein Auto, keine Straßenbahn, keine Menschen. Doch, ein Mensch: neben mir in der weitläufigen Bettenlandschaft atmete Matti, und ich merkte außerdem, dass ich die Beine nicht ganz ausstrecken konnte: in Kniehöhe befand sich ein mittelgroßer Berg auf der Bettdecke, der leise schnarchte. Brauner hatte sich in der Nacht hereingestohlen und aufs Bett gelegt.
Ich lag da, hörte sah fühlte, spürte meinem Körper nach, der sich äußerst frisch und klar anfühlte, sehr leicht, und merkte, dass ich  – glücklich war. Ich konnte das wissen, weil ich das insgesamte Gefühl, das ich grade so hatte, mit anderen Gefühlen, zugegeben aus meiner Jugendzeit, vergleichen konnte.
So fühlte sich Glück an.
Das hatte ich schon lange nicht mehr gefühlt, ganz sicher nicht nach den Begegnungen mit Whatshisname, dem Vampir und Klinikmanager, und überhaupt in München nicht.

Aber hier und jetzt.

Und wie das so ist mit dem Glück: in dem Moment, wo man‘s merkt, vergeht es schon wieder und macht anderen Gefühlsschattierungen Platz: jetzt zum Beispiel fühlte ich die Anspannung in meinen Beinen, die ich wegen Brauner nicht ausstrecken konnte, merkte, dass ich dringend aufs Klo musste, wollte Matti nicht wecken, den Moment noch nicht verlassen, und da drehte sie sich um, schlug die Augen auf, sah mich, lächelte, sagte: “Ah, da bist du ja!“, und drehte sich um, raus aus dem Bett: “Entschuldige, ich muss aufs Klo!“. Brauner setzte sich auf, dehnte sich und folgte ihr nach draußen, und ich lag da, mit ausgestreckten Beinen, lächelte die Gardine mit ihren Schattenbildern an und dachte: “Das könnte doch eigentlich immer so sein!“.

Nach einer Minute rief es aus dem Flur: “Bad ist frei, ich mach Kaffee!“, und ich dachte: “Das könnte doch eigentlich auch immer so sein“, und wälzte mich aus dem Bett Richtung Bad.

…. so fühlt sich Glück an… Wir dürfen gespannt sein, wie es weitergeht, liebe LeserIn!
Nächsten Freitag wieder, wenn es heißt: Am Hafen stand Tante Klärchen. InselSommerRoman in Fortsetzungen. Immer freitags frisch!

Kapitel 27 Mangotheorie, oder: die gute Tat trägt ihren Lohn in sich

Matti war zu ihrem Museum gefahren und hatte mich bei Tante Klärchen abgesetzt, die mal wieder nicht zu Hause war. Tschigong am Strand, nahm ich an. Ich wollte sie auch jetzt gar nicht sehen mit ihrem klaren Blick und ihrem Lächeln, das sie bekam, ich wusste es ganz genau, wenn sie mich durchschaute.
Also was?
Ich ging in mein Gartenzimmer und machte die Tür zum Garten auf: duftender Mittsommermorgen auch hier. Ich betrat den Garten, der viel größer war, als ich ihn in Erinnerung hatte, und der sich weit hinter dem Strandkorb, in dem ich mit Cara gesessen hatte, erstreckte. Auf verschlungenen Gartenwegen, die schon lange nicht mehr freigehalten wurden, bewegte ich mich Richtung Norden, ich wusste, der Garten endete erst an einer kleinen Wohnstraße, der Schlesierstraße, so genannt, weil einige Heimatvertriebene, die nach dem Krieg auf der Insel gestrandet waren, sich hier, mit Unterstützung vom Staat, kleine Siedlungshäuschen gebaut hatten, nur sechs oder sieben Häuser, bewohnt von jungen Familien mit vielen Kindern, also genau das, was die Insel damals schon brauchte: Nachwuchs.
Als ich weiterging, fiel mir ein Gebäude auf, das noch auf dem Grund von Tante Klärchen stand, nicht außerhalb, es war klein, weiß, einstöckig, mit Reetdach gedeckt, und als ich nähertrat, wurde mir klar: das ist das alte Gärtnerhaus. Hochherrschaftlich wie diese Villa, zu Kaisers Zeiten geplant und von einem Berliner Architekten gebaut, angelegt war, gab es natürlich auch ein Haus für die Gärtnersfamilie, außer Sicht, am anderen Ende des Gartens. Hier hatte der Architekt sich von den inseltypischen Häusern inspirieren lassen und sich wohl auch ein bisschen zeitgeistig ausgetobt: die Tür, sichtlich seit Jahren nicht bewegt, war jugendstilig geschwungen, organisch. Das ganze Gebäude, insular in seinen Materialien, erinnerte mich an Jugendstil-Häuser aus dem Teufelsmoor bei Bremen, wo ich studiert hatte.

Das Ganze war heruntergekommen, ich war mir nicht sicher, ob das Dach noch dicht war, drumrum war alles bewachsen, Tante Klärchen hatte irgendwann aufgegeben, sich darum zu kümmern, das war klar.

Das Gärtnerhaus. Meine Entdeckung stimmte mich froh, ich strolchte zurück zur Villa, ging hinein, Tante Klärchen rummelte in der Küche, sah mich, und – irgendwas bewegte sich über ihr Gesicht, eine Emotion, es war etwas Neues, das ich an ihr nicht kannte, sie drehte sich weg, ich begrüßte ihren Rücken, und dann drehte sie sich entschlossen wieder zu mir um: „Helene, setz dich, ich muss dir etwas sagen.“

Sie setzte sich zu mir, schenkte uns Kräutertee ein, hub an und sprach wie folgt: „Helene, du weißt doch, dass ich in der Willkommensgruppe bin, wir kümmern uns um die Flüchtlinge, die hier auf der Insel eintreffen. Und jetzt haben wir da diese zwei Familien aus Afghanistan, mit den Kindern, und wir finden keine Wohnungen für sie. Niemand will sie, die wenigen Wohnungen, auf die die Inselverwaltung ihre Hand legen kann, sind schon besetzt, und auf dem freien Wohnungsmarkt, na, du weißt ja, wie es hier aussieht. Langer Rede kurzer Sinn…“

Sie schaute mich scharf an, ich spürte, wie sie nochmal Anlauf nehmen musste, um mir zu sagen, was ich die ganze Zeit schon gedacht hatte, und was mir eine ganz wundervolle, sehr organische Lösung zu sein schien, gehtgehtgeht, wie wir in der Organisationsentwicklung gerne sagen.
Ich spüre es, wenn etwas Neues entsteht. Ich liebe dieses Gefühl.  

„Helene, ich würde die beiden Familien gerne in die Villa aufnehmen, wir haben Platz im ersten und zweiten Stock, die Einrichtungen sind noch da aus der Zeit als Kinderpension, und ich kann mich, als einzige auf der Insel, mit ihnen verständigen. Dori ist die Cousine von Farsi, weißt du ja, und bis sie Deutsch gelernt haben, hab‘ ich mich in ihre Sprache eingearbeitet. Ein Lexikon hab‘ ich schon!“
Hier hob sie ein dickes Buch vom Küchentisch und wedelte es beweiskräftig in meine Richtung. Jetzt wieder ein Blick auf mich, triumphierend, wegen des Lexikons, als sei gelingende Verständigung hier das Thema, und etwas unsicher, weil sie nicht genau wusste, wie ich mit dieser Neuigkeit umgehen würde und sie meine Gefühle nicht verletzen wollte. Tapfer auch, ich spürte, sie würde ihren Entschluss gegen mich verteidigen, wenn es nötig sein sollte, und ein wenig zittrig, denn sie hatte grade, mit über achtzig Jahren, ihr Leben auf den Kopf gestellt und sich zwei fremde Familien ins Haus geholt.

Und damit jede Menge Unruhe, Arbeit, Veränderung, Unbequemlichkeiten aller Art, unabsehbare Zukunft.

Wie sie mich so anschaute, tapfer, zittrig, trotzig auch, beseelt und erschreckt zugleich von dem Neuen, ängstlich wegen der Unhöflichkeit mir gegenüber, ach…

Ich merkte, dass Tränen in mir aufwallten, spürte, wie gerührt ich war, wie stolz auf meine alte Tante und ihre Haltung dem Leben gegenüber.

„Ich liebe dich, Tante Klärchen“, sagte ich, beugte mich vor über den Tisch und umarmte sie etwas ungelenk, „ich liebe dich!“

Tante Klärchen, der spontaner körperlicher Ausdruck von Gefühlen immer schon suspekt gewesen war, wie ich genau wusste, machte sich höflich, aber konsequent frei und schaute mich an: „Ich habe mir das alles genau überlegt, weißt du…“ – Ich merkte, wie sie zu einer vorbereiteten Verteidigungsrede ansetzte, die ich ganz unnötig fand.
„Geliebte Tante, wenn ich dich an dieser Stelle unterbrechen darf: alles wird gut, ich weiß, dass du dir das überlegt hast, und ich will dir gerne helfen, das zu organisieren!“
Erleichterung, Glättung ging über ihr schönes altes Gesicht wie ein Sonnenaufgang, sie zog ein Taschentuch aus ihrem Ärmel, scheußliche Angewohnheit, wie ich fand, tupfte sich die Augenwinkel und setzte wieder an zu sprechen.

Ich merkte zu meiner Verwunderung, dass ich noch nicht fertig war: „Ich will hierbleiben“, hörte ich mich sagen, „hier auf der Insel, Tante. Ich weiß noch nicht, wie das gehen kann, aber ich kann nicht im Gartenzimmer wohnen, ich hab‘ das Gärtnerhaus gefunden, könntest du dir das vorstellen, Tante? – Matti sagt, ich finde Arbeit hier, wenn ich schaue, was gebraucht wird, und vielleicht hat sie ja recht, ich will es gerne probieren!“
Nun war es raus, ich atmete aus, setzte mich zurück auf der Küchenbank und lehnte mich an, schaute Tante Klärchen in die Augen, wir beide etwas durchgeschüttelt und, wie mir schien, beide etwas erstaunt über die Geschwindigkeit, die wir da entwickelt hatten. 

Mein alter bremer Prof fiel mir ein, mit seiner absolut hausgemachten Mangotheorie der Veränderung: „Wenn‘s reif ist, geht’s ganz schnell“, pflegte er zu sagen, „wie der Kern aus der Avocado flutscht. Aber wenn‘s nicht reif ist, dann geht’s gar nicht, wie der Kern aus der Mango. Daher Mangotheorie.“

Ich musste lachen, Tante Klärchen sah mich erstaunt an, langsam machte sich ein Lächeln heimisch auf ihrem Gesicht.
„Ach, du Süße“, sagte sie, „du hast das alles schon gewusst, oder? Du kannst zwei und zwei zusammenzählen, du siehst die Möglichkeiten, du hast den Blick dafür!“

Später saßen wir im Salon, Meditation, möge ich glücklich sein, möge ich frei sein von Leid, möge ich Heilung finden, möge ich Frieden erfahren. Ich atmete, dachte an mich, an Matti, an Tante Klärchen und an den armen KK, und hatte ein deutliches Gefühl von Lösung, Erweiterung, zur-Ruhe-kommen.

28  Wovon man nicht reden kann, davon soll man schweigen

Frau Petersen erschien, und Tante Klärchen hatte viel mit ihr zu besprechen, denn sie wollte die oberen Stockwerke wieder öffnen und bereit machen. Außerdem stand, anscheinend unangekündigt, Siegesmund vor der Tür, den sie kurzerhand in den Garten verfrachtete, mit mir und einem Auftrag. „Stell doch die Gartenmöbel wieder auf, wie wär‘s, rund um den Strandkorb, ja? Ich komme später dazu, wenn ich mit Frau Petersen durch bin!“

Und so kam es, dass ich mit Sigi im Schuppen rümmelte, den Holztisch und die Gartenstühle fand, zwei alte Sonnenliegen gleich mit, außerdem Beistelltischchen, Tante Klärchen ist gern eingerichtet, auch draußen. Es waren alles alte Teakholzmöbel, heute schon lange nicht mehr pc, aber mit dem Vorteil der enormen Langlebigkeit. Grau abgeschilfert das Holz, alles etwas schwer, aber edel, recht groß und ziemlich bequem. In einem Kasten waren große Kissen, erstaunlich frisch, maritime Blockstreifen, weiß-blau, weiß-grün, weiß-gelb und, weil Tante Klärchen es wohl so wollte, weiß-pink. Die Tischdecke hatte bunte Punkte, alles war fröhlich, sommerlich, bisschen altmodisch-solide, eingerichtet.
Frau Petersen brachte den roten Tee in einer Glaskaraffe und dazu Gläser, außerdem kleine Mürbteig-Törtchen mit einer Füllung aus Trockenobst, warm, mit heißer Vanillesoße dazu. Also praktisch kalorienfrei.
Wir setzten uns, Sigi griff zu, als hätte er heute noch nichts gegessen, und ich begriff schnell, dass das Futter für ihn bestimmt war, nicht für mich. Tante Klärchen kennt ihre Pappenheimer.
Nachdem er mir seinen Morgen erzählt hatte, begriff ich außerdem, dass er wirklich noch nichts gegessen hatte: er war frühmorgens rausgeklingelt worden von dem Zuständigen im Rathaus, der ihn bat, zur provisorischen Unterkunft für die neuangekommenen afghanischen Familien zu kommen: es hatte Streit gegeben,  zwei Männer waren aufeinander losgegangen, man wollte möglichst nicht die Polizei holen, sondern die Sache zivil und friedlich klären.
Schnell wurde deutlich, dass die Menschen höchst gestresst waren und sich nicht gut genug verständigen konnten: die früher angekommenen Flüchtlinge aus Syrien und die neu angekommenen afghanischen Familien hatten einfach nicht genug Raum in der Herberge. Siegesmund schaute mich an: „… und du weißt ja, wie Männer im Stress dann so sind…“
Er war dazugekommen, und weil er respektiert wurde, für viele der jungen Männer eine Art Vaterfigur war, konnte die Situation sich schnell beruhigen. Entschuldigungen wurden ausgetauscht, Ruhe kehrte ein.

„Ich bin froh, wenn wir die Lage entzerren können,“ sprach er, und ich erkannte seine typische Art, viel zu sagen, ohne sich auf konkrete Details festzulegen.
Er will rausfinden, ob du schon weißt, was Tante Klärchen beschlossen hat.

Ich schaute ihm direkt in die Augen und sagte verständig: „Wie gut, dass es Tante Klärchen und die Villa gibt, und schließlich ist Dori ja auch die Cousine von Farsi!“ Er entspannte sich sichtlich und lächelte zurück: “ Ja, das ist wohl wahr, und…“ Ich erkannte mein Stichwort und ergänzte: “… ich will ihr gerne dabei helfen.“

Jetzt war Sigis Glück komplett und er ergriff, nein, nicht meine Hand, sondern das nächste Törtchen, biss herzhaft hinein und kaute mit Blick in den Garten, Richtung Gärtnerhaus.

Nicht doof, der Sigi. Also los.

„Siegesmund, ich habe Tante Klärchen eben gesagt, dass ich gerne hierbleiben möchte, auf der Insel. Ich brauche natürlich eine Arbeit, und vielleicht kann ich das Gärtnerhaus wieder herrichten, um dort zu wohnen.“

„Helene, das freut mich wirklich sehr zu hören. Und es gibt auf der Insel im Moment viel zu organisieren, ich frage mich… äh, can I get back to you on this?“

Ich war verblüfft, normalerweise war es Tante Klärchen, die englische Brocken in die Unterhaltung einstreute, aber bitte: „Ja, natürlich kannst du darauf zurückkommen, wenn du möchtest, Sigi! Anytime!“

„Gut, Helene, dann noch zu einem anderen Thema, wenn ich darf?“

Ich mochte die Art, wie Sigi konzentriert Unterhaltungen führte, den Smalltalk möglichst reduzierte, und immer schon nachgedacht hatte, bevor er etwas sagte. Und wenn er noch nicht nachgedacht hatte, um Bedenkzeit bat.

‚Kennzeichen von Professionalität: wenig inhaltloses Gerede‘, wie mein Prof immer gesagt hatte. 

„Helene, ich mache mir Sorgen um KK, beziehungsweise um Elena. Der Broder kann heute noch nicht auf die Insel kommen, es ist ein weiterer Sommersturm angekündigt, die kleinen Maschinen werden heute nicht landen können, und auch die Schifffahrt fällt wohl aus. Ich habe lange überlegt, und, das ist es eben, ich komme nicht weiter. Etwas stimmt nicht, ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache, und gleichzeitig kann ich rational kaum etwas sagen…“ Ich merkte, wie er wirklich an seine Grenzen kam: seine Intuition sagte ihm, dass etwas nicht stimmte, und sein Verstand konnte ihm die Fakten dazu nicht liefern. Sigi war aufgeschmissen. 

„Siegesmund, ich glaube, mir geht es ähnlich. Ich habe außerdem dauernd das Gefühl, dass es da etwas gibt, das ich wissen könnte, aber nicht weiß. Es liegt mir auf der Zunge, sozusagen…“
Er schenkte mir eines seiner aufblitzenden Lächeln: „Genau.“

Wir schauten uns an, Ruhe senkte sich über den  Garten, wovon man nicht reden kann, davon soll man schweigen, die Zeit fing an, sich zu dehnen, wir atmeten aus im Garten, wo die Vögel singen und die Blumen blühen und die Fruchttörtchen im Angebot sind, und dann wurde geräuschvoll ein Fenster geöffnet, Frau Petersen rief irgendwas, und der Staubsauger ging an.
Hausarbeit.
Siegesmund zuckte zurück in seine Form, raffte sich zusammen und setzte zur Flucht an. Dies hier war nicht sein Revier, die Gartenruhe war zu Ende, die Törtchen auch, es war Zeit für ihn zu gehen.

Als er sich erhob, kam Tante Klärchen herbeigeflattert, Blick auf den Tisch, „Siegesmund, möchtest du schon gehen, kann ich dir noch etwas bringen, wir haben noch Törtchen mit herzhafter Füllung, vielleicht?“

Ich sah ihn zögern, sichtlich hin- und hergerissen zwischen der kulinarischen Verlockung und seiner Aversion gegen hausarbeitsbedingten Lärm.
„Wir setzen uns in den Salon, da hört man nichts aus dem zweiten Stock, Gottseidank!“

Damit hatte Tante Klärchen den Tag gerettet, Siegesmund zog ins Haus, wir beide in die Küche, um die nächste Lage Törtchen aufzuwärmen, diesmal mit Fleischfüllung: „Englische Marke, hab‘ ich immer im Haus, das ist so praktisch, wenn man schnell was Definitives braucht!“ Tante Klärchen war glücklich, dass sie ihren Freund versorgen konnte, dass ihre Vorratshaltung gut genug war, dass ihr Haus ruhige Zonen hatte. Sie ergriff ein Glas Pepperonata: „Wärm das schnell auf im Töpfchen, und dann hier in die Sauciere, das passt gut dazu!“ 

Als wir mit unseren Tabletts in den Salon kamen, herrschte dort Ruhe und Frieden, Siegesmund hatte die Sandalen ausgezogen, lag auf dem Sofa, die Augen geschlossen, der Atem regelmäßig, ein Kissen im Arm, und schlief den Schlaf des Gerechten. 
Tante Klärchen sah die Szene, lächelte und klapperte skrupellos mit dem Löffel auf dem Teller.  Siegesmund fuhr auf, erkannte, dass Nachschub im Anmarsch war, und setzte sich in Position. Essen im Salon, eine Seltenheit, beglückt gewürdigt vom hungrigen Gast.

Als er satt war, hatte er Zeit gehabt zum Nachdenken: “Helene, darf ich dich bitten, würdest du noch einmal zu Elena fahren, allein diesmal, und es einfach alles nochmal auf dich wirken lassen? Vielleicht kann dir Clara einen lunch für Elena einpacken, damit sie nicht kochen muss und ihr zusammen essen könnt? Mir fällt nichts Besseres ein, wir wissen noch nicht genug und du kannst deine feingetunte Wahrnehmung nochmal auf die Situation legen…“

Deine feingetunte Wahrnehmung, was der alles weiß…

Sie sahen mich beide an, im Einklang, Tante Klärchen und Sigi, ich konnte natürlich nicht nein sagen, und so war es beschlossene Sache. Was ich bei Elena sollte, außer essen, war nicht klar, aber gut, vielleicht würde es ja Klarheit bringen. Der Vorteil war natürlich, und ich wusste, dass Siegesmund das so gesehen hatte: ich war fremd und doch zugehörig, verdiente Vertrauen, war aber gleichzeitig von außerhalb, das heißt, erklärungsbedürftig. Eine gute Position, um, ja, was? – Die Intuition schweifen zu lassen, nun gut.

Als ich umgezogen war, hatte Tante Klärchen einen lunch gerichtet, ihre fleischhaltigen Mürbteigtörtchen-Vorräte mussten mittlerweile geplündert sein, und auf diese Weise kriegte ich auch noch was davon ab.  Die gute Tat trägt ihren Lohn in sich, sag ich immer.

Helene darf ihre feingetunte Wahrnehmung noch einmal auf die Situation legen… hoffen wir das Beste, liebe LeserIn! Der InselSommerRoman, nächsten Freitag wieder frisch!

29 Es gibt nichts

Auf der Fahrt ins Inseldorf, in dem Elena lebte, fühlte ich mich plötzlich wieder wie in der Klinik, wenn ich da ein Gespräch leiten musste.

Ich nahm Anlauf.
Ich machte mich leer. Ich löste mich von meinen Erwartungen und vertraute darauf, dass mir zur richtigen Zeit schon das Richtige einfallen würde. Ich hatte keinen Plan außer dem, mit dem Fluss zu schwimmen, wohin auch immer der mich tragen mochte.
„Entwicklungen passieren von selbst“, pflegte unser Prof zu sagen. „Man muss nur aufpassen, dass man sie nicht stört.“
Also, dachte ich, wenn’s da etwas zu merken gibt, etwas zu verstehen oder etwas rauszukriegen, dann wird es sich dir schon zeigen, auf irgendeine Weise. Glaub nur nicht, dass du irgendwas schon vorher weißt. Vertrau auf den Prozess. Sei offen, sei da.

Helene, professionell.

Kies knirschte auf der Einfahrt zu Elenas Haus, außer meinem Silberpfeil kein Auto, kein Fahrrad, kein Zeichen, dass schon jemand da war.

Still ruht der See.

Ich nahm diese Stille als Zeichen, als Inspiration, selbst auch still zu werden und ruhig. Ich klopfte an der Tür, die keine Klingel hatte, mehrfach, keine Reaktion in dem stillen Haus.
Auf der Insel kann man die Häuser einfach betreten. Man geht rein, die Türen sind immer unverschlossen, und bleibt dann stehen und ruft. Gilt natürlich nur für Eingeborene, diese Regel, und die Zeiten, in denen das völlig üblich war, gingen ihrem Ende entgegen, aber immerhin: dies war ein traditionelles Inselhaus. Also Tür öffnen, war wirklich unverschlossen, und eintreten. Und rufen: “Elena? Hallo? Bist du da? Ich bin‘s, Helene!“ – Nichts.

Vielleicht war sie nicht da. Konnte ja sein. Ich überlegte, was ich mit meinem Lunchpaket anfangen sollte: da lassen? Oder, besser, selber essen?

Da hörte, ich, wie hinten im Haus eine Tür geschlossen wurde, leise Schritte bewegten sich in meine Richtung. Ich rief noch einmal: „Hallo, Elena?“, die Schritte stockten, dann, lauter und selbstbewusster, kamen sie schnell auf den Flur zu, in dem ich stand. Elena erschien, sie wirkte etwas erschreckt, Hände rieben an der Schürze, was war da dran? Im dunklen Flur konnte ich nichts erkennen, aber die Bewegung war so heimlich, so verstohlen. Elena erkannte mich, wirkte irgendwie enttäuscht, abwehrend, sie wollte mich nicht hier sehen, mein Besuch war nicht willkommen. Ich tat so, als bemerkte ich das nicht, und grüßte sie von meiner Tante, von Matti, von Siegesmund, von Computerladen-Erk, hier war endlich eine Reaktion, der war mit KK verwandt, hier war eine Verbindung, die sie anerkannte.

„Wir haben uns grade getroffen“, log ich, „Erk war sehr traurig und sendet dir, äh,  seine herzlichsten Grüße, er wollte wissen, wie es dir geht, genau, deswegen bin ich hier, Tante Klärchen hat mir einen lunch für dich eingepackt, damit du nicht kochen musst, Erk wäre gerne mitgekommen, aber er muss ja im Laden sein, hilft ja nichts…“ Ich redete wie ein Wasserfall, benutzte die Verbindung mit Erk und die landesübliche Formel hilft ja nix, log, dass sich die Balken bogen, alles, um dableiben zu dürfen, um eine soziale Verpflichtung für Elena herzustellen, mit mir zu Mittag zu essen. Ich brauchte die Eintrittskarte, die sie mir nicht geben wollte.

Warum nicht?

Weil sie schon fast nicht mehr da ist. Das alles zählt schon fast nichts mehr.

Was tun?

Frechheit siegt.

Ich ging, immer weiterredend, an ihr vorbei, voran in die Richtung, aus der sie gekommen war, in der ich die Küche vermutete, Inselhäuser sind sich da alle sehr ähnlich.
Die Lösung, das spürte ich, war da, wo ich nicht hingehen sollte.
Elena war meiner Dreistigkeit nicht gewachsen, sie stolperte hilflos hinter mir her, redete viel zu leise für meinen entschlossenen Wortschwall, kam nicht an mir vorbei im dunklen schmalen Gang, und schon stand ich in der Küche.

Die Küche wirkte unaufgeräumt, irgendwie nicht sauber, gleichzeitig unbenutzt. Wie in einem alten Haus, dachte ich, in dem die Hausfrau einfach nicht mehr alles machen kann, aber zu stolz ist, eine Putzfrau zu beschäftigen oder ihre Tochter oder Enkelin um Hilfe zu bitten. Aber nein: hier wurde gar nichts gemacht, seit längerem schon.

Auf dem Küchentisch, der tatsächlich von einer Wachstuchtischdecke bedeckt war, lag eine Pflanze, gar nicht klein, ein Strauch, komplett mit Wurzeln und Erdreich. Sah aus wie grade aus dem Garten ausgegraben.  

Das war das einzige, was hier seit einiger Zeit passiert zu sein schien: die Pflanze war frisch, sie kam grade aus dem Garten. Irgendwie hatte ich nicht das Gefühl, Elena hätte sie zum Essen ausgegraben. Ich erkannte die Pflanze nicht.  

Da spürte ich etwas in meinem Rücken, Elena war hereingekommen und stand jetzt hinter mir, nah, zu nah. Etwas wie eine Wucht war hinter mir, als würde ich rückwärts gegen eine Wand fahren. Schier unmöglich, mich umzudrehen, aber es musste sein.

Ich musste wissen, was da war.

Mühsam, mit schweren Gliedern, wie gegen einen Widerstand, drehte ich mich um, so schnell ich konnte. Ich bewegte mich dabei nicht von der Stelle, weil mir nicht klar war, wie viel Raum ich wirklich hatte.

Da stand Elena, einen halben Kopf kleiner als ich, direkt vor mir und schaute mich an.

In ihrem Blick war eine Intensität, die ich erst nicht deuten konnte, körperlich spürbar, als käme ein Lastwagen direkt auf mich zu. Sie starrte mir in die Augen.

‚Ungewöhnlich‘, dachte ich noch, und dann riss es mich fast von den Füßen, so stark war mein Fluchtimpuls, der ganz plötzlich einsetzte. Jetzt hatte ich auch ein Wort für das, was ich da erlebte: Wut.

Das war pure, ungefilterte Wut, die mir da entgegenschlug. Elena hätte mich umbringen können. Sie sagte nichts, atmete schwer, aber kontrolliert, und plötzlich verzog sich ihr Gesicht, sah irgendwie verächtlich aus, Mundwinkel gingen nach unten, als röche sie etwas Ekliges, die Intensität nahm, falls das überhaupt möglich war, noch weiter zu, und ich reagierte wie im Traum, es fühlte sich an wie in Zeitlupe: ich fuhr meinen Arm aus, schob sie damit zur Seite, schaffte mir Raum. Den Arm gegen Elena gedrückt, die nicht von der Stelle wich, stand ich da. Sie hatte beide Hände – abwehrend, anklammernd? – in meinen Unterarm gekrallt, schaute auf ihre Hände, während ich auf ihren gesenkten Kopf vor mir schaute. Wir beide atmeten schwer, die ganze Szene, so intensiv und körperlich spürbar sie war, erschien mir irgendwie irreal, da war etwas, von dem ich nicht wusste, was es bedeutete.

Ich mag sowas nicht. Unklarheiten, noch dazu, wenn sie mit körperlichem Ausdruck einhergehen, sind mir unangenehm, suspekt, lösen Fluchtimpulse in mir aus.

Schließlich hob Elena ihren Kopf, schaute mir in die Augen, und ich sah, dass sie weinte. Das änderte alles. Ich hatte meine Regieanweisung, wusste, was zu tun war.

Ich legte meinen freien Arm an ihre Schulter, wurde locker, bewegte mich ganz leicht Richtung Küchentisch mit Wachstuchdecke hinter Elena. Sie hielt immer noch meinen Arm, aber jetzt stützte sie sich auf mich, ließ sich drehen, an den Tisch dirigieren, setzte sich schwer auf einen Stuhl. Ich setzte mich über Eck ihr gegenüber, sie hielt immer noch meinen Arm wie ein Kind, wie eine Blinde, wie ein Mensch, der dringend Kontakt braucht, und Führung. Und Nähe. Und Trost. Und alles.

Sie hob ihr Gesicht zu mir, klein und eingesunken, wie sie da saß, und schaute mich aus großen, blassblauen Augen an. „Immer war ich so allein“, sagte sie. Und dann brach die ganze Geschichte aus ihr heraus. Wie sie gekommen war, wie sie voller Hoffnung war und so gerne ein Kind gehabt hätte. Und wie sie spürte, dass alle sich vor ihr zurückzogen, je länger sie nicht schwanger werden konnte, je weniger Hoffnung man hatte.

„KK braucht mich nicht, die Schwiegereltern brauchen mich nicht“, sagte sie. „Niemand braucht mich.“

Sie wischte sich durchs tränennasse Gesicht. „Alle reden immer bisschen mit mir, dann gehen sie. Es gibt nichts, es gibt nichts…“ Sie verlor sich in ihrem Kummer, redete weiter, und ich verstand: niemand hatte Beziehung mit ihr aufgenommen. Immer mehr wuchs die Erkenntnis in ihr: ich bin ganz allein. Ohne ein Kind bin ich hier ganz allein, und nichts kann sich daran ändern, solange ich kein Kind habe.

Wie wird es weitergehen mit Helene und Elena am Küchentisch?
Der InselSommerRoman, nächsten Freitag wieder frisch!

30 Niemand

Elena weinte bitterlich am Küchentisch, und ich hielt ihre Hand, fand kein Taschentuch, sah ihr zu, wie sie sich grob über Gesicht und Nase wischte, nicht-achtend. Ihr Leid wuchs in mir, und plötzlich wurde mir klar, dass ich sie gesehen hatte, wie alle sie gesehen hatten, nämlich: gar nicht. Sie war eine Fremde, ich hatte ihr misstraut, ihr alles zugetraut, und sie nicht wahrgenommen. In unserer ersten Begegnung hatte ich die fehlende Trauer gesehen und falsch interpretiert. Ich war bereits beeinflusst gewesen von der Distanz, die alle hier zu ihr hatten, und dem Misstrauen, das in der Distanz wächst.

Ich konnte nichts für sie tun als da sein, während sie weinte. Ich wusste, aus Sicht ihrer Inselfamilie hatte Elena einen unausgesprochenen Vertrag gebrochen, den Vertrag, dass sie für Kinder sorgen würde, die nächste Generation zur Welt bringen und aufziehen würde. Die Jahre vergingen, und sie kam immer mehr in eine Art Bann: sie durfte da sein, aber sie wurde nicht beachtet, nicht be-freundet. Da sie ihre Funktion nicht erfüllte, war sie der Familie, dem Clan ihres Mannes etwas schuldig geblieben und wurde nun zu Recht bestraft. Einfach durch eine Art Nicht-Achtung, die nie benannt wurde, nie ausgesprochen wurde, und die sozial sehr einfach durchzuführen und auch über lange Zeit durchzuhalten war. Elena war ein Paria geworden. Sie war niemand.

Nach einer Zeit versiegten ihre Tränen, sie hielt sich immer noch an meinem Ärmel fest, und ich fragte: „Wie geht es weiter für dich, Elena?“ Hier war sie auf festerem Grund, sie richtete sich auf und schaute mich an: “Der Broder kommt, wir verkaufen das Haus von uns, dieses hier, und der Broder behält das Elternhaus. Ich glaube, er will Ferienhaus draus machen. Ich fahre zurück, ich fahre heim, siehst du?“ und hier fasste sie das krautige Teil an, das auf dem Küchentisch lag: „Eine Hellebore, siehst du? Vom Garten meiner Eltern. Ich nehme sie wieder mit und pflanze sie wieder ein, zuhause.“ Zuhause. Die Pflanze auf dem Küchentisch, die ich schon für eine Giftpflanze gehalten hatte, war eine Hellebore, von zuhause. Ich schämte mich ein bisschen, sogar diese Pflanze verdächtigt zu haben. Ich wünschte Elena Glück und verabschiedete mich. Sie wollte mir danken, und ich machte, dass ich wegkam.

Auf der Flughafenstraße fuhr ich viel zu schnell, bis ich es merkte. Dann nahm ich Gas weg.
Fahr in die nächste Anliegerstraße, halt an.
Ich hielt an einer kleinen Zufahrstraße für ein neugebautes Haus, in abfahrbereiter Position, falls jemand kommen sollte, fuhr alle Scheiben runter und stellte den Motor aus.  Luft. Ruhe. Um mich herum, auch aus dem Auto gut wahrnehmbar, duftender Sommertag, kein Wind, Vögel sangen, das Meer war nah, ich hörte ein Rauschen, nein, das Rauschen war in mir. Es hämmerte, auch in mir. Mein Herz schlug laut und deutlich bis in den Hals, als wäre ich gerannt. Es rauschte mir in den Ohren. So einer Intensität war ich noch selten begegnet, ich konnte körperlich spüren, was das in mir ausgelöst hatte. 
Beruhigen – ans Meer.
Ich ließ den Motor wieder an, stellte den Bildschirm des Silberpfeils auf Navi, und fand die nächste kleine, unbenannte Anliegerstraße, die kurz vor dem Meer endete. In der Hoffnung, dort einen Parkplatz und einen Zugang zum Strand zu finden, holperte ich die Straße entlang, die eher ein Feldweg war, und parkte, wo der Feldweg auslief und ein wenig Platz am Rand war. Kein Haus zu sehen, aber ein kleiner Trampelpfad zum nahen Meer.
Neben mir auf dem Beifahrersitz war Tante Klärchens Stofftüte mit dem lunch für Elena, aber beim Gedanken an den Inhalt wurde mir fast übel. Ich wollte dieses Essen nicht. Ich nahm eine meiner Flaschen mit Zuckerwasser aus dem Kofferraum und ging los, ein wenig bergan durch die Düne, und siehe da, ich stand auf dem Deich, hier recht hoch und enorm befestigt, steiler Abhang, dick schwarz geteert,  nur ein ganz schmaler Fußweg auf der Deichkrone, und davor: Wasser, soweit das Auge reichte, am Horizont die Halligen, strahlender Sonnenschein zwischen hohen dunklen Wolken, grade mal recht wenig Wind, obwohl ich spürte, dass der bald kommen würde. Wenn der Regen aus diesen Wolken bricht, bist du besser wieder im Auto‘, dachte ich, und dann würgte es mich, ohne Vorwarnung, ich beugte mich nach vorne, keine Sekunde zu früh, und erbrach mich in die Dünen. Einfach so. Zweimal gewürgt, dann war alles draußen, ekliger Geschmack im Mund, aber da war ja noch die Flasche Zuckerwasser, die ich bei alldem in der Hand behalten hatte. Mund mit dem Ärmel abgewischt, auch nicht schön, aber hilft ja nix, Zuckerwasser hinterhergeschüttet, das Ganze hatte keine zwei Minuten gedauert.
Ich ging ein paar Schritte, weg von dem, was ich da im Dünengras hinterlassen hatte, richtete mich wieder auf, Blick aufs Meer, und siehe da: es ging mir deutlich besser. Als ob ich mich von einem Gift befreit hätte.
Du hast da etwas zu dir genommen, das du nicht bei dir behalten wolltest.
Es war Elenas Gefühlssturm, den ich  nicht verarbeiten konnte, den ich auskotzen  musste, um mich davon zu befreien. Jetzt ging es besser, ich bewegte mich ein wenig, nicht zu weit von dem Durchschlupf weg, der schon nach ein paar Schritten nicht mehr zu sehen war. Ich war allein hier, Möwen kreisten über mir auf dem Weg ins Inselinnere, und ich erinnerte mich: “Wenn die Möwen aufs Land ziehen, kommt der Sturm“.
Zeit, nach Hause zu fahren.

31 Rosé brut

Ich kam zurück in die Mehmelstraße, parkte den Silberpfeil in der alten Garage und trollte mich durch den Garten, Ziel Gartenzimmer, um mich ein wenig in der Horizontalen zu beruhigen. Als ich um die Rhododendronecke bog, sah ich Tante Klärchen auf einer der Gartenliegen ruhen, im Haus war es still, Frau Petersen offenbar entschwunden, auch der Optimizer nicht zu sehen. Ruhe und Frieden.
Tante Klärchen schien zu schlafen, sie trug eine weite Baumwollhose und ein irgendwie indisch anmutendes Oberteil, im Grunde ein langes Hemd, mit kleinem Stehkragen, alles in blau. Die Füße steckten in Pantöffelchen, züchtig gekreuzt lagen sie auf dem Polster der Liege, und dieses war pink-weiß gestreift. Ich musste lächeln, einfach weil das alles hier so schön war, bequem, alt, sorgfältig bedacht, und irgendwie ein so… menschliches Maß hatte. Tante Klärchen hatte sich ihr weißes Halstuch so ein bisschen übers Gesicht gelegt, als Schutz für den Schlaf, und nun regte sie sich leise, nahm das Tuch von den Augen, blinzelte und sah mich: „Setz dich zu mir, meine Liebe, komm, hier steht der rote Tee, trink was und erzähl! Wie wars bei der Witwe?“
Ich trat näher, neben Tante Klärchens Liege war einer ihrer kleinen runden Gartentische, darauf eine Glaskaraffe mit schreiend roter Flüssigkeit und zwei Gläser. „Das ist Karkadee, gibt’s in Ägypten überall, ist wie Hagebuttentee, koste!“ Ich setzte mich auf den Gartenstuhl neben ihrer Liege, kostete Karkadee, der kalt war, erfrischend, lecker, könnte ich den ganzen Sommer trinken, und dachte: ‚Den wirst du den ganzen Sommer trinken.‘  
Ich legte meine lunchtüte auf den Tisch, atmete aus, schaute Tante Klärchen an und sagte: „Ich hab‘ mich ins Bockshorn jagen lassen. Ich hab‘ Elena verdächtigt und kannte sie gar nicht. Ich schäme mich ein bisschen deswegen. In Wirklichkeit ist sie ein ziemlich armes Wesen, das nur noch nach Hause will. Ich glaube, sie haben sie niemals reingelassen in die Familie, und weil KK und sie keine Kinder hatten, ist sie hier niemals wirklich angekommen. Sie war niemand, weißt du?“

Ich schaute Tante Klärchen in die Augen, wollte dringend, dass sie mich verstand, wusste, dass meine Geschichte etwas rumpelig rausgekommen war, aber ich brauchte eine Verbündete, ich brauchte jemanden, der sich nicht der allgemeinen Sicht auf die  fremde Elena anschloss, ich brauchte eine mitfühlende Seele, damit ich nicht allein war mit meiner Scham, mit meinem Erstaunen, dass alles anders war als gedacht. Tante Klärchens klarer Blick ruhte ruhig auf mir und ich sah, wie all die kleinen zarten Fältchen in ihrer leicht gebräunten, dünnen Haut sich langsam vertieften, ein Kranz erschien um ihre Augen, ein Strahlen legte sich auf die Welt, eine Welle der Wärme, die auf mich zukam und mich einhüllte wie die Sonne in diesem grünen stillen alten Garten. Ich merkte, dass ich weinte, ich atmete tief aus und konnte ruhig werden, erleichtert, wieder in Ordnung die Welt.
Tante Klärchen hatte nichts gesagt, ich schenkte mir nochmal von dem roten Tee ein und merkte, dass ich hungrig war.
Was war da nochmal in dem Lunchpaket? Ich griff danach, packte es aus, Törtchen mit Fleischfüllung, na also, und dazu in einer Tupperware eine Art blassrote Sosse, egal, ich war dabei. Ich stippte Törtchen in Tupperwarensoße, fruchtig lecker, Tante Klärchen ließ sich zum ersten Mal vernehmen: „Ist Cocktailsauce, Liebes, aus Majo und selbstgemachtem Ketchup.“ Mir wars recht, und nach dem zweiten Törtchen konnte ich mich zurücklehnen, entspannen, ankommen.
Tante Klärchens Blick ruhte noch immer auf mir, und ich lächelte sie an.

Ich war wieder bei mir.
„Es ist alles anders als gedacht, weißt du?“

„Ja,“ sagte Tante Klärchen, „und du hast es gesehen, nicht wahr? Dein Blick ist ungetrübt, und du hast dir selber ein Bild gemacht. Dein Bild, nicht wahr?“

„Ja,“ sagte ich, plötzlich, wenn irgend möglich, noch erleichterter als sowieso schon, „Ja, ich bin so froh, dass ich da war. Sie hat ziemlich gelitten, die Elena, über die Jahre, weißt du?“

Tante Klärchen schaute mir wieder ganz ruhig ins Gesicht.

„Wir sind eine kleine Gemeinschaft hier, Schäfchen, und in Teilen eine sehr enge Gemeinschaft. Da kann es leicht passieren, dass ein Gedanke, eine Stimmung, eine Trübung sich von Mensch zu Mensch fortpflanzt und sich einnistet in den Seelen, auch wenn sie gar keinen realistischen Boden hat. Kleine Gemeinschaften, die ein Stück weit isoliert sind, funktionieren so. Insel, weißt du? Das Neue, das Realistische hat es manchmal nicht leicht, gesehen zu werden, vor all dem Alten, all dem Immer-so-gewesen.“

Sie drückte sich altertümlich aus, die Tante, aber ich wusste, was sie meinte. Group think. Gruppen mit zu wenig Input von außen, und Gruppen, die zu wenig Unterschiede zwischen den einzelnen Mitgliedern haben, werden mit der Zeit immer enger im Denken, sie heben ab von der Realität, sie teilen gemeinsame, selbstgemachte Illusionen über die Wirklichkeit.

„Homogene Gruppen werden dümmer“, wie mein Prof zu sagen pflegte, einer seiner unvergessbaren Sätze.

„Wenn du hierbleiben willst, Helene“, sagte die Tante in den Garten hinein, mit Blick in Richtung Gärtnerhaus, „dann können wir deinen Blick von außen gut brauchen hier. Du kannst klar sehen, und du kannst das Neue organisieren!“.  

Das Neue organisieren. Was sollte das bedeuten? Tante Klärchen redete manchmal so wie der Organizer, wenig gesagt, viel gemeint.
Das Neue organisieren. Die Flüchtlinge fielen mir ein. Die Neuen in Tante Klärchen Villa. Ich wollte nicht bloß die zwei afghanischen Familien in Tante Klärchen Villa organisieren. Außerdem, wie sollte das ein Arbeitsplatz sein, wer sollte das bezahlen. Das Neue organisieren. Organisieren konnte ich, das hatte ich gelernt. Gruppen, Gemeinschaften, das Neue, der klare Blick… ich schaute in die grüne Ferne. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Es würden mehr Flüchtlinge auf der Insel ankommen, hier gab es eine Organisationsaufgabe, ganz klar. Das Neue organisieren. Ganz genau. Das war das Neue, das organisiert werden musste.

Tante Klärchen ließ sich in meine Gedanken hinein vernehmen: „Siegesmund sagt, sie werden eine Stelle ausschreiben, in der Inselverwaltung, für einen Flüchlingsbetreuer, wie sie das nennen. Das wird offenbar finanziert, viele Städte bekommen das jetzt. Und die Insel eben auch.“

Ich schaute sie an. Sie hatte ihre Brauen leicht hochgezogen, mehr Falten auf der Stirn, abwartender Blick, Lächeln um die Lippen, Köpfchen leicht geneigt, na?

Ich atmete ein, ich atmete aus.


„Na, da werde ich mich mal bewerben. Organisieren kann ich, und Verbindungen kann ich aufbauen, dank dir und Siegesmund und …“ hier spürte ich, wie ich ein wenig verlegen wurde. Da war ja noch etwas anderes Neues, das Tante Klärchen noch nicht wusste.

Jetzt lächelte sie enorm breit, als hätte sie den Jackpot geknackt, fast schon unverschämt, triumphierend, und wackelte hin und her mit dem Kopf. Also echt. Eine alte Frau sollte sowas nicht können.

„Ha!“ schrie sie, „Ha! Yes!“ und stieß mit der Faust an der ausgestreckten Hand nach oben. „You did it!“ Sie wirkte regelrecht begeistert. „I knew it!“ schrie sie, und ich fand mich etwas konsterniert. Ich fühlte mich seltsam prüde neben dieser alten Frau, die vierzig Jahre älter war als ich und sich über meine neue Erfahrung mit Matti hier auf ihrer Gartenliege beömmelte.  

Tante Klärchen setzte sich auf, mit erstaunlichem Schwung, und sagte: „Bin gleich zurück,“ bevor sie flotten Schrittes und mit wehenden Armen in Richtung Haus segelte. „Don’t go away!“ rief sie noch über die Schulter.

Ich blieb sitzen, spürte mich grinsen, hatte ein Gefühl, als ob sich etwas in mir setzte, zog mir einen Hocker heran, legte die Beine hoch, atmete aus, lehnte mich zurück, schloss die Augen. Matti flatterte über meinen inneren Bildschirm, ich sah ihr Gesicht vor mir, wie ich sie letzte Nacht gesehen hatte.
Mist.
Ich kannte das Gefühl. Ganz klar. Ich war verliebt. ‚Mann Mann Mann‘, wie ein bei mir beliebter Fernsehpolizist gerne sagte, wenn in der beschaulichen Wache einmal zu oft das Telefon klingelte, ‚Heute ist ja mal wieder was los hier…!‘

Es klapperte, Tante Klärchen balancierte auf einem Tablett etwas Großes heran und ich sprang auf, um ihr beizustehen.

Zwei alte Sektgläser, Kelche, ziseliert, oh je, wenn das man gutging, die waren nicht für spontane Gartenfeten gemacht, ich rettete sie vom Tablett, das Tante Klärchen soeben auf den Gartentisch wuchtete.
„Veuve Cliquot“, kicherte sie, als hätte sie schon zwei Kelche davon getrunken, „no pun intended, auf das Neue, ja?“ Sprachs, ergriff mit geübter Hand den Flaschenhals, ‚rosé brut, aha‘, dachte ich, und Tante Klärchen nahm eine blütenweiße Serviette vom Tablett, ratsch, die Folie, dreh den Drahtverschluss, und dann gings mit dem weißen Tuch dem Korken an den Kragen, „Glas“, schrie sie, und es ploppte satt, der Korken flog in den Garten, der Schampus sprudelte, zwei Kelche waren schnell voll.

Wir erhoben die Gläser, zarter erdbeeriger Duft, leises Knacken der Perlen, die schnurgerade an die Oberfläche schwebten. Wir schauten uns in die Augen, Trinkspruch Tante Klärchen.

„Willkommen, Schäfchen“, sagte Tante Klärchen, „Auf dich, auf uns und auf die Insel!“
Wir hoben die Kelche, fast übervoll, und tranken das köstliche Gesöff der Witwe Klick.

32 Die Weisheit des fehlenden Notausgangs

Tante Klärchen setzte mit Schwung ihren Kelch auf den Tisch: „Ich will dir mal was sagen, Helene“, hub sie an und mir wurde schlecht.

Was mit ‚Ich will dir mal was sagen‘ anfängt, endet nie gut, in meiner begrenzten Erfahrung. ‚Ich will dir mal was sagen‘ wird nur getoppt von: ‚Ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber…‘, einem Spruch, den nur die auf den Lippen haben, die dir anschließend ganz kräftig zu nahe treten werden und nur nicht die Verantwortung für ihre Grenzverletzung übernehmen wollen. Während ich in meine Klinik-Vergangenheit abdriftete, hatte Tante Klärchen bereits weitergesprochen, und ich musste mich schleunigst wieder einklinken: „… und deshalb denke ich, dass da so vieles zusammenkommt, was es ganz ideal für dich macht, auf der Insel zu sein“, schloss sie und strahlte mich verschmitzt und irgendwie ein bisschen schräg an.

„Was?“ entfuhr es mir, „Äh, entschuldige, ideal für mich, wie meinst du das denn?“ Ich hoffte, sie hätte meine zeitweise Abwesenheit nicht bemerkt und würde sich nochmal wiederholen, aber da standen meine Chancen bei Tante Klärchen schlecht.

„Na, du wirst es ja selbst entdecken: es liegt eine Weisheit darin, dass der Notausgang fehlt!“, meinte sie leichthin und schenkte sich geschäftsmäßig locker ihren dritten Kelch ein. „Du kommst hier nicht so leicht wieder weg, Helene, wenn du mal da bist, und das ist die Herausforderung hier!“

Ich war wieder ins eins der typischen Tante-Klärchen-Gespräche geraten, in denen ich regelmäßig aus der Kurve fliege, weil nichts so ist, wie ich es erwarte, und ich dauernd nachfragen muss, um auf einen grünen Zweig zu kommen.

Dazu empfiehlt es sich, wie ich aus jahrelanger Erfahrung weiß, den letzten Beitrag von Tante Klärchen nach unbekannten Wörtern zu durchforsten und die dann zurückzuspielen: „Es liegt eine Weisheit darin, dass der Notausgang fehlt?“ sagte ich, und Tante Klärchen war sofort wieder in Schwung: „Ja, denn ohne Notausgang darfst du dabeibleiben und dich mit der Sache beschäftigen, die dich angesprungen hat! Außerdem: Hier trifft man sich immer zweimal, auf der Insel!“ Ich war mir jetzt nicht mehr ganz sicher, wie gut die Tante den Schampus vertrug und wie tief die Kelche wirklich waren, die sie mit so geübter Hand nachfüllte.

Aber ja, da war eine Sache, die mich angesprungen hatte, das stimmte: Elenas Not hatte mich beeindruckt. Ich ließ das Ganze nochmal auf mich wirken, jetzt ohne Brechreiz, mit einer gewissen, kleinen Distanz, und spürte Bedauern, Trauer, und Scham. Ich hatte mich hinreißen lassen, war den unausgesprochenen Gedanken der anderen auf den Leim gegangen, ihrer Unsicherheit der Fremden gegenüber, ihrer Kontaktlosigkeit, in der die Gespenster wachsen. Plötzlich war das Mädchen, mit dem nie jemand sprach, eine Verdächtige, vielleicht sogar eine kaltblütige Mörderin.

„Elena wird die Insel verlassen, weißt du?“, sagte ich in die Gartenstille hinein. „Für sie war der fehlende Notausgang eine Falle, glaube ich. Sie hatte keine Chance in KK’s Familie, und mit KK wohl auch nicht, wenn ich so drüber nachdenke…“  Ich wurde wieder schweigsam und schaute mich um. „Irgendwie… irgendwie ist die Elena nicht auf dem Laufenden geblieben, hat die Dinge schleifen lassen, hat sich nicht um ihr Leben gekümmert, um das, was sie braucht…“ .

Es war leicht, unter dem aufmerksamen , aber irgendwie auch ungefähren und urteilslosen Blick von Tante Klärchen die Gedanken schweifen zu lassen. „Wie ich auch. Ich hab’s auch schleifen lassen, weißt du? Einfach immer weitergearbeitet, je mehr desto besser, eigentlich wirklich ganz gegen den Gedanken der Gesundheitsfürsorge, wenn ich mir das genau überlege… und der Vampir war echt eklig. Also echt.“

Ich merkte, wie ich Tante Klärchens Blick in den Garten folgte, Richtung Gärtnerhaus. Irgendwie kam mir Matti in den Sinn, ich dachte an ihr kleines, einfaches und gemütliches Haus, in dem keinerlei moderner Technikschnickschnack zu sehen war, obwohl sie im Museum mit allem zu tun hatte, was IT und soziale Medien und virtuelle Präsenz des Museums war. Aber zuhause… war zuhause. „Meinst du, ich könnte das Gärtnerhaus zu meinem Zuhause machen?“, fragte ich und war erstaunt, mich das sagen zu hören. Tränen standen mir in den Augen. „Elena wollte wohl auch ein Zuhause auf der Insel, in der Familie, und es hat nicht geklappt für sie…“

„Ja“, sagte Tante Klärchen. „Ja zu allem, Schäfchen. Für Elena ist die Geschichte, bisher jedenfalls, nicht gut ausgegangen. Und du, du kannst für dich sorgen, hier, und du hast …“ ihre Stimme wurde leiser, sie spitzte die Ohren: „Wer…, oh, du bist es, right on cue!“ rief sie jemandem hinter meinem Rücken zu, erhob sich flink und rannte ins Haus. „Gleich zurück!“, und ich drehte mich um und sah Matti da stehen, Tasche in der einen Hand, Rosenstrauß in der anderen. Ich sprang auf und rannte auf sie zu, sie ließ die Tasche fallen, den Strauß nicht, und umarmte mich einhändig. Kuss.

Tante Klärchen erschien, halbgefüllte Vase und neuer Kelch auf einem weiteren Tablett, strahlte Matti an: „Das wäre doch nicht nötig gewesen!“ Matti lachte, Tante Klärchen auch, ich auch, sie nahm den Strauß aus Mattis Hand, und ich spürte eine Leichtigkeit in mir, eine Fröhlichkeit, die mir lange abhandengekommen war.

Für die Rosen gabs Wasser, für Matti Schampus, den sie nicht ablehnte, wie ich bemerkte. „Nur ein kleines bisschen, bitte“, meinte sie leichthin zu Tante Klärchen, die ihr einschenkte. Wir stießen an, vorsichtig mit den alten Gläsern, und ein Donnerhall erklang. Nicht nur in meinem Kopf, offensichtlich, denn es kam gleich der nächste, und Matti und Tante Klärchen waren bereits auf und ergriffen alles, was ins Haus musste.

Ich stand noch am Tisch, da rannten sie schon über die Terrasse, und mich trafen die ersten schweren Regentropfen des Sommergewitters, und dann die nächsten, und sofort danach goss es wie aus Kübeln. Ich stand da, irgendwie ganz unbeweglich, völlig durchnässt innerhalb weniger Sekunden, ‚wie schön‘, dachte ich, der Regen war Balsam auf meiner Haut, das Kleben der Kleider störte mich nicht, alles war plötzlich frisch und leicht, duftend und neu, farbig und froh. In der Terassentür standen Tante Klärchen und Matti und lachten mich an, Wind kam auf, der Donner infernalisch, ich völlig begossen, und sie lachten. „Los jetzt, rein da“, schrie Tante Klärchen, und ich schaute auf Matti, und sie setzte sich in Bewegung, löste sich vom Türrahmen, kam raus in den Regen, zu mir, und sie war durchnässt bevor sie bei mir ankam, und ich sah die Tropfen sich aus ihren dunklen Haaren lösen und auf ihre Wangen fallen, die leicht gerötet waren, und sich einen Weg bahnen über ihre Haut zum Mund, zum Kinn, alles wie in Zeitlupe, und ihre braunen Augen ruhten auf mir, Tropfen auch in den Wimpern und auf den Augenbrauen, und wir hielten uns und lachten und lachten.

The End.

Helene ist auf der Insel angekommen, wie es scheint. Tante Klärchen kann interessiert auf ihre Zukunft schauen und Matti auch. „Leave them laughing…“, wie Tante Klärchen sagen würde.
Vieles bleibt offen, manches kann sich noch entwickeln…
Es ist gut möglich, dass wir Tante Klärchen, Helene, Matti, den Optimizer und einige andere auf der Insel weiter begleiten können, in einer ganz anderen Jahreszeit dann, einige Monate nach dem Ende dieses InselSommerRomans, in einer ganz anderen Atmosphäre, einer ganz anderen Zeit auf unserer ausgedachten Insel, wieder als Fortsetzungsroman jeden Freitag frisch: in einem
InselWinterRoman.
Also bleiben Sie uns gewogen, liebe LeserIn!
Wie die Leute auf der Insel gerne sagen, damit es nicht wie Abschied klingt und in dem sicheren Wissen, dass man sich sowieso wieder sehen wird:

„Erstmal!“

Und was kommt jetzt?
Jetzt kommt: The Power of Writing !
Wir widmen uns dem Schreiben als persönliche Kraftquelle.
Es erwarten Sie regelmäßige Posts zum Schreiben fürs Wohlbefinden, Schreiben in Entscheidungsfragen, Schreiben für die Resilienz, Schreiben, um sich selber zur Verfügung zu stehen und sich Zugang zu verschaffen zu den eigenen Möglichkeiten.
Ich plane Schreibgruppen und Einzelberatungen zur Kraft des Schreibens…

The Power of Writing: Kraftquelle Schreiben. In meinem Instagramm Account: @elisabeth_fuchs_ ist schon etwas davon zu sehen:

Erstmal!

Stay tuned for more!